Dusty Springfield, Son of a Preacher Man, 1968

Text/Musik/ John Hurley, Ronnie Wilkins

Produzent/ Jerry Wexler

Label/ Atlantic Records

Immer mitten in die Fresse rein. Dusty Springfield stammte aus einer komplexbeladenen Londoner Kleinbürgerfamilie und neigte zur Selbstverstümmelung. Auf Parties warf sie mit dem Abendessen um sich. Gegen Bühnenangst kippte sie Drinks. Sie prügelte sich mit dem selbstgefälligen Jazz-Schlagzeuger Buddy Rich, weil sie dessen sexistische Sticheleien nicht mehr ertrug.

Wer genau hinhört, kann ein Echo dieser inneren äusseren Konflikte in ihrer Musik vernehmen. Ab 1963 hatte Dusty Springfield ein paar Hits, die sich scheinbar passgenau in das damals gängige Popschema einfügten. Doch Titel wie „Wishin’ And Hopin“ oder „I Just Don’t Know What To Do With Myself“ lassen eine emotionale Abgründigkeit durchscheinen, die eher im Blues und Soul zu finden ist als im britischen Pop. Als Ende der 60er Jahre ihre Karriere stagnierte, kam man auf die Idee, Dusty in die USA zu schicken, nach Memphis. Der Produzent Jerrry Wexler schlug ihr 80 Songs vor, die ihr alle nicht gefielen; einige Wochen später suchte sie doch zwanzig davon aus. Zu den Studioterminen erschien sie oft zu spät, weil sie morgens endlos fürs Make-up brauchte. Nach endlosem Psychokleinkrieg sang sie die Titel des Albums „Dusty In Memphis“ dann in New York ein. „Son Of A Preacher Man“, im November 1968 erschienen, wurde ein Hit, doch das Album floppte. Was die Künstlerin kein bisschen überraschte: „Ehrlich, ich habe keine Ahnung, warum die Platte so hoch angesehen ist“, behauptete sie und hörte sich ihr Meisterwerk erst ein Jahr später an.

Jimi Hendrix, Smash Hits, 1968

Produzent/ Chas Chandler

Label/ Polydor

Ende der 60er Jahre war eine Single trotz des mit den Beatles, The Who, The Kinks, Pink Floyd, Moody Blues und den Rolling Stones heraufdämmernden Albumzeitalters immer noch das Mass aller Dinge. „Smash Hits“, die einzige von Hendrix noch zu Lebzeiten veröffentlichte Compilation, sollte vorallem eine Zusammenfassung seiner Seven-Inch-Juwelen – sowohl der A- als auch der B-Seiten – sein. Wobei zu dieser Zeit grosse Unterschiede in der Veröffentlichung von Singles in den verschiedenen Ländern gang und gäbe waren. So war etwa der europäische und japanische Singlehit „Purple Haze“ auf der nordamerikanischen Version von Hendrix’ Debüt-LP „Are You Experienced“ enthalten. Nimmt man die zuerst erschiene UK-Version von „Smash Hits“ als Grundlage, ist „Foxy Lady“ das einzige Stück, das nicht als Single erschien. Zumindest nicht in Europa, denn unter dem Namen „Foxey Lady“ wurde der „Are You Experienced“-Song in den USA als Single veröffentlicht. „Fire“, auch als „Let Me Light Your Fire“ bekannt, erschien 1969 in Europa als Seven Inch.

Was „Smash Hits“ als Originalalbum aber so grandios macht, war nicht unbedingt das Alleinstellungsmerkmal einiger Songs, sondern die pure Kraft und Magie von Jimi Hendrix, komprimiert auf jeweils etwa drei Minuten. Wahre „Smash Hits“ eben! Da wurde keine Zeit verschenkt, da ging es gleich zur Sache. Rockgeschichtsschreibung und Pop, abgeleitet von Popularität, erlebten hier eine seltene und stilsichere Fusion. Kernstück des Albums war Hendrix’ erste Single „Hey Joe“. Mit jenem Lied brannte er sich 1966 ins kollektive Bewusstsein der Rockmusik-Fans ein. Bis zu „Smash Hits“ gab es den Song eben nur als Single. Da diese Platte schon vor den Aufnahmen zu „Axis: Bold As Love“ konzipiert worden war, konnte sie keine Songs von diesem Werk enthalten, obwohl einige von ihnen bestens zu ihr gepasst hätten.

Neil Young, Harvest, 1972

Produzent/ Neil Young, Jack Nitzsche

Label/ Reprise

„Harvest“ mit dem Hitmonster „Heart of Gold“ wurde damals als „kommerzieller Mist“ abgetan. Nichts war uncooler, als diese Platte zu mögen. „Harvest“ in aller Öffentlichkeit aufzulegen, das war wie Kindersex im Internet: Alltag, aber so etwas von unkorrekt! Dabei serviert uns hier ein auf die 30 zugehender Superstar seine ganze Twen-Angst, sein Bibbern vor dem Altern, sein bisschen Philosophie, spielt sein ungeheures Potential aus, ebenso einfache wie wundersam dauerhafte Melodien zu zaubern, zelebriert seine hünenhafte Selbstgerechtigkeit, die nur noch von seinem Mitgefühl für sein eben dem Krankenbett entwichenen Ich und eine Handvoll Freunde übertroffen wird.

Dazu chargiert Jack Nitzsche bombastische Orchesterarrangements à la Gershwin bis wir knietief durch Blut, Streicher und Tränen waten: Ja, „A Man Needs a Maid“. Dies alles in seiner Monströsität zu schätzen und zu verstehen, das Album „Harvest“ zu lieben, es nicht nur hippielagerfeuermässig auf das Nachträllern trauriger Liedchen zu reduzieren, sondern es in seiner Grösse, in seiner Humanität, Romantik und Sentimentalität auszustellen, das zeichnet den wahren Neil-Young-Fan aus, und nicht der Besitz einer 10-CD-Sammlung mit Live-Aufnahmen.

Tony Joe White, Uncovered, 2006

Produzent/ Jody White, Tony Joe White

Label/ Swamp Records

Wenn ein legendärer Künstler einen alten Hit neu aufnimmt, ist das gewöhnlich ein ganz schlechte Idee. Zu sehr riecht das nach billigem Kaufanreiz. Doch dann hört man diese Zeitlupenversion von „Rainy Night In Georgia“… So viel Nacht war nie um diesen Klassiker, so bedrohlich leise hat White ihn noch nie geraunt; solch Orgelschmelz, so eine verletzliche Harmonika, so sanft gepatschte Trommelstöcke trugen diesen Song noch nie; und selbst die „Aaahs“ und „Uuuhs“ des Frauenchors schaden seiner intimen Intensität nicht.

„Rany Night In Georgia“ ist der siebte Song auf Tony Joe Whites Album „ Uncovered“, und die davor sind auch gut. Der Mann, der Ende der 60er Rock, Soul und Blues zum Swamprock verschmolz und Hits für Elvis („Polk Salad Annie“) oder Ray Charles (eben „Rainy Night…“) schrieb, bewegt sich altersweise auf ureigenem Terrain. Nichts erinnert mehr an seinen Schlafzimmersoul der späten 70er- und der 80er Jahre. Jeder Gitarrenton, jeder Bläserton hat seinen richtigen Ort. Und die Superstars unter den Gästen – darunter Eric Clapton, Mark Knopfler und J. J. Cale – ordnen sich ganz einem ebenso Grossen unter. Ein Album, das man eher mit glühenden Kohlen als mit einem offenen Kaminfeuer assoziiert.

The Roches, 1979

Produzent/ Robert Fripp

Label/ Warner Bros.

Total überdrehter oder ausgelinkter Folk, schon allein wegen der sparsamen Begleitinstrumentierung und wegen der puren Gesangsstimmen. Die drei Roche-Schwester aus New Jersey singen allereinfachste Folk-Melodien, um sie jedoch in den unerwartesten Momenten zu vielstimmig breiten Harmonien auszuweiten und als Schluss einen verminderten Noneakkord, oder was weiss ich für eine komplizierte Klangschichtung nicht scheuen. Ihre Songs handeln von den kleinen, privaten Dingen des Alltags. So ist Terres „Mr. Sellack“ nichts weiter als die Bitte, in der Hamburgerbude dieses Herren wieder einen Job zu bekommen, und Suzzys „The Train“ handelt von einem verschwitzten und wortlosen Gegenübersitzen mit einem biertrinkenden Fettwanst im Zug. Doch unterscheiden sich die Roches in einem ganz wesentlichen Punkt von traditionellen Folksängerinnen: wo diese in Hingabe schmachten und in Spitzenhäubchenidylle zerlaufen wie Vanillepudding, der sich beim Stürzen als nicht steif geworden entpuppt, da reagieren jene rotznäsig oder lachen hämisch auf. Und Robert Fripp, der die Platte produziert hat, hat dafür gesorgt, dass das Werk durch sein fabelhaftes Gesamtkonzept glänzt, auch wenn seine E-Gitarre und seine „Fripperies“ kaum oder selten hörbar ist.

Tja, und auch nach ihrem Debüt sind die drei Roche-Schwestern in unregelmässigen Abständen in Erscheinung getreten, bis zum Krebs-Tod von Maggie Roche im Januar 2017. Sie haben dabei ihre herzige Unverblümtheit nie verloren. Kein Gerangel im Show-Biz, im Kampf um Marktanteile und Edelmetall-Alben. Also blieben sie ein „Geheimtipp“, der irgendwann starb, ohne dass jene Welt davon Notiz nahm, für die (und für jene Karrieremodelle) sie ja sowieso viel zu brillant waren.

Status Quo, Blue for You, 1976

Produzent/ Damon Lyon-Shaw, Status Quo

Label/ Vertigo

Auf „Blue For You“ ihrem 83. Album, machen Status Quo die gleiche Musik, die sie schon auf ihrem, 29. und 37. Album gemacht haben: Boogie, Boogie und nochmals Boogie!

Die, die Band mögen – ich gehöre auch dazu – werden auch dieses Album mögen, und all die anderen, die sie nicht mögen, werden leider wieder etwas von „Teenybopper-Gewichse“ murmeln und abfällig die Nase rümpfen. Über diesen Status Quo kann man nur traurig sein, aber da helfen Status Quo darüber hinweg…

Bob Dylan, Good As I Been To You, 1992

Produzent/ Bob Dylan

Label/ Columbia

Auf dem Cover gibt es eines dieser verkniffenen Kenn-ich-nicht-wasch-ich-nicht-Gesichter, inklusive ergrauendem Milchbart und Unfrisur. Innen findet man ein Foto von grauen Wolken und auf der Rückseite einen in Leder gekleideten Verwirrkopf mit Akustikgitarre, der so aussieht, als hätte ihm jemand das Textblatt geklaut. Was Dylan in den 13 Songtitel auf „Good As I Been To You“ macht, kann er besonders gut, weil er das bereits 30 Jahre zuvor gemacht hat. Damals war er ein charmanter junger Mann mit einer fragilen, näselnden Stimme, auf diesem Album sind es die maroden Stimmbänder eines alten Kauzes. Aber so gross ist der Unterschied nicht. Tatsächlich weist Dylan deutlich auf das hin, was wirklich an ihm individuell ist: die physische Präsenz der Stimme – egal wie begleitet, egal welche Songs sie singt – hier Traditionals, Blues, Folk -, die wie kaum eine andere das Talent hat, sich über alle Aufnahmebedingungen und elektronischen Zerlegungen hinweg zu erhalten.

Alles, was eine Singstimme normalerweise ausmacht, ist jedenfalls hier noch verkrüppelter als eh schon bei Dylan. Und es ist auch nicht der Charme dieser Schwäche, der mich anzieht. Es ist eher die raue Stimme des Dichters, der sich über Schnarren und Krächzen immer an der Grenze zum Rauschen mitteilen muss. Bei dem Buchstaben und Töne nicht mehr notierbar, auch austauschbar geworden sind.

The Go-Betweens, Liberty Belle & The Black Diamond Express, 1986

Produzent/ Richard Preston, The Go-Betweens

Label/ Beggars Banquet

Die Go-Betweens aus Australien waren typische Vertreter der in den 80er Jahren weltweit entstandenen Independent-Szene. Sie profitierten einerseits von der Professionalisierung der kleinen unabhängigen Labels und Vetriebsorganisationen, konnten ein Stammpublikum etablieren und von den Erträgen der Schallplatten und Konzertreisen leben, anderseits gelang es ihnen nicht, die Grenzen zu durchbrechen, die den Independent-Markt vom Massenpublikum trennen.

Die Alben der Go-Betweens sind wie lange Briefe von jemandem, den du kaum kennst. So überraschend wie Lebenszeichen eben sind. Auf „Liberty Belle & The Black Diamond Express“ haben sie ein Foto mitgeschickt, das sie als fröhliche Kleinfamilie porträtiert. Die Songtexte sind so, dass sie erklären, beschuldigen, philosophieren, den Blick auf Alltagsklischees gerichtet. Bedeutungen diskutieren. Wahrscheinlich Themen von Küchentisch-Gesprächen. Die hartzarten Melodien dieser Band klingen oberflächlich wie harmloser Pop, aber man hat immer das Gefühl, da ist etwas zuviel, irgendetwas, das weniger gefällig ist als blosse Provokation.

„Spring Rain“ kriecht so langsam ins Ohr wie das Thermometer gerade steigt. Eine merkwürdige Spannung macht die Songs faszinierend und hörenswert; hier ist jede Zeile ein Detail, das besondere Umsetzung erfordert. Jedes kleine Ding wird hier mit einem Nachdruck behandelt, der einfach nicht zur Popwelt und ihrer geordneten Dramatik passt. Die Musik lebt nicht von vorausgeplanten Reaktionen. Sehr gutes Album!

Bonnie Raitt, Nick of Time, 1989

Produzent/ Don Was

Label/ Capitol

Bonnie Raitt hat eine 50jährige Karriere mit diversen Grammy-Siegen und kommerziellen Hochs hinter sich. Dass ein Erfolg in den USA mit den auf den amerikanischen Markt zugeschnittener Musik kein Garant ist für vergleichbare Popularität in Europa, mag jene verblüffen, die in der Alten Welt nur einen Kulturvasallen der Kaugummifresser sehen. Bonnie Raitts Musik dürfte der Albtraum eines jeden Hip-Hopper und Elektro-Wavers sein. Schwerer R&B-Background, Boogie-Piano, kratzige Slide-Gitarre und dazu diese gönnerhaft raspelnde Stimme. Die Band besteht aus gestandenen, schwerknochigen Südstaatlern, mit Visagen, wie sie auch ein neger- und frauenverachtender Alabama-Faschist gerne aus dem Fenster seines Diesels rausgrinsen liesse.

Doch Bonnie Raitt ist eine warmherzige Frau, ihre Band eine homogene Zusammenstellung hochsensibler Musiker und „Nick Of Time“ ein grossartiges Album – mit kleinen Einschränkungen. Angenehm die Produktion von Don Was, der glücklicherweise darauf verzichtet hat, dem Album den Was- (Not Was)- Sound verpasst zu haben. Vielleicht hätte er Unsäglichkeiten wie den komischen Reggae-Groove in dem sonst sonst schönen „Have A Heart“ verhindern können. Aber mir gefällt die Leidenschaft bei „Real Man“ und die unkonventionelle Adaption des John Hiatt Stücks „Thing Called Love“. Neben hausgebackenem Mainstream, gibt es auch ein paar Blues-Songs und Balladen, wie „Nobody’s Girl“, bei denen jene Bodenständigkeit durchkommt, für die Bonnie Raitt in ihrer Heimat so geliebt wird.

Ringo Starr, Photograph: The Very Best of Ringo Starr, 2007

Produzent/ Richard, Perry, Ringo Starr, Don Was, George Harrison u.a.

Label/ Apple

Der heute 82jährige Ringo wurde bei den Beatles als tragikomische Ergänzung zu den intellektuellen und musikalischen Heroen John, Paul und George vermarktet und musste beweisen, dass sein lakonischer Lebens- und Schlagzeugstil kongenial zu Gurus, Love-Ins und immergrünen Pop-Hymnen passte, von denen er zu Beatles-Zeiten gerade mal zwei oder drei mit seinem Gesang verschönern durfte.

Nach den Beatles gingen seine Solo-Alben am besten, nicht zuletzt, weil er es als einziger schaffte, John, Paul und George auf einer Platte zusammenzubringen. Doch Dämon Alkohol, ein treuer Begleiter von Mr. Starkey seit den Liverpooler Tagen, verhinderte ein Happy End. Ringo selbst konnte sich Ende der 80er Jahre nicht mehr erinnern, wo er welche Songs aufgenommen hatte, durch welche Fernsehsendungen er gewankt und ob er zuletzt sieben oder zwölf Flaschen Wein pro Tag in sich hineinkippte. Auch die Plattenfirmen liessen Ringo Starr fallen; neun Jahre dauert es bis sein nächstes Album „Time Takes Time“ erschien. Und seither, trocken wie seine Witze, nutzt Ringo Starr seinen Legenden-Bonus und seine fachliche Reputation unter Kollegen, veröffentlicht alle paar Jahre ein Album und geht mit seiner All-Starr Band auf Tour.

Auf dieser Compilation sind alle Hits von Ringo vertreten, plus ein paar weniger bekannte Songs. Das Album ist eine gelungene Repräsentation dessen, was an 70er Jahre-Rock so liebenswert war; so zeigen Liedchen wie „I’m The Greatest“ und „No-No-Song“ die Starrsche Liebe zur Einfachheit ganz wunderbar. „Only You“ hingegen finde ich in seiner Version ziemlich schlapp und das „You’re Sixteen“ Cover hätte er sich sparen können. Dass der Nicht-Sänger Ringo aber doch singen kann, zeigen „Photograph“, „It Don’t Come Easy“, „Snookeroo“, „Goodnight Vienna“ und „Wrack My Brain“. Auf jeden Fall sorgt das Album bei mir im jetzigen Moment noch immer für sehr schöne Wiederhörensfreude.