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Midnight Oil, Blue Sky Mine, 1990

Text/Musik/ Midnight Oil

Produzent/ Midnight Oil, Warne Livesey

Label/ Columbia

Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger spielten Midnight Oil nicht mehr nur in Australien vor ausverkauften Häusern, sondern waren dank des Albums „Diesel And Dust“ im internationalen Mainstream angekommen. Die wilde Energie der ehemaligen Wave-Punk-Rocker – nun in grossartige Konzerte verlegt – machte zeitgenössischen Sounds und sorgsam organisierten Kompositionen Platz.

„Blue Sky Mine“ ist das quasi Titellied des Albums „Blue Sky Mining“ von 1990. Peter Garrett, später australischer Minister for Environment Protection, Heritage and the Arts, singt aus der Sicht eines Arbeiters in den Asbestminen im westaustralischen Wittenoom. Soziale und umweltpolitische Themen gehörten zu Midnight Oil genauso wie der eckige Gesang und die hitzigen Gitarrenbreitseiten. Trotz des schweren Inhalts ist das Lied offen wie der Himmel und steckt voller glücklich machender Momente. Kraft, Inhalt, Melodie: das sind die Pole der Musik einer leidenschaftlichen, wilden und klugen Band, die hierzulande leider auf „Beds Are Burning“ reduziert und arg unterschätzt wurde.

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Beth Orton, Central Reservation, 1999

Produzent/ Victor Van Vugt, Ben Watt, Mark Stent

Label/ Heavenly Records

„Central Reservation“ markierte eine Art Reifeprozess, nachdem ihr Debüt-Album „Trailer Park“ von 1996, ein Mix aus Folk und subtilen Trip Hop-Beats war.

In dem ersten Stück „Stolen Cars“ spielt Ben Harper in einer hypnotisierenden Art und Weise Gitarre. Das bewegende „Pass In Time“ beginnt mit dem weichen Gesang Ortons und einer sanft gezupften Gitarre, und entwickelt sich zu einem kraftvollen Song, der von einem wiederkehrenden Thema in Ortons Texten handelt, dem Tod ihrer Mutter. Im Hintergrund ist der amerikanische Jazz- und Folkgitarrist Terry Callier zu hören. Seine Arpeggien tragen zu einem wundervollen, erhebenden Sound bei.

Die Akustik-Version des Titelstücks geht neben „Pass In Time“ und den hallenden Beats von „Stars All Seem To Weep“ fast vergessen. Hier wird Ortons leicht schwebende Stimme mit verwobenen, abstrakten Geräuschen von Ben Wyatt vermischt. Elektronik ist aber auf „Central Reservation“ eher die Ausnahme als die Norm. Im Vergleich zu „Trailer Park“ liegen die Stärken des Albums in der akustischen Atmosphäre und in Ortons fesselndem Gesang.

Beth Orton wird oft als melancholische Sängerin bezeichnet, aber die Fröhlichkeit von „Love Like Laughter“ dementiert diese Aussage. Beim letzten Song des Albums fügt dann Ben Watt erneut Beats und Keyboards hinzu, um eine Chart-freundliche Version von „Central Reservation“ zu kreieren.

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Dave Edmunds, Get It, 1977

Produzent/ Dave Edmunds for Rockpile Productions

Label/ Swan Song Records

Dave Edmunds hatte in den 60er Jahren mit dem Blues-Rock Trio Love Sculpture zwei famose Alben veröffentlicht ( „Blues Helping“, 1968, „Forms & Feelings“, 1969) und sich als Gitarren-Virtuose einen Namen gemacht. Aber dann kam 1972 das Solo-Album „Rockpile“, auf dem er seiner Liebe zum klassischen Rock’n’Roll frönte – und bei dieser Liebe blieb er dann auch. Dave Edmunds war befreundet mit Nick Lowe, und so holte er sich dessen Hilfe für das Album „Get It“. Edmunds Einflüsse sind hier natürlich sofort erkennbar: Die Beatles,  die Everly Brothers, Rock’n’Roll, Country – ein Gebräu das man heute, ohne die dereinst üblichen Ressentiments gegen alles, was vor Punk geschah, getrost unter das grosse Zeltdach Power Pop stellen kann.

Die Tatsache, dass „Get It“ auf Led Zeppelin’s Swan Song Label veröffentlicht wurde, zeigt, wie ehrenhaft deren Konzept war, es zeigt aber auch, dass die Musik hier bestimmt kein Punk sondern klassischer Rock (’n’Roll) ist. Mit Detail-Versessenheit, Kompetenz, und Lust eingespielt. Ob beim Rock’n’Roll von „Let’s Talk About Us“ von „Fever“-Komponist Otis Blackwell, bei Hank Williams Country-Klassiker „Hey Good Lookin’“ oder bei Graham Parker’s „Back to School Days“ – Alles klingt klassisch und zugleich frisch und zeitgemäss. Man hört hier auch, wie Nick Lowe, Dave Edmunds, Drummer Tery Williams und Keyboarder Bob Williams als Rockpile zur eingespielten Band werden, die aber aus rechtlichen Gründen kein Album einspielen durfte. Ein Jammer!

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Bikini Kill, Pussy Whipped, 1992

Produzent/ Stuart Hallerman

Label/ Kill Rock Stars

Hier wird krachender Punk gespielt, mit Noise-Anklängen, ohne unnötige Spielereien – und die Tatsache, dass Frauen hier den abgehalfterten 77er Punks oder den 81er Hardcore Veteranen die geliebte Nostalgie vermiesten, soll zum Hass und zur Häme – und zu übelsten frauenfeindlichen Beleidigungen geführt haben. Durchaus vorstellbar, ist doch gerade der Alt-Punk gerne ein Ausbund an Intoleranz. Dabei kann man es auch so sagen: Bikini Kill holten Punk zurück zu seinen Wurzeln. Die „männliche“ Variante war immer technischer und virtuoser geworden, es ging nicht mehr darum, „Was“ gesagt wird, sondern nur noch um’s „Wie“ – und das ist immer schlecht. Zumal Bikini Kill auf dem Album „Pussy Whipped“ ihre feministischen Botschaften in infektiöse Songs packten: Da wird Sexismus in seiner widerlichsten Form angeprangert, es geht um Vergewaltigung und Pädophilie und Hanna verlangt schlicht, dass Frauen über ihre Sexualität – wie über ihr ganzes Leben – selber bestimmen sollen.

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Charles Mingus, Oh Yeah, 1962

Produzent/ Nesuhi Ertegün

Label/ Atlantic Records

Als der blinde Saxophonspieler Ronald Kirk mit 24 aus Columbus, Ohio zu seinen ersten Plattensessions nach New York reiste,  war ein Niemand, ein Gerücht aus der Provinz. Er stellte sich bei dem berühmten Gesinnungsgenossen Charles Mingus vor, beeindruckte diesen durch seinen Sound und die Tatsache, dass er auswendig dessen Kompositionen spielen konnte. Mingus wurde weich und engagierte Ronald Kirk für 12 Wochen, in denen auch eine Plattensession für Atlantic Records stattfand. Deshalb hören wir Ronald Kirk fast alle Saxophonparts auf  „Oh Yeah“ spielen. Mingus selbst spielt nicht Bass – den überlässt er Doug Watkins – sondern nur Piano, er arrangiert und begleitet die Songs durch Zwischenrufe und bluesigen Gesang und ich vermute, dass die Zusammenarbeit mit dem ebenfalls leicht wahnsinnigen Kirk das Album so verrückt klingen lässt. Dazu kommt mit Brooker Ervin noch ein zweiter famoser Saxophonist, und – mit Songs wie dem Opener „Hog Callin‘ Blues“ zum Beispiel – Vorlagen, auf denen insbesondere Kirk sein Instrument nach Herzenslust blöken, heulen und schreien lassen kann.

Mingus und Rahsaan Ronald Kirk teilten eine enzyklopädische Kenntnis des Jazz, und beide hatten nicht vor, mit ihrem Wissen konservativ umzugehen. So gibt es mit dem wunderbar betitelten „Oh Lord, Don’t Let Them Drop That Atomic Bomb On Me“ einen modernen Gospel samt Chor, so gibt es Musique Concrete bei „Passions of a Man“ und bei „Wham, Bam, Thank You Ma’am“ Thelonius Monk-Zitate. Hätte Monk Mingus‘ Part am Piano übernommen, und Mingus den Bass gespielt, dann wäre „Oh Yeah“ vielleicht sogar noch besser geworden, aber diese Spekulation ist natürlich müssig, es ist Mingus verrücktestes und auch „fröhlichstes“ Album (in Englisch heisst das „Upbeat“) und es gehört zu seinen vielen Klassikern – knapp hinter „The Black Saint and the Sinner Lady“ und „Ah Um“.  Rahsaan Ronald Kirk verliess Mingus‘ Band nach kurzer Zeit wieder und spielte das formidable „Domino“ ein..