The Monkees, The Best Of The Monkees, 2003

Produzent/ Andrew Sandoval

Label/ Rhino

Sie waren beatlesker als die Beatles. Und das hatte ja schon seine Logik, weil sie nämlich sein wollten wie die Beatles und darum einfach ignorierten, wie sich die Beatles von sich selbst entfernten mit den Jahren, von den musikalischen Schlüsselreizen, die sie berühmt gemacht hatten. 1966 übernahmen also The Monkees mit sagenhaft eingängigen Verschnitten von rollenden Beats, knuffigen Rock-’n’-Roll-Gitarren, Handclaps und poliertem Harmoniegesang.

Die Monkees waren eine der ersten erfolgreichen Boygroups der Popgeschichte. Sie wurden allerdings nicht für die Bühne gecastet, sondern für die Fernsehserie „The Monkees“, die von 1966 bis 1968 lief und die von einer amerikanischen Band erzählte, die sich erfolglos abmühte, so erfolgreich wie die Beatles zu werden. Der Plot ging nicht auf: Schon 1967 verkauften die Monkees mehr Platten als die Beatles und die Rolling Stones zusammen; dies dank Hits wie „I’m a Believer“ oder „Daydream Believer“. Natürlich ist hier fast alles Sonnenschein, und natürlich sind die Lieder voller Mädchen, die den singenden Männern den Sommer bringen, sie zum Lachen bringen oder auch nur ihre Sinne wegblasen. Bessere Zeiten herrschen, knapp 67 Minuten lang. Gute Reise Michael.

Robert Plant & Alison Krauss, Raise The Roof, 2021

Produzent/ T Bone Burnett

Label/ Rounder

Die Kombination aus Led-Zeppelin-Sänger Robert Plant, Bluegrass-Star Alison Krauss und Rootsrock-Produzent T-Bone Burnett wurde 2009 zum grossen Abräumer bei den Grammy Awards. Dem Meisterwerk „Rising Sands“ schiebt das Team jetzt endlich einen Nachfolger hinterher. „Raise The Roof“ wird den hohen Erwartungen gerecht. Mit untrügerischem Instinkt und tollen Begleitmusikern (darunter Marc Ribot, Bill Frisell, Jay Bellerose) interpretiert das Duo Country-, Folk-, R&B- und Bluessongs von Merle Haggard, Allen Toussaint, den Everly Brothers, Anne Briggs, Geeshie Wiley, Hank Williams und anderen. Hier verschmelzen die Genres miteinander und machen nachvollziehbar, wie sie einst die Rassenbarrieren überwinden und sich gegenseitig beeinflussen konnten. Die Stimmen von Plant und Krauss harmonieren wunderbar, mühelos gleiten sie von verführerisch zu zupackend.

Entsprechend unterschiedlich sind meine Lieblingssongs aus dieser Kollektion: Unter die Haut geht mir Alison Krauss‘ Gesang in „Don’t Bother Me“ (Bert Jansch), während das bluesige Riff in Lucinda Williams‘ „You Can’t Rule Me“ fast an Led Zeppelin erinnert. Erstaunlich, wie es T-Bone Burnett einmal mehr gelingt, traditioneller Musik neues Leben einzuhauchen, ohne den historischen Sound zu imitieren. Ein Ohrenschmaus.

XTC, Black Sea, 1980

Produzent/ Steve Lillywhite

Label/ Virgin

Ja, XTC waren eine gute Pop-Band. Die einzige Gruppe, die wirklich die Balance zwischen den Residents und Monkees zu halten wusste, bei der jeder Einfall so logisch wie überraschend kommt. Die Songs auf „Black Sea“ enttäuschen, wie schon bei „Drums And Wires“ (1979), kein bisschen, nur die Produktion ist reifer geworden: Der Einsatz von Terry Chambers charakteristischem Schlagzeug, die Dubs, Echos und Halleffekte. Andy Partridges Vokalartistik. XTC waren durch diese Platte auch ein bisschen populärer geworden, nicht zuletzt durch die beatlesquen Harmonien etwa auf „General And Majors“ oder „No Language In Our Lungs“. Beatles- und Kinksähnlich auch immer die Mischung aus Rauhheit und Emotionalität.

In „Respectable Street“ zum Beispiel. Nach dem gesprochenen in einer gebrochenen Stimme vorgetragenen Intro (Albumversion), laubsägelt eine verzerrte Gitarre ein Powerriff, in das Schlagzeug und Bass fallen. Partridge schiebt gleich den Refrain nach: „Heard the neighbour slam his car door. Don’t he realise this is a respectable street. What d’you think he bought that car for‘. Cos he realise this is a respectable street“.  Im Prolog, der gegen Ende des Songs wiederholt wird, kommentiert der Sänger die Nachbarn, im Refrain zitiert er sie. In den Strophen führt er ihre Klagen aus und mischt sich kommentierend ein.

„Black Sea“ ist eine Platte, die mich damals beim ersten Anhören restlos überzeugt hat, die ich aber auch heute noch gerne höre. Wer allerdings bei einem Song wie dem quirligen “Living Through Another Cuba“ oder „Optimism’s Flames“ nicht begeistert ist, wird sich nie mit XTC anfreunden.

Ry Cooder, Get Rhythm, 1987

Produzent/ Ry Cooder

Label/ Warner Bros.

Dieses Album wollte ich schon lange mal vorstellen: eine der ersten Nicht-Soundtrack-Platten von Ry Cooder. Hier die Liste derer, die mitgemacht haben: Buell Neidlinger, einst Bassist von Cecil Taylor, dann Dirigent, dann wieder bei Van Dyke Parks aufgetaucht. Der wiederum spielt alle Keyboards. Larry Blackmon von Cameo ist bei einem scharf gewürzten „All Shock Up“ zu hören. Harry Dean Stanton kommt zu Wort, wenn es virtuos traurig wird. Vier schwarze Backgroundsänger sind auch dabei. Und Flaco Jimenez.

Ry Cooder hat mit dieser Platte reizend sauber ein zwangsneurotisches Bild von Amerika zusammenkonstruiert: Alles kann nur noch exakter, noch reizender, noch lustiger werden. Eigentlich verwunderlich, dass darin Leute wie Jim Dickinson Songs geschrieben haben. „Woman Will Rule The World“ ist eine eigenartige Mischung aus mexikanisch und Calypso; eines der seltenen Liedern, für die nur ein Adjektiv taugt: fein. Ry Cooder ist mit „Get Rhythm“ so gut wie in den Zeiten von „Chicken Skin Music“(1976). Das war jene schöne friedvolle Zeit, als man, ohne als Zuhälter angesehen zu werden, Hawaii-Hemden tragen konnte.

Hot Tuna, Steady As She Goes, 2011

Produzent/ Larry Campbell

Label/ Red House

Erstaunlich, wie langlebig manche Bands auch ohne Ewigkeitsruhm à la Rolling Stones sind. Hot Tuna hat es an Bekanntheit niemals mit dem „Mutterschiff“ Jefferson Airplane aufnehmen können. Doch noch heute ist die Gruppe (nach kurzzeitiger Unterbrechung in den 80er Jahren) auf Tour. Und mit Jorma Kaukonen und Jack Casady sind zwei der Gründungsmitglieder noch immer an Bord. Damit ist sie die am längsten existierende Band der kalifornischen Hippie-Szene… Seltsam eigentlich, dass es zwanzig Jahre dauern musste, bis sie mal wieder ein Album aufgenommen haben.

Wenn Musiker als „authentisch“ oder ur-amerikanisch geltende Rockmusik einspielen wollten, dann war das Studio des 2012 verstorbenen Schlagzeugers und Bandleader Levon Helm in Woodstock ein gern aufgesuchter Ort. Denn irgendwie gilt seit den Tagen der „Basement Tapes“ (oder fälschlicherweise seit dem Woodstock-Festival) Woodstock als ein fast mythischer Ort. Hot Tuna jedenfalls ist dieser Ausflug gut bekommen.

„Steady As She Goes“ mag nicht das spektakulärste Bluesrockalbum sein. Doch die zwölf Songs (ob von den Bandmitgliedern geschrieben oder Neuinterpretationen etwa von Rev. Gary Davis) sind in ihrer ruhigen Art auf jeden Fall mehr als hörenswert. Die Lieder treten nicht im Wettstreit um den schnellsten und härtesten Bluesrock an, sondern sind mit Mandolinen und anderen akustischen Instrumenten eher im Grenzland zwischen Folk, Blues und Country angesiedelt. Und damit kann man sich einen ruhigen Abend sehr angenehm vertreiben.

Phil Alvin, Un „Sung Stories“, 1986

Produzent/ Phil Alvin

Label/ Slash Records

Er war der Blasters-Chef, er liebt die amerikanischen Traditionen und hat auf angenehme naturbelassene Art einen Haufen Standards der Gattungen Blues, Vaudeville, Jive, Swing eingespielt. Der Begriff Americana war 1986 noch nicht weit verbreitet, passt aber perfekt zu den Inhalten von „Un ‚Sung Stories'“. Phil schöpft das Repertoire aus seinen eigenen jugendlichen Lieblingskünstlern und -liedern und belebt einen frühen Bing Crosby-Hit, eine Gospel-Verkleidung von Elder Anderson Johnson und nicht weniger als vier Songs von Cab Calloway. Auf ein paar Lieder wird er von einigen ehemaligen Mitgliedern der Blasters begleitet, auf anderen von der Dirty Dozen Brass Band aus New Orleans. Am wichtigsten war vielleicht, dass er Sun Ra überredete, für ein paar Tage ins Studio zu kommen, um sein Arkestra in einer Session zu leiten, die drei der zehn Songs des Albums produzierte. Das Endprodukt ist belebend und überzeugend.

Jim Jarmusch, Down by Law, 1986

Regie/ Jim Jarmusch

Produktion/ Alan Kleinberg

Label/ Island Pictures

Die Eröffnungssequenz mit der Kamera in einer endlosen Fahrt durch New Orleans habe ich bei dem Tom Waits Song „Jockey Full Of Bourbon“ bereits erwähnt. Dann werden wir Zeuge, wie die wunderbare Laurette (Ellen Barkin), in ­Negligé und wirrer, weissblonder Haar­spray-Mähne weinend die ganze Plattensammlung, Lebenswerk des arbeitslosen ­Radio-Discjockeys Zack (Tom Waits) aus dem Fenster schmeisst. Zack lässt es geschehen, sitzt tatenlos auf dem Bett, bis Laurette seine Lieblingslederstiefel packt – da, wir ahnen es, ist die Liebe vorbei! Damit fängt der Film aber erst richtig an: Gemeinsam mit dem obercoolen Zuhälter Jack (John Lurie) und dem italienischen ­Lebenskünstler Roberto (Roberto Benigni) landet Zack in einer Gefängniszelle. Zuerst gehen die drei ungleichen Ganoven ­einander gehörig auf den Wecker. Bis zu dem Zeitpunkt, als Roberto, der sich zwar anglophil „Bob“ nennt, aber kaum ein Wort Englisch spricht, die Lethargie seiner Genossen mit einem alten Schlager durchbricht.

„I scream, you scream, we all scream for ice cream“, einer nach dem anderen stimmt mit ein, bis die drei in einem durch­geknalltem Indianertanz ihre Zelle auf den Kopf stellen. Das ist der Anfang einer wunderbaren Freundschaft. Bald darauf brechen die drei aus dem Gefängnis aus, brechen auf, in eine ungewisse ­Zukunft – frei nach dem Vorbild der Holly­­wood­-Filme, die Roberto gesehen hat, getrieben von der Gewissheit: Es kann nur besser werden. Verfolgt von Gendarmen und Gesetz schlagen sie sich durchs Sumpfland und finden in der Einöde unverhofft das Glück, in Form einer rüstig-rustikalen Wirtin (Nicoletta Braschi).

Dieser Schwarzweiss-Streifen, diese Gangster­ballade, dieser postmoderne Film Noir war für mich 1986 ein Glücksfall. Auch heute bleibt „Down by Law“ für mich eine von diesen ewigen Filmperlen, die ich mir immer wieder ansehen kann, sie hat nicht nur die Einsicht, was ein guter Film nicht braucht ( Animationen, Explosionen, Farbe), sondern auch der unsterbliche Satz von Roberto Benigni, Quintessenz aller ­Tragikomödien, der damals genauso zutraf wie heute: „It is a sad and beautiful world.“

Status Quo, Piledriver, 1972

Produzent/ Status Quo

Label/ Vertigo

Haare runter, die Mähne geschüttelt und in die Saiten gedroschen. Wer auf hart rockenden Gitarren-Boogie-Rock steht, kann mit Status Quo eigentlich nichts falsch machen. Schon gar nicht mit den Alben, die die Band zwischen 1972 und 1981 veröffentlicht hat. Auch wenn angeblich jedes Lied gleich klingt und Status Quo lediglich drei Akkorde kennen, hat doch jedes Album seinen eigenen Charakter.

Das 1972 erschienene „Piledriver“ ist das erste von etlichen Hammer-Alben, die Status Quo herausgebracht haben. Schon der erste Ton zeigt wo es langgeht. Hier werden keine Kompromisse gemacht. Statt dessen wird gerockt, was das Zeug hält. „Don’t Waste My Time“ ist ein schnörkelloser Boogie mit wenig Text, aber langen Gitarrensoli. „Oh Baby“ basiert auf dem gleichen Boogie-Rhythmus, allerdings kommt der Song etwas melancholischer daher. So gesehen ist der Song zumindest von der Melodie alles andere als typisch für Status Quo. Leiser und langsamer geht es dann mit „Unspoken Words“, einem lässigen Blues und der Ballade „A Year“ weiter.

Die A-Seite der LP ist damit beendet. Die B-Seite wird mit dem harten Rocker „Big Fat Mama“ eröffnet. Dann folgt „Paper Plane“, ein nicht mal dreiminütiger Power-Rock. Die Gitarren klingen hier speziell, Francis Rossi singt genial. Und am Titel kann man wieder mal erkennen, wie sehr der Band der Inhalt der Texte egal war. Mit „All The Reasons“ kommt der zweite sanfte Song, ehe das Doors-Cover „Roadhouse Blues“ das Album auf grandiose Weise abschliesst. „Piledriver“ ist ein Hammer-Album voller Klassiker und abwechslungsreich wie vielleicht kein anderes Status Quo Album.

Neko Case, Blacklisted, 2002

Produzent/ Neko Case, Darryl Neudorf, Craig Schumacher

Label/ Anti-Records

Die Assoziationen stellen sich schnell ein: Flirrende, geisterhaft leere Highways. Ein Truckstop am Rande von Nirgendwo. Ein einäugiger Hund. Die Zukunftsaussichten so düster verhangen wie der Himmel. „The hammer clicks in place – The world is gonna pay“ heisst es im Opener „Things That Scare Me“, dazu klappert unheilvoll das Banjo.

Die stimmgewaltige Neko Case schwelgt mit „Blacklisted“ zutiefst in dunklen Klängen und Atmosphären. Mit tatkräftiger Unterstützung so ausgewiesener Könner wie Joey Burns & John Convertino (Calexico), Howie Gelb oder Mary Margret O’Hara, entstanden schimmernde Country-Noir-Soundscapes, die auch in den Albtraumwelten eines David Lynch ihren Platz hätten. Düster, spröde und mysteriös kommen die Songs daher. In deren Adern zudem das Vermächtnis alter Klassiker pulsiert. Selten lagen Schönheit und Unbehagen so nah beieinander.

„Deep Red Bells“ ist mit knapp vier Minuten schon der längste Song des Albums. Was dieser Aufnahme seine Magie verleiht, ist aber weniger undurchsichtige Exzentrik, sondern eine glasklare Stimme, wie sie das 21. Jahrhundert bis dato nicht kannte – mit seiner songdienlichen, musikalischen Untermalung jedenfalls das Highlight des Albums für mich.

Los Lobos And Various Artists, La Bamba Soundtrack Album, 1987

Produzent/ Joe Sill, Taylor Hackford

Label/ Warner Bros. Records

An jenem Nachmittag in August 1958 hing die Luft zentnerschwer über L. A. In der kleinen, stickigen Bar vermischte sich der Geruch von abgestandenem Rauch mit dem von Schweiss und Bier. Maria schob flink den Schrubber über den schmutzigen Holzboden. Ihr Neffe David guckte ihr bei der Arbeit zu. Er war eben vier Jahre alt geworden. Maria summte ein Lied, ihr Parfüm duftete schwer und süss. Vielleicht wurde Maria von dem Jungen abgelenkt; mit dem Bestenstiel stiess sie das gerahmte Foto von der Wand. Das Glas zersprang. „Ay, que susto!“, welch ein Schrecken! David griff nach dem Glas. Blut tropfte von seinen kleinen Fingern auf das Porträt des jungen Ritchie Valens, der als Richard Steven Valenzuela im mexikanischen Stadtteil von Los Angeles aufgewachsen war.

Das kleine Missgeschick in der mexikanischen Bar war die erste Begegnung des späteren Los-Lobos-Sängers David Hidalgo mit dem Teenager-Idol Ritchie Valens. Valens starb 1959 bei einem Flugzeugunglück zusammen mit Buddy Holly. Er hinterliess unter anderem eine meisterhafte Version von „La Bamba“, einem traditionellen mexikanischen Lied.

Die Jahre vergingen. David Hidalgo gründete mit Schulfreunden Los Lobos. Sie trugen schwarze Anzüge und dunkle Sonnenbrillen und entwickelten ihren eigenen Stil: ein schweisstreibende Mischung aus mexikanischem Folk und Rock. Verkannt von den grossen Massen, wurden Los Lobos zu den Vorbereitern von Musikern wie Ricky Martin und Jennifer Lopez, die später mit den hispanischen Wurzeln das grosse Geschäft machten. Latino wurde chic und beinahe allgegenwärtig, von den Pop-Greisen Buena Vista Social Club bis zu Aventura, der Boyband mit den lateinischen Wurzeln, die es vielleicht nie gegeben hätte, wäre es nicht damals, an jenem heissen Augusttag, zur schicksalhaften Begegnung in der kleinen mexikanischen Bar gekommen. Denn Los Lobos gelang nur einmal ein wirklicher Hit „La Bamba“. Im gleichnamigen Film wurde David Hidalgo 1987 zur Stimme von Ritchie Valens.