Them, It’s All Over Now, Baby Blue, 1967

Text/Musik/ Bob Dylan

Produzent/ Tommy Scott

Label/ Decca

1972, an einem Wochentag um 21 Uhr lief im ZDF-Hauptprogramm das Fernsehspiel „Die Rocker“. Der Regisseur Klaus Lemke versuchte darin ein authentisches und unverfälschtes Bild vom Hamburger Kiez der frühen Siebziger Jahre zu erstellen. Deshalb wurden auch keine Schauspieler verpflichtet, sondern Laiendarsteller, die sich selbst spielen. Sogar ihre bürgerlichen Namen wurden mit übernommen. Keine Kostüme, sondern ihre tatsächliche Kleidung. Dieser Versuch ist absolut geglückt. Auch 50 Jahre später fasziniert der Film immer noch als herausragendes, einzigartiges Stück Zeitgeschichte aus dem Hamburger Rocker- und Asozialenmilieu der frühen Siebziger. Hier wird geschlägert und gesoffen, den Spiessern der Scheitel gezogen und sich natürlich auch gegenseitig zerfleischt. Zwischendurch gibt es immer wieder coole Sprüche für die Ewigkeit.

Der richtige Sound, von den Rolling Stones über Santana bis Led Zeppelin, verstärkt noch den authentischen Effekt des Films. Und vor allem die Gruppe Them, deren sanftmütiges „Its All Over Now, Baby Blue“ gleich mehrfach erklingt in dem Streifen, u.a. als Kontrast zu einer erotischen Begegnung auf einer Kneipentoilette. Durch den Film von Klaus Lemke erlangte der Song, den Them mit ihrem Sänger Van Morrison bereits in den 60er Jahren veröffentlicht hatte, Kultstatus. Nach der Ausstrahlung von „Rocker“ kam „It’s All Over Now Baby Blue“ umgehend in die deutschen Charts und blieb dort für einige Wochen. Der von Bob Dylan geschriebene Song hat seinen Kult-Charakter bis heute nicht verloren.

The Rolling Stones, Mother’s Little Helper, 1966

Text/Musik/ Mick Jagger, Keith Richards

Produzent/ Andrew Loog Oldham

Label/ Decca

Hausfrauen nahmen gern das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan, bis dessen schädigende Wirkung 1961 bekannt wurde. Danach sorgte Valium für Beruhigung – auch als Ausgleich für die aufputschende Wirkung vom Ampethaminen, die sehr beliebt waren. Die Gewohnheit, morgens Aufputsch- und abends Beruhigungsmittel einzuwerfen, sorgte bei Millionen von Menschen, die man gemeinhin dem braven Bürgertum zuordnete, für regelrechte Drogenabhängigkeit. Die Stones haben diesen unseligen Helferlein durch den Alltag der Mütter einen Song gewidmet: Mein Gott, dieser Stress heutzutage! Und die Kinder, die sind heute Monster! Mutter braucht heutzutage etwas, um sich zu beruhigen. Eine kleine gelbe Pille hilft ihr, durch den stressigen Tag zu kommen. Es gibt nur noch Fertiggerichte, frisches Essen zuzubereiten ist anstrengend geworden. Oder ist sie nur empfindlicher? Eigentlich hat sie ja alles, was sie sich sich gewünscht hat: Ehe, Familie, Wohlstand, die Segnungen der modernen Technik, Komfort – aber die Routine des modernen Lebens ist sinnentleert, und deshalb ist sie unzufrieden und sucht nach Betäubungen. Die Überdosis hat sie schon längst erreicht, und was dann kommt ist der Drogentod.

Das Beruhigungsmittel Valium (Diazepam) führt zu Entzugserscheinungen und Nebenwirkungen wie Angstzustände, Antriebsverlust, Wutanfällen, Halluzinationen, Gefühlskälte und Psychosen. Kein Wunder, dass es keinen Unterschied zwischen Eltern und Heroin-Junkies gibt. Auch die Motive gleichen denen eines gestressten Musikers. Und Keith Richards war gestresst. Er konsumierte schon jung Drogen, erst Alkohol und dann Amphetamin, LSD, Kokain und am Ende Heroin. Später hat Richards mit dem Glauben aufgeräumt, dass Drogen einen Musiker kreativer machen. Im Alter von 77 Jahren sagte er, dass die Drogen sein Leben nicht völlig ruiniert hätten, führe er alleine auf seine robuste, von den sportlichen Eltern geerbte, Konstitution zurück – doch Geld und gute ärztliche Versorgung dürften hier auch wesentlich dazu beigetragen haben.

The Monkees, The Best Of The Monkees, 2003

Produzent/ Andrew Sandoval

Label/ Rhino

Sie waren beatlesker als die Beatles. Und das hatte ja schon seine Logik, weil sie nämlich sein wollten wie die Beatles und darum einfach ignorierten, wie sich die Beatles von sich selbst entfernten mit den Jahren, von den musikalischen Schlüsselreizen, die sie berühmt gemacht hatten. 1966 übernahmen also The Monkees mit sagenhaft eingängigen Verschnitten von rollenden Beats, knuffigen Rock-’n’-Roll-Gitarren, Handclaps und poliertem Harmoniegesang.

Die Monkees waren eine der ersten erfolgreichen Boygroups der Popgeschichte. Sie wurden allerdings nicht für die Bühne gecastet, sondern für die Fernsehserie „The Monkees“, die von 1966 bis 1968 lief und die von einer amerikanischen Band erzählte, die sich erfolglos abmühte, so erfolgreich wie die Beatles zu werden. Der Plot ging nicht auf: Schon 1967 verkauften die Monkees mehr Platten als die Beatles und die Rolling Stones zusammen; dies dank Hits wie „I’m a Believer“ oder „Daydream Believer“. Natürlich ist hier fast alles Sonnenschein, und natürlich sind die Lieder voller Mädchen, die den singenden Männern den Sommer bringen, sie zum Lachen bringen oder auch nur ihre Sinne wegblasen. Bessere Zeiten herrschen, knapp 67 Minuten lang. Gute Reise Michael.

The Who, Boris The Spider, 1966

Text/ Musik/ John Entwistle

Produzent/ Kit Lambert

Label/ Polydor

Die finanzielle Situation von The Who war ziemlich desolat, als 1966 ihr zweites Album fällig war. Mit der Plattenfirma hatten sie einen Vorschuss von fünfhundert Pfund ausgehandelt, der jedoch erst ausgezahlt werden sollte, wenn jedes Bandmitglied zwei Songs abgeliefert hatte. Nachdem sie John Entwistles „Whisky Man“ geübt hatten, erkundete sich Pete Townshend bei seinem Bassisten, ob er seinen zweiten Song schon fertig habe. Um nicht als faul zu erscheinen, nickte Entwistle zustimmend, der allerdings lieber mit Bill Wyman und Charlie Watts um die Häuser gezogen war, statt im stillen Kämmerlein zu komponieren. Townshend wollte Näheres wissen: „Wovon handelt er?“ Von einer Spinne. „Wie heisst er?“ Entwistle wand sich schuldbewusst und druckste rum. Als er mit Bill und Charlie zechen war, hatten sie, schon ziemlich angeheitert, spasseshalber blöde Tiernamen erfunden und so stammelte er schliesslich: „Oh, äh, ‚Boris The Spider‘.“

Als dann Townshend auch noch wissen wollte, wie der Song geht, kam Entwistle in Panik. Er eilte nach Hause und schrieb das Ding in einem Rutsch. „Es war der schnellste Song, den ich je in meinem Leben geschrieben habe.“

The Pretty Things, Get the Picture?, 1965

Produzent/ Bobby Graham, Glyn Johns

Label/ Fontana

In den frühen Sixties waren The Pretty Things die wildeste aller britischen Rhythm & Blues-Bands – laut, rüde, wild. Als die von dem Sänger Phil May angeführte Horde enthusiastischer R&B-Freaks 1964 ihre erste Hit-Single „Rosalyn“ veröffentlichten, schien ihr Weg zum Starruhm vorgezeichnet. Doch die grosse Kohle machten schliesslich andere aus derselben Londoner Szene von Kunststudenten – The Who oder die Rolling Stones.

Neben dem Gitarristen Dick Taylor war der mit seiner Mischung aus Aggression und androgyner Zügellosigkeit und für damalige Verhältnisse extrem langhaarige May der perfekte Frontmann für den R&B, den die Pretty Things zelebrierten. Dass es bei den Liveauftritten regelmässig zu Tumulten kam, festigte ihren Ruf als Bad Boys. Nach dem sehr traditionellen, wenn auch umwerfenden Debütalbum, machten die Pretty Things, auf ihrem zweiten Album „Get The Picture?“ gleich mal ein ganz anderes Fass auf. Zum einen stürzten sie sich in kraftvolle Eigenkompositionen, die trotz Beat und Blues wirklich schon garagenrockmässig daherkamen und zugleich psychedelische Elemente mit ins Repertoire brachten. Was man auch an manchem Titel sofort erkennt („L.S.D.“).

Dieses Statement dürfte auch ein wesentlicher Bestandteil des aufkeimenden Swinging London gewesen sein. Hier ist der Beginn einer kulturellen Revolution mitverankert, die dann hemmungslos stilistische Zutaten verschmolzen hat und zu einem eigenen Ausdruck fand. Und diese Aufbruchstimmung hört man deutlich heraus. Sicherlich wurde dies später noch verfeinert, aber „Get The Picture?“ ist und bleibt ein wichtiges Album in der Entwicklung der Rockmusik in den 60ern.

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Them, The Angry Young Them, 1965

Produzent/ Bert Berns, Dick Rowe

Label/ Decca

Heutzutags verbindet man mit Garage Rock alles was mit verzerrten Gitarren und fast unverständlichem Gesang daherkommt. Die Wurzeln vom Garage Rock siedeln sich jedoch im Rock’n’Roll an und tönen tun’ die noch anders als der heutige „Garage Rock”.

Eine wichtige Band für dieses Genre waren Them, ein Quintett aus Nordirland. Ihr Debut “The Angry Young Them” ist im Jahr 1965 erschienen. Der erfolgreiche Van Morrison war, bevor er mit seiner Solokarriere durchstartete, damals Sänger bei Them. Der grosse Durchbruch gelang der Band Them jedoch nie. Darum bleiben viele ihrer Songs vergessene Klassiker.

Die Platte „The Angry Young Them“ beherbergt neben einzelnen Covers ganze sechs vom Morrison geschriebene Songs. Der eigentliche Hit des Albums ist „Gloria“. Es gibt wohl wenige Titel, die öfter gecovert wurden, egal ob von Grössen wie Patti Smith, The Doors, Jimi Hendrix, Bruce Springsteen, Iggy Pop oder von zahllosen Schüler- und Hobbybands. Der Song war auch die erste Singleveröffentlichung von Them in den USA, wo die Band als Teil der „British Invasion“ vermarktet wurde. Im Rahmen ihrer US-Tour traten Them zwei Wochen – mit den Doors im Vorprogramm – in L.A. im legendären Rockclub „Whisky a Go Go“ auf, wo Jim Morrison und Van Morrison gemeinsam „Gloria“ im Duett sangen.

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The Kingsmen, Louie Louie, 1963

Text/Musik/ Richard Berry

Produzent/ Ken Chase, Jerry Dennon

Label/ Jerden

„Louie Louie“ ist eines der grundlegenden musikalischen Motive der Rockgeschichte. Ein kruder Riff, einfach und ungehobelt, ein lautes Stolpern über die rudimentäre Akkordfolge Tonika – Subdominante – Dominante – Tonika. Dann eine Pause, und es geht wieder von vorne los. Ein Rhythmus, der einen hin- und herschüttelt plötzlicher Beschleunigung und ebenso schlagartigem Verstummen.

Mehr ge- als erfunden hat den Riff der R&B-Sänger und Produzent Richard Berry aus Los Angeles, als er im Frühjahr 1956 auf der Suche nach Material für eine Aufnahmesession seiner Doo-Wop-Gruppe The Pharaohs die Clave-Figur eines Cha-Cha-Grooves bearbeitete.

Acht Jahre später stürmten die Kingsmen, eine halbprofessionelle amerikanische Nordwestküsten-Rockband, mit ihrer Version von „Louie Louie“ die britischen Charts. Die Kingsmen hatte den Riff beschleunigt, den Rhythmus aus der Fassung gebracht und all den Lärm aufgewirbelt, der sich in der rudimentären Komposition abgesetzt hatte. Seitdem gibt es bis in die Gegenwart hinein unzählige Neuauflagen des Stücks: offene Coverversionen, versteckte Plagiate, Huldigungen und Umformungen, die nur noch vom Gestus der Urform zehren. Auch wenn das Stück allen bedeutenden englischen Bands der frühen 60er Jahre als Inspiration gedient hatte, waren doch die Kinks die Band, die am intensivsten in der Goldader „Louie Louie“ schürfte. Die grossen Hits der allerersten Zeit: „You Really Got Me“, „All Day And All Of The Night“, „I Need You“ sind allesamt Fundstücke aus diesem Traditionsstrom.