Dire Straits, On Every Street, 1991

Produzent/ Mark Knopfler

Label/ Vertigo

Alles, was nach den superben ersten vier Alben kam, trug zum Gigantismus des Dire-Straits-Phänomen bei und drohte zwangsläufig den integren Knopfler-Purismus der Gründerzeit gehörig zu verwässern. Der wurde dafür weitergepflegt auf Marks Soloprojekten, während die Band als massentaugliche Brothers-in-Arms ihren Sturmangriff durchzogen auf die CD-Einstellfächer der schmucken Yuppie-Schrankwände und die Portemonnaies der Gelegenheitskäufer.

Das letzte Dire Straits Album „On Every Street“ kommt zweigleisig daher: Da ist eine deutliche Verbeugung vor jedwedem zahlungskräftigen Musikhörer mit einer Vorliebe für gefällige Weisen, wogegen die meisten Titel dieses Albums sich spürbar um Rückkehr zur leisen Reinheit der Anfänge bemühen („Fade To Black“ oder der Titelsong bis zum Crescendo). „Ticket To Heaven, „You And Your Friend“ und auch die brilliante Single „Calling Elvis“ mit der in bester Dylan-Manier dahingenuschelten Collage von Presley-Songtiteln wurzeln tief im Boden der J. J. Cale- und Ry Cooder-Tradition. Die Songs erweitern darüber hinaus die musikalische und textliche Enge des Country-Blues durch kluge und penible Bearbeitung in der Stille der Meisterwerkstatt des uneitlen Mark Knopfler zu einer überzeugenden Form moderner Weltmusik, deren Qualität den Ohren auch heute noch Freude macht.

Rainer, Worried Spirits, 1992

Produzent/ Rainer Ptacek

Label/ Glitterhouse Records

Es müssen nicht immer junge, drogenabhängige Musiker sein, die für tragische Momente in der Musikgeschichte sorgen, sondern auch andere widrige Umstände können zum Tode führen, wenngleich das im Falle von Rainer Ptacek wohl im Gegensatz zu allen „Helden“ auf nicht allzu viel Widerhall stiess. Der im Juni 1951 in Ostberlin geborene Musiker, wanderte mit seinen Eltern im Alter von fünf Jahre nach Chicago aus. Am 12. November 1997 starb er an einem Hirntumor, das erstmalig 1996 diagnostiziert wurde. Monate zuvor verhiess eine erfolgreiche Therapie noch eine gute Prognose.

Die Zeit in Chicago hinterliess bei Rainer Ptacek bestimmt einige Blues-Spuren, doch vielmehr war der Umzug nach Tucson, Arizona in den frühen Siebzigern bestimmend für das, was sich musikalisch entwickelte. Rainer spielte in mehreren Bands bzw. mit Freunden wie Giant Sand und Howe Gelb. Diese Leute sind so ziemlich bewandert in allen amerikanischen Populärmusiken, ohne dass dafür eine grossartige an die Glocke hängbare Archäologen- und/ oder Archivar-Tätigkeit nötig gewesen wäre. Diese konservierte Tradition, die keine pathetischen Namen braucht, ist in Rainers Musik stark präsent.

Mit „Worried Spirits“ hat Rainer sein vielleicht bestes Album eingespielt, fast 72 Minuten mit instrumentalen Improvisationen und Solosongs. Sein Spiel auf der National Steel ist begeisternd, sein Songwriting mitreissend und die Stimme ein bis auf die Knochen schneidendes, intensives Instrument. Das ist Musik mit dem Feeling eines Ry Cooder in scheinbar intimer Atmosphäre eingespielt. Der Gesang klingt etwas unbeholfen nach Bob Dylan, aber beileibe nicht schlecht, sondern ausdrucksstark. Hier passt einfach alles zusammen – sehr schöne Musik, ohne Anspruch auf das Erreichen von Charts-Notierungen.

Tom Petty And The Heartbreakers, Damn The Torpedos, 1979

Produzent/ Jimmy Iovine, Tom Petty

Label/ Geffen

Das dritte Album von Tom Petty. Eigentlich gibt es über seine Musik nicht viel zu sagen, was nicht schon gesagt worden wäre: Es sind Liebeslieder, mal glücklich „Here Comes My Girl“, mal traurig „Don’t Do Me Like That“, mal zornig „What Are You Doing In My Life?“, und die Musik und Stimme von Tom Petty klingt wie die Byrds. Er spielt seine Gitarre hart phrasierend und im puren Rock’n’Roll-Feeling, in dem etwa bei „Century Girl“ durchaus ein Chuck Berry hätte Pate stehen können.

Die Arrangements sind dicht, aber vordergründig, klar, mit wenigen, meist als Auftakt oder Schluss, verspielten Akzenten, mal ist man langsam balladesk „You Tell Me“ und mal wieder ausgelassen Boogieorientiert, einmal noch „What Are You Doing In My Life?“, das auch ein auf Speed geratener J.J. Cale hatte schreiben können. Mit „Lousiana Rain“ klingt das Album dann stilgerecht Folk-Rock-mässig aus. Ich lege die Scheibe gerne auf, es lässt sich dabei so ungemein wohlig ausspannen. Sonst hätte ich eigentlich nichts mehr zu sagen.

Gov’t Mule, Revolution Come… Revolution Go, 2017

Produzent/ Warren Haynes, Gordie Johnson, Don Was

Label/ Fantasy Records

Oft wird Warren Haynes, Gitarrist, Sänger, Songschreiber von Gov’t Mule als „hardest working man in roots rock“ bezeichnet. Nach mehr als 30 Jahren und Tausenden von Konzerten muss die Band keinem mehr was beweisen. Souverän kombiniert sie auf „Revolution Come… Revolution Go“ Blues, Soul, Latin-Funk und Jazz mit Southern-Rock und bleibt stets innovativ. Besonders überzeugt hier – neben der stilistischen Breite- das starke Songwriting. „I’m here today because there’s somethings I wanna get off my chest“, singt Haynes in der Ballade „The Man I Want to Be“. Die Zeile ist nicht bloss das Statement eines Liebenden, sondern lässt sich auch auf die politisch gemünzten Aussagen im Titelstück und anderen Songs anwenden: „Stone Cold Rage“ („People talking about a revolution / People talking ‘bout taking it to the streets“) oder „Burning Points“ („All this rampant stupidity seems to be spreading like fire“).

Das sind keine klaren Statements, eher Ausdruck grossen Unbehagens. Musikalisch halten sich harter Bluesrock und Besinnlich-Autobiografisches wie „Dreams & Songs“ in etwa die Waage. „Revolution Come…Revolution Go“ ist für mich in seiner Vielseitigkeit eines meiner Lieblingsalben von Gov’t Mule.

Living Colour, Vivid, 1988

Produzent/ Ed Stasium, Mick Jagger

Label/ Epic

Die jungen, rauen Living Colour waren wie eine Band von einem anderen Stern. Kaum eine andere Band der späten Achtziger setzte den Begriff „Crossover“ so konsequent in die Tat um, verfügte über so viel Talent und konnte auf der Bühne so trefflich improvisieren. Das Debütalbum enthält den Kracher „Cult Of Personality“, der bei MTV im Tagesprogramm landete. Aber auch ein paar weitere Songs wie „Memories Can’t Wait“ und „Desperate People“ können überzeugen.

Phänomenal ist vorallem das Intensive Zusammenspiel des Quartetts. Will Calhoun und Muzz Skillings demonstrieren, welch unglaubliche agile Rock/Soul-Rhythmusgruppe sie sind und Sänger Corey Glovers Stimmumfang beeindruckt. Was auch immer er sich mal bei Prince abgeguckt hat, schreit er hier so druckvoll raus, dass sich das Nackenhaar sträubt. Und Gitarrist Vernon Reid ist ein begnadeter, origineller Vertreter seiner Zunft. Auf „Vivid“ gelangen Living Colour ein paar ausgefeilten Klanglandschaften und feurige Rhythmusattacken. Leider kamen alle späteren Werke nicht mehr an dieses phänomenale Debüt heran.

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Ray Wylie Hubbard, Dangerous Spirits, 1997

Produzent/ Lloyd Maines

Label/ Philo Rounder

Sähe er nicht aus wie der intellektuelle Bruder des Yeti, hätte er in den Siebzigern glatt als Reaktionär durchgehen könne. Der Song „Up Against The Wall, Redneck Mother“ machte den Okie Ray Wylie Hubbard quasi über Nacht berühmt. Die Mutter, die ihren Sohn dazu erzieht, in den Honky-Tonks Hippies zu verprügeln, das schrammte knapp an Merle Haggards „Okie From Muskogee“ vorbei. Doch der Text steckt voller Ironie – wie natürlich auch der von Haggard. Danach war lange nichts los bei Ray Wylie Hubbard ausser Alkohol und Drogen. Irgendwann schaffte es Hubbard von den Anonymen Alkoholikern, wo er seine zukünftige Frau kennenlernte, zu den bekanntesten Wahltexanern.

1997 erschien sein insgesamt achtes Album, das erste für Philo Rounder, und bis heute bestes. Hubbard selber zitierte Bob Dylan und Gram Parsons als wichtige Einflüsse. Die Kratzer in der Stimme, ein feiner Sinn für Ironie, Blues-Riffs, ein bisschen Bibel, eine dicke Scheibe Weltliteratur, dazu viel Autobiografisches und Erfundenes, das ebenso gut wahr sein könnte. Keine fade Songwriter-Introspektive, sondern Riff und Soli für alle. Und das alles aus einem Guss. Das muss man erst mal auf die Reihe kriegen.

Willy DeVille, Miracle, 1987

Produzent/ Mark Knopfler

Label/ A & M

Das ist die Platte eines Mannes mit Dreitagebart und Unterhemd, die den Titel „Miracle“ trägt und obendrein von Mark Knopfler produziert und gitarrenmässig geprägt ist. Ein interessante Liason, die sich da im Schein einer zitronenfarbigen Glühbirne aufgetan hat, und sich leicht verwelkt charmant in dem abgenutzten Glauben von Willy DeVille an sich selbst verkörpert. Der getriebene Wahnsinnige, auf Spanisch kokettierende und schmachtende Kitschbruder hat hier in den Armen des Laid-Back-Spezialisten Mark Knopfler ein Heim gefunden.

Da gibt es diesen Traum von Hochzeit in „Heart And Soul“ mit einem Ave Maria, die Geschichte von „Spanish Jack“, der Gentleman, der Jim erschoss, weil er falsch pokerte und selbst eine Ballade vom „Southern Politican“, dem feisten faschistoiden Grossgrundbesitzer, der an Blumen schnüffelt und Kinder küsst, während gelynchte Neger im Kanal treiben. Und auch bei den rührenden Liebesballaden, kennt sich Knopfler aus in der Raffinesse der Stilistik. Willy brodelt und ächzt und schmiert sich nochmal Öl ins Haar und singt Van Morrisons „Could You Would You?“ als wäre es für ihn gemacht, und schraubt dann wieder korrekt rauchig-kratzig einen Gesang à la Lou Reed zusammen („Spanish Jack“), und immer hält Knopfler die Linie. Er hat sich viel Zeit genommen, um Willy DeVille das grosse weiche Kissen zu bieten, dass alle Übertriebenheiten, Romantizismen, die Anklagen an die Frau mit dem steinernen Herzen und die Feststellungen über die angebliche Herstellung von Sicherheit durch Waffenkontrolle in den USA „(Due To) Gun Control“ gleichermassen gleichklingend aufnimmt.

Talking Heads, True Stories, 1986

Produzent/ Talking Heads

Label/ Sire

Natürlich kann es noch schlimmer kommen, denn das hier ist nicht nur grossartig, sondern auch noch wahr. Getreulich aufgezeichnet von einer Band, die ehemals als zu kopflastig verrufen war, die jeden Menschen zum Studenten machte, auch wenn er kein Abitur hatte. Abends in der Kneipe wurde dann wieder diskutiert, was dieses Stück sei, das sei eigentlich auch nicht schlecht. Und die neuste von den Talking Heads, habe irgendwie meiner Meinung nach auch wieder den Glanz eines Meisterwerks.

In leicht fasslicher Form gibt es auf „True Stories“ eine Abrechnung mit der grausige Welt der US-Kleinbürger. „True Stories“ ist aber nicht nur eine Platte, sondern auch gleichzeitig ein Film. Eine skurrile Momentaufnahme eines kleines Städtchens mitten in Texas voller seltsamer Typen, die in ihrer jeweils eigenen Welt leben und sich durch den Alltag einer Kleinstadt quälen. Subtiler und feiner Humor, eingepackt mit den Songs und reizvoll kontrastierend mit patzigen Dirty-Bubblegum-Pictures. Alles ein bisschen schmierig. In den Videos, bei denen einen das Grausen anfliegt, kommt David Byrne als Bandmitglied immer noch am Besten raus.  Das aber dieser eingeschlagene Weg nicht der richtige war, zeigte sich bereits zwei Jahre später mit dem letzten Album der Band. „Naked“ ist eine grandiose Rückkehr zum besten Album „Remain in Light“.

Rising Sons Featuring Taj Mahal and Ry Cooder, 1992

Produzent/ Amy Herot, Bob Irwin

Label/ Columbia Records

Die Rising Sons wurden 1964 gegründet und lösten sich 1966 nach einer Single wieder auf. Für einen Eintrag in die Annalen der Popmusik wäre dies ein bisschen wenig, wenn diese Band nicht mehr als zwanzig Songs aufgenommen hätte, von denen mehr als die Hälfte heute noch frisch und innovativ klingen. Und: Taj Mahal und Ry Cooder waren mit von der Partie.

1964/65 waren die grossen Plattenfirmen recht ungeholfen im Umgang mit Rockmusik. Niemand in den Chefetagen hatte eine Ahnung, was mit dem Lärm anzufangen sei. Singles waren das Pop-Format. Die Rising Sons sollten die damals weitgehend unbekannte Musik aus dem Süden Amerikas hitparadentauglich machen. Das Konzept war ebenso einfach wie überzeugend: entweder ganz langsam spielen oder ganz schnell und hart spielen. Die Kompositionen von Robert Johnson, Blind Willie McTell oder Willie Dixon hielten das aus, nicht aber die Handgelenke von Ed Cassidy, der den „Statesboro Blues“ live einmal so schnell und lang spielen musste, bis sein Arm in Gips endete.

Das ganze Jahr 1965 hindurch waren die Rising Sons eine gefragte Live-Band in Los Angeles, aber als sich auch Anfang 1966 kein für alle verträgliches Gruppenkonzept durchsetzen liess, löste sich die Combo auf. Die stilistischen Fliehkräfte, die schliesslich The Rising Sons auseinander brachten, sind auf dem 1992 erschienen Album erstmals zu hören. Alles wurde probiert: Beatles, Byrds, Blues, Country und Songs von Goffin und King, die damals Tin Pan Alley revolutionierten. Taj Mahal ist 1992 nochmals in Studio gegangen, hat die alten Aufnahmen abgehört und für drei Songs neue Gesangsspuren aufgenommen.

The Breeders, Last Splash, 1993

Produzent/ Kim Deal, Marc Freegard

Label/ Elektra Records

Glamour war nicht ihre Sache, sie kokettierte nicht mit einem Popstar-Image. Kim Deal wollte da gar nicht erst mitmachen. Haare waschen für ein Cover-Shooting? Völlig unnötig. Deal teilte gerne sarkastische Seitenhiebe auf heteronormative Rollenbilder aus. Die Breeders begannen eigentlich als Nebenprojekt der Pixies-Bassistin Kim Deal und der Throwing Muses-Gitarristin Tanya Donelly. Doch auf „Last Splash“ war Letztere schon gar nicht mehr dabei, dafür spielte die Zwillingsschwester von Kim Deal, Kelley Deal mit und eine grosse Rolle.

Was den Breeders immer wieder und wieder gelingt, ist der vielseitige Spannungsaufbau. Von leise zu laut zu leise führen halt mehr Wege als eine schnurgerade Steigerung. So wechseln sich auf „Last Splash“ eingängige Melodien und die Pop-Harmonien der Deal Schwestern mit staubtrockenem Gesang und verzerrten, wuchtigen Gitarren-Riffs ab. Der Übertrack des Albums ist „Cannonball“: Man kann sich fragen, welcher Teil des Songs der beste ist. Der loopende Basslauf, die catchy Gitarren- und Drum-Breaks, das hypnotische Summen am Anfang oder doch der energetische Refrain? Egal: Want you coocoo cannonball…

Am 31. August 2023 wurde „Last Splash“ 30 Jahre alt. Über die Jahre hinweg hat sich gezeigt, dass es egal ist, mit wem Kim Deal in einer Band spielt. Sie weiss sehr genau, wie ihre Musik klingen soll. Und sie schreibt Songs, die eine ganze Menge Musikerinnen und Musiker inspiriert haben.