
Amy Winehouse, 2004

Amy Winehouse, 2004

Led Zeppelin, 1969

Johnny Cash, American Recordings, 1994
Produzent/ Rick Rubin
Label/ Warner Bros.
Johnny Cashs Karriere war Ende der achtziger Jahren so gut wie beendet. Er hatte genügend Platten gemacht, genügend Songs geschrieben, ein genügend aufregendes (und aufreibendes) Leben gelebt und schien genügend zufrieden, seinen Lebensabend als Legende zu beenden. Und dann geschah das Unglaubliche: Der HipHop-, Rock- und Metal-Produzent Rick Rubin holte ihn, nachdem er Cash und Carter 1992 im Madison Square Garden live gesehen hatte und einfach nicht aus dem Kopf bekommen konnte, zu Aufnahmen.
Es müsse eigentlich „reduced“ nicht „produced“ heissen, wenn er arbeite: Er habe immer die Musik auf ihren Kern zurückführen wollen. Cash sollte einfach nur er selbst seine Songs, „trigger-Songs“ singen (am Ende wurden es mehr als hundert). Rubin verschaffte Cash ein Comback, mit dem in dieser Form wohl niemand mehr gerechnet hätte. Plötzlich war der alte Mann für die junge, unabhängige Country-Szene, das, was Neil Young für die Grunge-Kids war: der Übervater.
Auf dem bezeichnenderweise „American Recordings“ betitelten Album (auf dem Cover sieht man zwei Hunde, die Cash „Sünde“ und „Vergangenheit“ getauft hatte) begleitete sich Cash selbst auf der Gitarre (die Aufnahmen fanden in Rubins Wohnung und in Cashs Blockhütte statt). Einmal mehr hinterliess er den Eindruck von draussen zu kommen und vom Leben zu singen, wie es wirklich ist (neben eigenen Songs interpretierte er Lieder von Nick Lowe, Glen Danzig, Tom Waits, Loudon Wainwright III und Leonard Cohen). Er verband die Neunziger mit altehrwürdigem Folk, Blues und Country. In dem ruppigen Song „Delia’s Gone“ geht es um einen Mord: ein Mann fesselt seine Frau an einen Stuhl und schiesst ihr in die Seite, um sie leiden zu sehen, und tötet sie mit einem zweiten Schuss. In dem Video sieht man Superstar-Model Kate Moss. Cash in schwarzem, langem Mantel auf einem Friedhof mit schwarzer Gitarre und im Wind wehendem Haar, Moss im Sommerkleid, ein Kreuz mit „Delia“ im Hintergrund. Gitterstäbe.

Exene Cervenka and John Doe of the LA punk band X, West Hollywood, 1982

The Kingsmen, Louie Louie, 1963
Text/Musik/ Richard Berry
Produzent/ Ken Chase, Jerry Dennon
Label/ Jerden
„Louie Louie“ ist eines der grundlegenden musikalischen Motive der Rockgeschichte. Ein kruder Riff, einfach und ungehobelt, ein lautes Stolpern über die rudimentäre Akkordfolge Tonika – Subdominante – Dominante – Tonika. Dann eine Pause, und es geht wieder von vorne los. Ein Rhythmus, der einen hin- und herschüttelt plötzlicher Beschleunigung und ebenso schlagartigem Verstummen.
Mehr ge- als erfunden hat den Riff der R&B-Sänger und Produzent Richard Berry aus Los Angeles, als er im Frühjahr 1956 auf der Suche nach Material für eine Aufnahmesession seiner Doo-Wop-Gruppe The Pharaohs die Clave-Figur eines Cha-Cha-Grooves bearbeitete.
Acht Jahre später stürmten die Kingsmen, eine halbprofessionelle amerikanische Nordwestküsten-Rockband, mit ihrer Version von „Louie Louie“ die britischen Charts. Die Kingsmen hatte den Riff beschleunigt, den Rhythmus aus der Fassung gebracht und all den Lärm aufgewirbelt, der sich in der rudimentären Komposition abgesetzt hatte. Seitdem gibt es bis in die Gegenwart hinein unzählige Neuauflagen des Stücks: offene Coverversionen, versteckte Plagiate, Huldigungen und Umformungen, die nur noch vom Gestus der Urform zehren. Auch wenn das Stück allen bedeutenden englischen Bands der frühen 60er Jahre als Inspiration gedient hatte, waren doch die Kinks die Band, die am intensivsten in der Goldader „Louie Louie“ schürfte. Die grossen Hits der allerersten Zeit: „You Really Got Me“, „All Day And All Of The Night“, „I Need You“ sind allesamt Fundstücke aus diesem Traditionsstrom.

Ry Cooder, Paradise And Lunch, 1974
Produzent/ Russ Titelman, Lenny Waronker
Label/ Reprise
Die neun Songs auf „Paradise And Lunch“ repräsentieren ausschliesslich alte Traditionals, alte Bluesnummern und Ausflüge in Gospel und traditionellen Folk. Die verwendeten Instrumente passen perfekt dazu, und lassen die Bilder von Feldarbeitern, alten Männern auf der Veranda und alten Autos, also typische Klischees zu Blues und Folk, im Kopf des Hörers entstehen. Kein Anderer als Ry Cooder kann dieses Flair entstehen lassen, diesen relaxten Sound, der tief in der amerikanischen Roots-Musik verwurzelt ist.
Meine persönlichen musikalischen Höhepunkte, neben dem bereits erwähnten Opener „Tamp Em Up Solid“, sind übrigens die gospelig-vertrackte Coverversion von „Jesus On The Mainline“, sowie die verspielten Reggae-Version von „It’s All Over Now“. Auch die letzte Nummer der Platte, wo Ry Cooder allein mit dem eleganten Pianisten Earl Hines und seinen perlenden, präzisen Pianofiguren das lustige Nonsense-Lied „Ditty Wa Ditty“ zum Grooven bringt, ist in dieser Besetzung wohl einmalig. Tolle und abwechslungsreiche Musik, die das Herz berührt – was will man mehr?

Stevie Wonder during a rehearsal session in Los Angeles, 1974

Lowell George, 1970

Etta Baker and Taj Mahal, 1998

Etta Baker, One-Dime-Blues, 1991
Produzent/ Lesley Williams, Wayne Martin
Label/ Rounder Records
Etta Baker, 1913 geboren, wuchs mit dem Blues auf: ihr Grossvater spielte Banjo, ihr Vater Gitarre, ihre Mutter Piano. Ihr Fingerpicking-Stil erinnert an Reverend Gary Davis, Blind Boy Fuller oder Elizabeth Cotton – kommt aber präziser und mit mehr Melodieanteilen daher – was auch an dem späten Aufnahme-Datum und der somit weiterentwickelten Studiotechnik liegen dürfte.
Die Aufnahmen zu „One-Dime-Blues“ fanden 1990 statt: da war Etta bereits 77 Jahre alt, aber ihre Vitalität, Lebensfreude, aber auch ihre Ernsthaftigkeit beim Gitarrespielen waren ungebrochen vorhanden. Dabei hatte sie seit ihrer Hochzeit 1936 nie mehr öffentlich gespielt – ihr Ehemann wollte sie abends zuhause haben – tagsüber arbeitete sie in einer Textilfabrik, um dabei mitzuhelfen, die neun (!) Kinder durchzubringen. Erst nachdem die Kinder aus dem Hause waren (ein Sohn starb in Vietnam) und ihr Ehemann durch einen Schlaganfall verschieden war, kündigte sie ihren Job (1973, da war sie also 60) – und begann wieder öffentlich Gitarre zu spielen. Sie trat auf verschiedenen Folkfestivals auf und wurde immer häufiger von Menschen in ihrem Dreizimmerhäuschen in Morganton, North Carolina besucht.
Die Musik war für die alte Frau ein Familienalbum. Spielte sie „Dew Drops“, das sie als Dreijährige auf Vaters Schoss als erstes Lied gelernt hatte, war ihr, als lebte der Daddy noch. 90 Jahre lang verging seither kein Tag, an dem Etta Baker nicht musiziert hätte, um in Erinnerung an ihre Lieben zu versinken. Am 26. September 2006 starb die Pionierin des Piedmont-Blues, 93-jährig.