Soul Asylum, Grave Dancers Union, 1992

Produzent/ Michael Beinhorn

Label/ Columbia

Aufreizend. Je mehr man über dieses Album nachdenkt, desto mehr demontiert es sich, zerlegt sich. Die Teile verschwinden nicht, keineswegs, aber liegen da wie ein Bausatz: Verfeinertes Headbanging für Collegeknaben. Jeder kann lernen, was es mit Hardrock auf sich hat, um endlich die Wahrheit über Hardrock richtig massenwirksam zu verbreiten. In dem Zusammenhang sind Soul Asylum natürlich gut, breiten sich aus, sind eine solide Band, unaufgeregt, spielen sie sich durch „Grave Dancers Union“, mit breiten gemächlichen Soli, leicht fadigem Gesang, ganz nahe bei R.E.M. aber mit mehr Feinheiten.

Mit „Somebody To Shove“ klappen sie ihr Popsongbuch auf, um es in einem gemächlichen „The Sun Maid“ zu beenden. Die fanfarigen Heavy-Metal-Breaks sind trotz aller Verkleidungen zu erkennen; den Gitarren und teils auch dem Piano unterlegt werden speedige Partikel, gekonnt eingesprenkselt, und irgendwo findet sich noch Platz für Akustik-Folk. Es gibt Momente, bei denen man schon fast an Springsteen denken könnte, und andere an frühere HüskerDü. Noch öfter denkt man aber an diesen Über-Hit „Runaway Train“ und das zugehörige Video über vermisste Kinder, mit dem die Band 92 plötzlich zu Weltruhm gelangte. Klar, „Runaway Train“ ist ein starker Song, aber es gibt auf diesem Album einen ganzen Haufen starker Songs. „Grave Dancers Union“ ist ein schönes klassisches Stück Ekstase. Dröhn ab. Soul Asylums Highlight.

The Walkabouts, Devil’s Road, 1996

Produzent/ Victor Van Vugt

Label/ Virgin

Eine wunderschöne Platte. Die sich aneinanderreihenden und endlos kettenartig abwechselnden Kettengesänge von Chris Eckmann und Carla Togerson sind das Fühlen, aus dem der Stoff dieser Band geschnitzt ist. Songs voller Hingabe und Fruchtfleisch, die nie eine schnöde Dramatik oder eine aufdringliche Struktur haben, obwohl sie sicherer und festgefügter klingen als das, was Bands normalerweise noch aus den gesichersten Standards von Hank Williams oder Bob Dylan herausholen.

Die Walkabouts aus Seattle haben eine neue Möglichkeit der Folkmusik ausprobiert, und damit schon Anfang der 90er Jahre eine Perfektion erreicht, die mit jeder Veröffentlichung bewegender und einzigartiger wurde. „The Light Will Stay On“ ist hier wohl das beste Beispiel dafür. Die oft von Streicherinstrumenten unterstützten Songs zeigen zwar eine nach allem offene Musikalität dieser Band. Anderseits haben die Walkabouts nichts vom kulinarischen Pop-Fan, es wirkt immer, als ob eine Blutbande, eine eherne Verbindung mit einer uramerikanischen Arbeiter- und Bauernmusik sie zwänge, sich diese wunderschönen und ergreifenden Folk- Rock-Songs auszudenken.

The Kinks, Low Budget, 1979

Produzent/ Ray Davies

Label/ Arista

Eine gute Platte. Einzig hervorzuheben an „Low Budget“ scheint mir das Mass an Bosheit, mit dem Ray Davies zum Rundschlag seiner Gesellschaftskritik ausholt. Als bösartiger Satyr, mit peitschendem Schweif lässt er nichts ungeschoren – seine Ironie ist ätzend-beissend. Lieder, die mit nettem oder beschaulichen Inhalt in Pop-Regionen abdriften, fehlen ganz. Die Musik ist derart hart und kantig, dass man die Kinks allein an Rays signifikanter Stimme erkennen kann. Lediglich „(Wish I Could Fly Like) Superman“ lässt Raum zum Schmunzeln: ein Disco-Imitat mit bumpernder Basstrommel, versteckten Bee Gees-Zitaten und einer bohrenden Spitze auf Hollywoods Protzprodukte. In „Catch Me Now I’m Falling“ fleht „Capitan America“ um Rückenstärkung, hintergründig äfft ein Engelschor „Falling, Falling!“, in „A Gallon Of Gas“ nimmt Ray die sogenannte Benzinkrise aufs Korn frei nach dem Motto: Endlich ist das langbestellte Auto da, aber es gibt keinen Tropfen Benzin mehr.

Die Geschichte vom Geld, das hinten und vorne nicht langt, singt Ray Davies im Titelsong „Low Budget“ wie immer bei seinen Kleinbürgersongs so glaubwürdig, dass man ihm die Story fast als seine eigene abkauft. Wer intelligente Rockmusik mit guten Texten mag, ist mit diesem Kinks-Album bestens bedient.

Pixies, Doolittle, 1989

Produzent/ Gil Norton

Label/ Elektra Records

Es gibt Leute, die halten „Surfer Rosa“ für das beste Album der Pixies. Vielleicht haben sie recht. Die von Steve Albini akribisch eingebügelten Ecken und Kanten haben wohl massgeblich dazu beigetragen, dass „Surfer Rosa“ damals (von der Jugend!) als ursprünglich und elektrisierend aufgenommen wurde. Doch der grosse Hit, der Klassiker, der Evergreen ist „Doolittle“. Das war die Platte, auf die sich damals alle einigen konnten. „Doolittle“ warf Wellen weit über die Grenzen des Undergrounds hinaus, hinterliess tiefe Spuren, beeinflusste viele Bands und bereitete nicht zuletzt den Grunge vor.

Die bluesigen, knarzigen, schmeichelnden und krachigen Entlehnungen aus dem Rock’n’Roll-Schatz sind wundersam artgerecht, lebendig – und meistens entstehen daraus kurze und kurzweilige Songs. Manchmal macht der Bass die Melodie, manchmal ist es die Gitarre, manchmal der Gesang, manchmal alle drei. „Debaser“, „Here Comes Your Man“ und „Monkey Gone To Heaven“ sind die Evergreens, aber keiner der 15 Songs fällt ab. Das liegt nicht zuletzt an der Produktion von Gil Norton: Sie ist geschliffen und geschmeidig, rückt alle Instrumente gleichberechtigt in den Vordergrund und holt den Pop-Appeal jedes Songs aus dem Krach. „Doolittle“ ist kein Punk, der sich als Pop ausgibt, sondern Pop der sich hie und da als Punk gebärdet. Und die Pixies wirken auf dem Album immer freundlich und gut gelaunt, egal wie laut der damals schon zu gemütlicher Rundlichkeit neigende Black Francis brüllt, keift und wütet und wie heftig die Gitarren krachen.

„Doolittle“ ist ein Klassiker, kein Zweifel, eine massgebende Platte der späten 80er Jahre und vorallem ein unverwüstlicher Evergreen, der heute nicht weniger frisch klingt wie damals.

Patti Smith, Dream Of Life, 1988

Produzent/ Fred Smith, Jimmy Lovine

Label/ Arista

Patti Smiths Alben und ihre Bücher sind das letzte, über das ich mich streite. Und wenn sie zehnmal ihre Texte mit See, Licht, Wolken, der Erde und Revolution überfrachtet. Sie darf alles. Die Träume, das Engel-Sehen, der Glaube an das Leben nach dem Tod und andere Sentimentalitäten, denn Patti Smith hat sich schon immer daneben ausgedrückt, seit sie im Alter von 28 Jahren angefangen hatte, ihre Idee vom Dichter-Leben in Rockmusik zu intergrieren. Immer nur das tun, was wirklich zu tun ist. Am Anfang waren die Lösungen radikal wie „Horses“, wie der Abbruch der Karriere 1979 nach „Wave“, um eben Karriere zu verhindern und weiterhin das zu tun, was zu tun ist.

„Dream Of Life“, dem Comeback, liegt diese Kombination aus grossem Kitsch und einer herrlichen Zähigkeit zugrunde, mit der Grössenwahn, eine krude Religiosität und auf diesen Pfeilern ruhende Dichtungen und Kompositionen offen und selbstbewusst, weniger hektisch und gehetzt als mit „Wave“ dargebracht werden. Es macht Spass das Album zu hören und mir fällt immer auf wie schön diese Musik ist. Selbst das rockhymnenhafte „Power To The People“ oder das ebenso gearbeitete „Looking For You“ haben eine einfache, schöne Schrabbligkeit, die sie vor dem Aufgehen im Mainstream bewahrt. Wie den alten Wintermantel, immer weiter nutzen. Hauptsache warm.

„Dream Of Life“: Liebe zur Familie, aber dennoch ein Versuch herauszukommen aus der Isolation des Lebens als Privatier. Einblick in die Essenzen der Beat-Poet-Hippie-Bewusstseins-Erweiterungen. Nie feist und fettig werden, dass Schönheit ist, auch wenn wenn sie sich im Unsinn von blühenden Sonnen und Zahlenmystik verirrt: „The dreamer is rising and considers the long field. And the clouds, like crazy eights, drifting horizontal. And his own hands, which hold, even so peacefully, so much power.“

J. J. Cale, Stay Around, 2019

Produzent/ J. J. Cale

Label/ Because Music

Er hatte nie den grossen Ruhm im Visier. Er sah sich eher als jemanden, der im Hintergrund arbeitet. Sein ökonomisches Gitarrenspiel prägte einen Stil. Er wurde am 5. Dezember 1938 als John Weldon Cale in Tulsa, Oklahoma, geboren. Er verstand sich immer als „Okie“, als einer von Oklahoma, wenngleich er auch in Kalifornien Fuss fasste. Er war ein Mann der Beständigkeit: „Ain’t no change in the weather, ain’t no change in me“, heisst es in seinem Lied „Call Me the Breeze“. Und Brise nenne man ihn, weil er sich einfach die Strasse heruntertreiben lasse: „I keep blowing down the Road“. J. J. Cale starb am 26. Juli 2013 im Alter von 74 Jahren, fünf Monate vor seinem 75. Geburtstag.

Er hat unzählige Songperlen produziert; kleine Meisterwerke, zeitlose, impressionistische Kurzgeschichten. 2019 ist überraschend ein schönes Album mit 15 neuen Songs dazugekommen – ausgewählt von seiner Witwe und Gitarristin Christine Lakeland sowie von seinen langjährigen Wegbegleitern Mike Kappus und Jim Karstein. Alle Songs auf „Stay Around“ sind von Cale aufgenommen und gemischt. Zum Beispiel das fantastisch groovende „Chasing You“ und der zarte Titelsong. Auch der Rest ist eine gute Cale-Mischung – mit allem, was ihn auszeichnete. Traumhaft treffsichere Gitarrentöne, federleichte Grooves, mal zurückhaltend, mal vorwärtstreibend. Weitere Highlights sind „Tell You Bout’ Her“, „Tell Daddy“, „Girl Of Mine“, „If We Try“ und natürlich das von seiner Frau Christine geschriebene Stück „My Baby Blues“, welches die beiden vor mehr als 40 Jahren gemeinsam aufnahmen.

Johnny Winter, 3rd Degree, 1986

Produzent/ Johnny Winter, Dick Shurman

Label/ Alligator Records

„I really like this record. It’s got a lot of different kinds of blues on it, more variety“, schrieb Johnny Winter über dieses Album in den Linernotes, und so rührend, solide und einfach ist auch das was auf „3rd Degree“ drauf ist: Es ist ein ruhiges, tausendfach abgehangenes sattes Werk von Johnny Winters Slidegitarre (und wie er vermerkt, hat er selbst damit erst einmal einen Monat üben müssen), begleitet von ebenfalls soliden tausendfach abgehangenen Musikern vom Feinsten (wechselweise am Piano: Ken Saydek und Dr. John, Bass: Johnny B. Gayden oder Tommy Shannon, Drums: Casey Jones oder Uncle „Red“ Turner), Leute also, die wie Johnny W. sagt, ALLES spielen können, was den Blues angeht und ausserdem alte Kumpels sind.

„3rd Degree“ ist nicht besonders spektakulär; das Album dreht sich nur angenehm von „Mojo Boogie“ zu „Tin Pan Alley“ von „I’m Good“ über „Shake Your Money Maker“ zu „Broke And Lonesome“ und ist so gemütlich und aufregend wie ein paar Wollsocken im Winter. Einmal angezogen, kommt man nicht wieder raus.

Laura Nyro, More Than A New Discovery, 1967

Produzent/ Milton Okun

Label/ Verve Folkways

Laura Nyro gehört neben Joni Mitchell und Carole King zu den etablierteren Song-Ladies Ende der 60er Jahre. Aber anders als ihre beiden Kolleginnen ist ihr selbst der Durchbruch als Sängerin und Songwriterin nicht so recht geglückt. Es ist erstaunlich, wie gut die Nummern von ihrem allerersten Album nach all den Jahren immer noch klingen (und swingen). Dabei sind alle Songs auf „More Than A New Discovery“ gleichmässig arrangiert: ein paar Bläser, ab und zu eine jammernde Harmonika und natürlich Lauras Piano. Laura Nyro verbindet Einflüsse von den Girl-Groups der frühen 60er mit denen der schwarzen Bluessängerinnen (Ma Rainey oder Bessie Smith) und Elemente der Unterhaltungsmusik zu einer Einheit.

Trotzdem war das Album (1973 unter dem Titel „First Songs“ wiederveröffentlicht) kein grösserer komerzieller Erfolg. 1967 war die Zeit für Laura Nyro noch nicht reif – und 1973 gab es schon zuviele Sängerinnen, die am Piano sitzen und ihren Weltschmerz kundtun. Der objektive Beobachter (soweit es den gibt) wird allerdings feststellen, dass Laura Nyro auf dem Gebiet der weiblichen Singer/Songwriter absolute Pionierdienste geleistet hat. Nicht umsonst wurde die Musikerin 2010 posthum in die Songwriters Hall Of Fame aufgenommen.

The Allman Brothers Band, Brothers and Sisters, 1973

Produzent/ Johnny Sandlin, The Allman Brothers Band

Label/ Capricorn

„Born Under A Bad Sign“, dieser klassische Bluesstitel von Albert King, schien wie ein böses Omen über der Allman Brothers Band zu stehen. Nachdem Duane Allman während den Aufnahmen zu „Eat A Peach“ starb und Berry Oakley nur bei zwei Stücken von diesem Album mitspielte, bevor er verunglückte, hatte dann auch der Schlagzeuger Butch Trucks einen schweren Unfall. Um so erfreulicher, dass „Brothers and Sisters“, das mehr als ein Jahr bis zur Fertigstellung brauchte, dann schon bald auf Nummer Eins der amerikanischen Charts stand.

Auf dem Album bewegen sich die Allman Brothers immer mehr vom klassischen Blues fort und in Richtung von The Band und der Grateful Dead, deren Essenz ein weisser Country Rock ist. Bestes Beispiel dafür ist „Ramblin‘ Man“, dessen Rhythmus wie der Motor eines „Rigs“ , einer dieser riesigen amerikanischen Überlandlasters, klingt. Darüber legen Les Dudek und Richard Betts klare fliessende Melodielinien. Der zweite Höhepunkt des Albums ist die Instrumentalnummer „Jessica“, deren singendes Riff ein Gefühl der Freude und Leichtigkeit vermittelt. Wieder ist es das Zusammenspiel von Dudek und Betts, das dieses Stück so heraushebt. „Southbound“, ein Blues im Stil von Junior Wells, mit harter aufbauender Bassfigur, geben Betts und dem mit viel Einfühlungsmöglichkeiten spielenden Pianisten Chuck Leavell Möglichkeiten für gute Soli. „Jelly Jelly“ erinnert sehr an „Stormy Monday Blues“.

Die Vorderseite des Covers von dem kleinen Jungen mit dem rostbraunen Pulli und der Cordhose, versunken in die Untersuchung des frühherbstlichen Laubes auf einem Spiel- oder Sportplatz in der Provinz, zeigt ein Foto von Valor Trucks, dem Sohn vom Schlagzeuger Butch Trucks, während auf der Rückseite ein Foto von Brittany Oakley zu sehen ist, der Tochter des Bassisten Berry Oakley.

Dexy’s Midnight Runners, Too-Rye-Ay, 1982

Produzent/ Kevin Rowland, Clive langer, Alan Winstanley

Label/ Mercury

Wer sich so im Folk-Künstler-Latzhosen-Lederwesten-Outfit, trist kauernd, für das Cover porträtieren lässt, fordert es geradezu heraus, dass die Umwelt ihn an den eigenen Ansprüchen ersticken sehen will. Kevin Rowland benötigt dieses Gefühl ständiger Bedrohtheit und Anfeindung und jeder Song auf „Too-Rye-Ay“ ist das Postulat eigener Würde und eigenen Stolzes in einer Welt, die ihn fertigmachen will. Angefangen von „The Celtic Soul Brothers“ bis zum „Come On Eileen“, das nicht zu Unrecht Nummer 1 in England wurde, gibt es z.B. auch „I’ll Show You“, das sich mit all jenen befasst, die es als Jugendliche schwer hatten und im Erwachsenenleben die Kurve nicht hinbekommen haben und ihr Dasein als „Alcoholics, child molesters, nervous wrecks…“ fristen müssen.

Wenn Kevin Rowland  auf „Too-Rye-Ay“ sein keltisches Erbe gefunden hat, so hat das nichts mit Dubliners Saufballaden u.ä. zu tun, sondern mit jenem Irland-Mythos vom Land aus dunkler Vorzeit das sich ins Heute entwickelt hat und wo am ehesten noch Mythen aus den Anfängen der Menschheit zu spüren sind. Kein Wunder, dass er Van Morrisons „Jackie Wilson Said“ gecovert hat, der in Irland auch immer einen Bezugspunkt sah. Aber „Too-Rye-Ay“ macht sich nicht allein auf die Suche nach kulturellen Ursprüngen, in „Until I Believe In My Soul“ geht es auch um den Kern der eigenen Identität: „What’s going on here, this is just the difference between… it’s the battle between the body and the soul, the spirit…“

„Too-Rye-Ay“ ist eine zeitgemässe Antwort auf Selbstzweifel, Verlorenheit und auf die Angst vor aggressiven Images. Dexy’s Midnight Runners geizen nicht mit Übertreibungen. Immer dick aufgetragen, immer völlig hingegeben an süsse Melodien und aggressive Bläsersätze und immer furchtbar traurig oder himmlisch-besoffen-glücklich.