The Kinks, Low Budget, 1979

Produzent/ Ray Davies

Label/ Arista

Eine gute Platte. Einzig hervorzuheben an „Low Budget“ scheint mir das Mass an Bosheit, mit dem Ray Davies zum Rundschlag seiner Gesellschaftskritik ausholt. Als bösartiger Satyr, mit peitschendem Schweif lässt er nichts ungeschoren – seine Ironie ist ätzend-beissend. Lieder, die mit nettem oder beschaulichen Inhalt in Pop-Regionen abdriften, fehlen ganz. Die Musik ist derart hart und kantig, dass man die Kinks allein an Rays signifikanter Stimme erkennen kann. Lediglich „(Wish I Could Fly Like) Superman“ lässt Raum zum Schmunzeln: ein Disco-Imitat mit bumpernder Basstrommel, versteckten Bee Gees-Zitaten und einer bohrenden Spitze auf Hollywoods Protzprodukte. In „Catch Me Now I’m Falling“ fleht „Capitan America“ um Rückenstärkung, hintergründig äfft ein Engelschor „Falling, Falling!“, in „A Gallon Of Gas“ nimmt Ray die sogenannte Benzinkrise aufs Korn frei nach dem Motto: Endlich ist das langbestellte Auto da, aber es gibt keinen Tropfen Benzin mehr.

Die Geschichte vom Geld, das hinten und vorne nicht langt, singt Ray Davies im Titelsong „Low Budget“ wie immer bei seinen Kleinbürgersongs so glaubwürdig, dass man ihm die Story fast als seine eigene abkauft. Wer intelligente Rockmusik mit guten Texten mag, ist mit diesem Kinks-Album bestens bedient.

Pixies, Doolittle, 1989

Produzent/ Gil Norton

Label/ Elektra Records

Es gibt Leute, die halten „Surfer Rosa“ für das beste Album der Pixies. Vielleicht haben sie recht. Die von Steve Albini akribisch eingebügelten Ecken und Kanten haben wohl massgeblich dazu beigetragen, dass „Surfer Rosa“ damals (von der Jugend!) als ursprünglich und elektrisierend aufgenommen wurde. Doch der grosse Hit, der Klassiker, der Evergreen ist „Doolittle“. Das war die Platte, auf die sich damals alle einigen konnten. „Doolittle“ warf Wellen weit über die Grenzen des Undergrounds hinaus, hinterliess tiefe Spuren, beeinflusste viele Bands und bereitete nicht zuletzt den Grunge vor.

Die bluesigen, knarzigen, schmeichelnden und krachigen Entlehnungen aus dem Rock’n’Roll-Schatz sind wundersam artgerecht, lebendig – und meistens entstehen daraus kurze und kurzweilige Songs. Manchmal macht der Bass die Melodie, manchmal ist es die Gitarre, manchmal der Gesang, manchmal alle drei. „Debaser“, „Here Comes Your Man“ und „Monkey Gone To Heaven“ sind die Evergreens, aber keiner der 15 Songs fällt ab. Das liegt nicht zuletzt an der Produktion von Gil Norton: Sie ist geschliffen und geschmeidig, rückt alle Instrumente gleichberechtigt in den Vordergrund und holt den Pop-Appeal jedes Songs aus dem Krach. „Doolittle“ ist kein Punk, der sich als Pop ausgibt, sondern Pop der sich hie und da als Punk gebärdet. Und die Pixies wirken auf dem Album immer freundlich und gut gelaunt, egal wie laut der damals schon zu gemütlicher Rundlichkeit neigende Black Francis brüllt, keift und wütet und wie heftig die Gitarren krachen.

„Doolittle“ ist ein Klassiker, kein Zweifel, eine massgebende Platte der späten 80er Jahre und vorallem ein unverwüstlicher Evergreen, der heute nicht weniger frisch klingt wie damals.

Patti Smith, Dream Of Life, 1988

Produzent/ Fred Smith, Jimmy Lovine

Label/ Arista

Patti Smiths Alben und ihre Bücher sind das letzte, über das ich mich streite. Und wenn sie zehnmal ihre Texte mit See, Licht, Wolken, der Erde und Revolution überfrachtet. Sie darf alles. Die Träume, das Engel-Sehen, der Glaube an das Leben nach dem Tod und andere Sentimentalitäten, denn Patti Smith hat sich schon immer daneben ausgedrückt, seit sie im Alter von 28 Jahren angefangen hatte, ihre Idee vom Dichter-Leben in Rockmusik zu intergrieren. Immer nur das tun, was wirklich zu tun ist. Am Anfang waren die Lösungen radikal wie „Horses“, wie der Abbruch der Karriere 1979 nach „Wave“, um eben Karriere zu verhindern und weiterhin das zu tun, was zu tun ist.

„Dream Of Life“, dem Comeback, liegt diese Kombination aus grossem Kitsch und einer herrlichen Zähigkeit zugrunde, mit der Grössenwahn, eine krude Religiosität und auf diesen Pfeilern ruhende Dichtungen und Kompositionen offen und selbstbewusst, weniger hektisch und gehetzt als mit „Wave“ dargebracht werden. Es macht Spass das Album zu hören und mir fällt immer auf wie schön diese Musik ist. Selbst das rockhymnenhafte „Power To The People“ oder das ebenso gearbeitete „Looking For You“ haben eine einfache, schöne Schrabbligkeit, die sie vor dem Aufgehen im Mainstream bewahrt. Wie den alten Wintermantel, immer weiter nutzen. Hauptsache warm.

„Dream Of Life“: Liebe zur Familie, aber dennoch ein Versuch herauszukommen aus der Isolation des Lebens als Privatier. Einblick in die Essenzen der Beat-Poet-Hippie-Bewusstseins-Erweiterungen. Nie feist und fettig werden, dass Schönheit ist, auch wenn wenn sie sich im Unsinn von blühenden Sonnen und Zahlenmystik verirrt: „The dreamer is rising and considers the long field. And the clouds, like crazy eights, drifting horizontal. And his own hands, which hold, even so peacefully, so much power.“

Green on Red, Here Come The Snakes, 1989

Produzent/ Jim Dickinson

Label/ China Records

Green On Red sind eine von diesen Independent-US-Bands der 80er Jahre, die mir, trotz diversen Ups and Downs, immer gut gefallen haben. Ich hatte die Band 1984 mal live gesehen. Das Konzert blieb für mich ein grösseres Erlebnis, das man nun wirklich nicht alle Tage hat. Dan Stuart ist ein Sänger mit einer Mission. Auch wenn seine Ansichten sehr traditionell sind, redet er offen und furchtlos über Obsessionen, die anderen peinlich sein könnten: Sozialfälle, Drogen etc. Bei Stuart ist alles souverän und er steht dabei fest in seiner dickbäuchig krähenden Richtigkeit. Das macht er übrigens auch noch dreissig Jahre später so.

Der absolute beste Song auf dem Album „Here Comes The Snakes“ ist für mich „Change“: „Over the mountain“, du siehst den Berg, er baut sich vor dir auf, verdeckt die Sonne, aber du kommst bis zum Gipfel und „home on the range“, er hängt dich an irgendeinen blöden Hängegleiter oder so etwas, und home liegt dir zu Füssen, und er holt nochmals Luft, und es wird richtig laut in diesem eigentlich nicht sehr lauten Song: „Some things never change“. Ja. Daran muss man auch mal denken. Manche Dinge tun das tatsächlich nicht, jedenfalls nicht in einem Tempo, dass die Veränderungen wahrzunehmen erlaubt.

Dr. Feelgood, Stupidity, 1976

Produzent/ Dr. Feelgood

Label/ United Artists

Das die Feelgoods eine gute Live-Gruppe waren, wurde ja schon oft beschrieben, und das ist auf „Stupidity“ zu hören, soweit so etwas auf einem Album möglich ist. Keine Overdubs, keine Tricks und keine Mätzchen, purer Punk-R&B, direkt, knallhart und roh. Auf so eine Gruppe hatte ich eigentlich schon seit 1966 gewartet, als wir den Begriff „Punk“ noch nicht kannten und Achtung vor den Gruppen hatten, die nicht versuchten den schwarzen Mann zu spielen, die sich selbst in der Musik ihrer amerikanischen Vorbilder wiederfanden und sich nicht einfach reproduzierten, sondern so wiedergaben, wie sie sie in sich selbst verarbeitet, umgearbeitet hatten. Man kann die Feelgoods Versionen gar nicht mit den Originalen vergleichen, man sollte auch gar nicht erst versuchen, es zu tun, denn die Typen wollen aus Southend nicht die Südstaaten der USA machen.

Lee Brilleux war auf seine Art ein brillanter Harmonikaspieler, der sich einen Dreck um Sonny Boy oder Little Walter scherte, denn die Klänge, die er hervorbrachte, passen perfekt zum Sound der Gruppe, und das allein zählt. Bei Dr. Feelgood halte ich auch die Eigenkompositionen von Wilko Johnson für hervorragend, denn sie stehen den Cover-Versionen in nichts nach. Aber was soll das Ganze: Ich könnte mich heute noch ärgern, dass ich im Juni 1979 in London keine Zeit hatte, mir Dr. Feelgood im Empire Ballroom anzusehen. Solche Dinge kann man nur versäumen, nicht nachholen.

J. J. Cale, Stay Around, 2019

Produzent/ J. J. Cale

Label/ Because Music

Er hatte nie den grossen Ruhm im Visier. Er sah sich eher als jemanden, der im Hintergrund arbeitet. Sein ökonomisches Gitarrenspiel prägte einen Stil. Er wurde am 5. Dezember 1938 als John Weldon Cale in Tulsa, Oklahoma, geboren. Er verstand sich immer als „Okie“, als einer von Oklahoma, wenngleich er auch in Kalifornien Fuss fasste. Er war ein Mann der Beständigkeit: „Ain’t no change in the weather, ain’t no change in me“, heisst es in seinem Lied „Call Me the Breeze“. Und Brise nenne man ihn, weil er sich einfach die Strasse heruntertreiben lasse: „I keep blowing down the Road“. J. J. Cale starb am 26. Juli 2013 im Alter von 74 Jahren, fünf Monate vor seinem 75. Geburtstag.

Er hat unzählige Songperlen produziert; kleine Meisterwerke, zeitlose, impressionistische Kurzgeschichten. 2019 ist überraschend ein schönes Album mit 15 neuen Songs dazugekommen – ausgewählt von seiner Witwe und Gitarristin Christine Lakeland sowie von seinen langjährigen Wegbegleitern Mike Kappus und Jim Karstein. Alle Songs auf „Stay Around“ sind von Cale aufgenommen und gemischt. Zum Beispiel das fantastisch groovende „Chasing You“ und der zarte Titelsong. Auch der Rest ist eine gute Cale-Mischung – mit allem, was ihn auszeichnete. Traumhaft treffsichere Gitarrentöne, federleichte Grooves, mal zurückhaltend, mal vorwärtstreibend. Weitere Highlights sind „Tell You Bout’ Her“, „Tell Daddy“, „Girl Of Mine“, „If We Try“ und natürlich das von seiner Frau Christine geschriebene Stück „My Baby Blues“, welches die beiden vor mehr als 40 Jahren gemeinsam aufnahmen.

Charles Mingus, Mingus at Antibes, 1976

Produzent/ Nesuhi Ertegün

Label/ Atlantic

Mingus beim internationalen Jazz- Festival an der Französisch Riviera in Antibes im Jahre 1960. In seiner Band: Ted Curson, Eric Dolphy, Booker Ervin, Dannie Richmond und Bud Powell als „special guest“.

Eine Live-Aufnahme aus der Zeit als Jazz eine seiner kreativsten Phasen erlebte: Ornette Colemans Free Jazz, Coltranes Ole, Cecil Taylors Traumquartett mit Buell Neidlinger und Archie Shepp. Und Charlie Mingus war einer der Leute, die diese Explosion neuer Musik vorbereitet und gefördert hatten. Die Jahre 1960 – 1964 waren auch die Höhepunkte seiner Karriere. Und es ist bezeichnend, für die gesamte Jazz-Geschichte, dass von 1964 – 1970, vier der grössten Musiker starben: Albert Ayler, John Coltrane, Eric Dolphy und Bud Powell. Zwei davon sind auf diesem Album zu hören.

Diese Toten wurden nie ersetzt und die wenigen Höhepunkte, die Rock-Jazz in den 70er Jahren unbestritten hatte, können auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das was sich später Jazz nennt, vollends zum gepflegten, energielosen Zeitvertrieb verkommen ist. Wie toll, energisch, wuchtig, wild und spannend Jazz einmal war, zeigen Alben wie dieses. „Mingus at Antibes“ ist grosse Klasse. Die Musik kann dich voll erwischen und mitnehmen.

Johnny Winter, 3rd Degree, 1986

Produzent/ Johnny Winter, Dick Shurman

Label/ Alligator Records

„I really like this record. It’s got a lot of different kinds of blues on it, more variety“, schrieb Johnny Winter über dieses Album in den Linernotes, und so rührend, solide und einfach ist auch das was auf „3rd Degree“ drauf ist: Es ist ein ruhiges, tausendfach abgehangenes sattes Werk von Johnny Winters Slidegitarre (und wie er vermerkt, hat er selbst damit erst einmal einen Monat üben müssen), begleitet von ebenfalls soliden tausendfach abgehangenen Musikern vom Feinsten (wechselweise am Piano: Ken Saydek und Dr. John, Bass: Johnny B. Gayden oder Tommy Shannon, Drums: Casey Jones oder Uncle „Red“ Turner), Leute also, die wie Johnny W. sagt, ALLES spielen können, was den Blues angeht und ausserdem alte Kumpels sind.

„3rd Degree“ ist nicht besonders spektakulär; das Album dreht sich nur angenehm von „Mojo Boogie“ zu „Tin Pan Alley“ von „I’m Good“ über „Shake Your Money Maker“ zu „Broke And Lonesome“ und ist so gemütlich und aufregend wie ein paar Wollsocken im Winter. Einmal angezogen, kommt man nicht wieder raus.

Laura Nyro, More Than A New Discovery, 1967

Produzent/ Milton Okun

Label/ Verve Folkways

Laura Nyro gehört neben Joni Mitchell und Carole King zu den etablierteren Song-Ladies Ende der 60er Jahre. Aber anders als ihre beiden Kolleginnen ist ihr selbst der Durchbruch als Sängerin und Songwriterin nicht so recht geglückt. Es ist erstaunlich, wie gut die Nummern von ihrem allerersten Album nach all den Jahren immer noch klingen (und swingen). Dabei sind alle Songs auf „More Than A New Discovery“ gleichmässig arrangiert: ein paar Bläser, ab und zu eine jammernde Harmonika und natürlich Lauras Piano. Laura Nyro verbindet Einflüsse von den Girl-Groups der frühen 60er mit denen der schwarzen Bluessängerinnen (Ma Rainey oder Bessie Smith) und Elemente der Unterhaltungsmusik zu einer Einheit.

Trotzdem war das Album (1973 unter dem Titel „First Songs“ wiederveröffentlicht) kein grösserer komerzieller Erfolg. 1967 war die Zeit für Laura Nyro noch nicht reif – und 1973 gab es schon zuviele Sängerinnen, die am Piano sitzen und ihren Weltschmerz kundtun. Der objektive Beobachter (soweit es den gibt) wird allerdings feststellen, dass Laura Nyro auf dem Gebiet der weiblichen Singer/Songwriter absolute Pionierdienste geleistet hat. Nicht umsonst wurde die Musikerin 2010 posthum in die Songwriters Hall Of Fame aufgenommen.

The Allman Brothers Band, Brothers and Sisters, 1973

Produzent/ Johnny Sandlin, The Allman Brothers Band

Label/ Capricorn

„Born Under A Bad Sign“, dieser klassische Bluesstitel von Albert King, schien wie ein böses Omen über der Allman Brothers Band zu stehen. Nachdem Duane Allman während den Aufnahmen zu „Eat A Peach“ starb und Berry Oakley nur bei zwei Stücken von diesem Album mitspielte, bevor er verunglückte, hatte dann auch der Schlagzeuger Butch Trucks einen schweren Unfall. Um so erfreulicher, dass „Brothers and Sisters“, das mehr als ein Jahr bis zur Fertigstellung brauchte, dann schon bald auf Nummer Eins der amerikanischen Charts stand.

Auf dem Album bewegen sich die Allman Brothers immer mehr vom klassischen Blues fort und in Richtung von The Band und der Grateful Dead, deren Essenz ein weisser Country Rock ist. Bestes Beispiel dafür ist „Ramblin‘ Man“, dessen Rhythmus wie der Motor eines „Rigs“ , einer dieser riesigen amerikanischen Überlandlasters, klingt. Darüber legen Les Dudek und Richard Betts klare fliessende Melodielinien. Der zweite Höhepunkt des Albums ist die Instrumentalnummer „Jessica“, deren singendes Riff ein Gefühl der Freude und Leichtigkeit vermittelt. Wieder ist es das Zusammenspiel von Dudek und Betts, das dieses Stück so heraushebt. „Southbound“, ein Blues im Stil von Junior Wells, mit harter aufbauender Bassfigur, geben Betts und dem mit viel Einfühlungsmöglichkeiten spielenden Pianisten Chuck Leavell Möglichkeiten für gute Soli. „Jelly Jelly“ erinnert sehr an „Stormy Monday Blues“.

Die Vorderseite des Covers von dem kleinen Jungen mit dem rostbraunen Pulli und der Cordhose, versunken in die Untersuchung des frühherbstlichen Laubes auf einem Spiel- oder Sportplatz in der Provinz, zeigt ein Foto von Valor Trucks, dem Sohn vom Schlagzeuger Butch Trucks, während auf der Rückseite ein Foto von Brittany Oakley zu sehen ist, der Tochter des Bassisten Berry Oakley.