IN MEMORY EVERYTHING SEEMS TO HAPPEN TO MUSIC – Tennessee Williams
Joy Division, Unknown Pleasures, 1979
Produzent/ Martin Hannett
Label/ Factory
Für mich bleibt „Unknown Pleasures“ stark mit der Zeit seines Erscheinens verknüpft, 1979: Punk hallte noch nach, Postpunk riss die Popmusik in alle Richtungen auf, und da tauchte diese Band aus Manchester auf, die Punksongs spielte, simpel und direkt, denen jedoch Wut, Lärm, Aufbegehren und Provokation abgingen. Joy Division das war gedrosselter, ja sedierter Punkrock; statt krachender Riffs tröpfelten dünne, einsam wirkende Klänge durch riesige verhallte Räume, die sich anfühlten wie verlassene Fabrikhallen im Winter. Und dann diese Stimme, deren Klang allein schon so viel von dem ausdrückte, was viele empfanden. Und alle diese Textfetzen, die sich festkrallten: „Guess the dream always end, they don’t rise up, just descend, but I don’t care anymore“ zum Beispiel, oder „Confusion on her eyes, that says it all – she’s lost control“. Keine Wut mehr, kein Aufbegehren, sondern Schwermut, Resignation, Perspektivlosigkeit und die existenziellen Ängste unsicherer Heranwachsenden.
Leider konnte Ian Curtis sich selbst nicht aus seinem inneren Gefängnis befreien, oder der traurige Suizid war sein Versuch der Befreiung. Nur wer sich vor Depressionen fürchtet oder sich noch nie mit den negativen Aspekten des Lebens auseinandersetzen musste, gar davor flüchtet, auf den wird diese Musik immer beängstigend wirken. Für mich ist es ein Album für die Zeit, das die Zeit überdauerte – eines der einflussreichsten Debüts überhaupt.
Ein später Dezemberabend in Bern. Keine versöhnlichen Verszeilen zum Jahresende, kaum erbauliche Lyrik in Zeiten der Pandemie, stattdessen bloss die täglich kommunizierten Fallzahlen und die Angst in den Gesichtern, die hinter den Masken verschwunden sind. Am Eingang zum nächsten Jahr stehen Milliarden von Impfdosen bereit – ein globales Heilsversprechen, das sich hoffentlich für möglichst viele Menschen bald einlöst. Mehr bleibt uns nicht. Nicht ganz. Immerhin haben wir die Musik, und die bringt uns auch durch düstere Zeiten. Alben wie „The Neighborhood“ (Los Lobos), „Naturally“ ( J. J. Cale), „Innervisions“ (Stevie Wonder) oder „Boots No.2“ (Gillian Welch) versetzen uns in einen Zustand der Zeitlosigkeit, in dem Träume in jede Richtung der Zeitachse möglich sind. Dazu ein Glas Rioja und ein Teller Risotto Milanese – und alles wird wieder erträglich.
Ich bedanke mich bei allen, die diesen kleinen Musikblog abonniert haben, besonders aber bei den Leuten, die den einzelnen Beiträgen Ihre Aufmerksamkeit in Form von Kommentaren entgegenbringen, und die sich auch von persönlichen Geschmacksaussagen nicht schrecken und manchmal sogar überzeugen lassen. Was mich fesselt und was der Musik ihre menschliche Wärme und Bedeutung gibt, sind auch die Geschichten, die sich um sie ranken. Diese fehlen bei vielen seelenlosen und im Algorithmus entworfenen Produkten der Musikindustrie, und sie werden naturgemäss auch den künstlich erzeugten Liedern fehlen. Denn der Mensch ist und bleibt ein Wesen, das von Geschichten lebt, egal ob sie in Bildern oder in Worten erzählt werden.
Bleiben wir antizyklisch und beenden das Jahr, wie es sich gehört. Mit Austern und Champagner. Oder eben mit Dosenbier. Knack. Zisch.
A late December evening in Bern. No conciliatory verses at the end of the year, hardly any uplifting poetry in times of pandemic, just the daily communicated case numbers and fear in the faces behind the masks. For next year are billions of vaccination doses ready – a global promise of salvation and we hope it will be for so many people as possible. We don’t have more. Not quite. After all, we have the music, she gets us through dark times. Albums like “The Neighborhood” (Los Lobos), “Naurally” ( J. J. Cale), “Innervisions” (Stevie Wonder) or “Boots No.2” (Gillian Welch) can put us in a timelessness state where dreams in every direction are possible. Add a glass of redwine and a good meal – and everything becomes bearable again.
I say thanks to everyone who follows this little music blog, especially the people who pay attention to the individual posts in form of comments, and who are not frightened by personal statements of taste. What fascinates me and what gives the music its warmth and meaning are also the stories that surround it. These are missing in many soulless and algorithm-designed products of the music industry, and they will naturally also be missing in artificially produced songs. Because man is and remains a being that lives from stories, regardless of whether they are told in pictures or in words.
Let’s stay counter-cyclical and end the year the way as it should be. With oysters and champagne. Or with a can of beer. Crack. Hiss.
Little Richard, The Very Best Of, 2008
Producer/ Chris Clough
Label/ Specialty Records
Keiner konnte schreien wie Little Richard, keiner trat greller auf, keiner war auf der Bühne so wild, so flamboyant, so exaltiert wie er. Er hämmerte auf sein Klavier ein, wiegte sich, rannte, tanzte, versetzte das Publikum in Aufregung und legte mit jedem Stück, jedem Tanzschritt, jedem Hecheln, Jauchzen, Keuchen, Rufen, jeder Anfeuerungsparole und jedem Schrei noch einen drauf. „Ich mag es schnell“, sagte er anzüglich „rauf und runter, rein und raus.“ Ein Orgiastiker ohne Vorspiel. Sein grösster Stolz sei, sagte er einmal, dass er im schwarzen Süden schwarze und weisse Kids zusammengebracht habe.
Als Little Richard 1955 im J&M Aufnahme-Studio von New Orleans „Tutti Frutti“ vorspielte mit dem unvergesslichen Refrain „a-wop-boba-loo-bop-a-wop-bam-bom“, hörte der Produzent hinter dem Mischpult einen Hit heraus. Das Problem bestand darin, dass der Song von schwulem, analem Sex handelte. Auch „Long Tall Sally“, sein nächster Hit handelte von schwarzen Dragqueens, ihren Künstlernamen, der Länge ihres Glieds und ihren bevorzugten Sexpraktiken. Der Sänger musste also seine Texte kastrieren oder codieren, damit keines der seligen weissen Kids im Publikum wusste, was „duck back in the alley“ wirklich meinte.
Little Richard war Camp, bevor das Wort erfunden war: Er trug die Haare hochtoupiert, hatte die Augen stark geschminkt, zog sich grell an, in allen Farben, war behängt mit Schmuck. „If Elvis was the king of Rock’n’Roll“, sagte er einmal, „then I was the queen.“ God save the Queen.
John Prine, The Tree Of Forgiveness, 2018
Produzent/ Dave Cobb
Label/ Oh Boy
John Prine war ein Storyteller mit literarischer Distanz, Ironie und unpathetischem Mitgefühl. Seine Lieder „Sam Stone“, „Angel From Montgomery“, „Paradise“ und „Hello In There“ sind alles Americana-Klassiker und Hits von Johnny Cash bis Bonnie Raitt. Aussergewöhnlich ist Prines Stoffwahl für seine Stücke. In „Paradise“ (1971) zum Beispiel, geht es um die Auswirkungen der Kohlenindustrie auf die Natur – jahrelang bevor Umweltschutz zum Thema wurde. Auffallend auch seine Emphatie. In „Angel From Montgomery“ singt er aus der Sicht der Frau, in „Hello In There“ über alte Menschen, die man laut grüssen soll, damit sie nicht vereinsamen. In dem Song „Lake Marie“ geht es um Mord, Liebe, einen Fischerausflug und italienischen Grillwürsten: „Man, they were sssizzeling!“
Tatsächlich geht es von Anfang an auch lustig zu bei Prine. Da ist dieser Mann, der von seiner Frau erwischt wird, wie er an ihrer Unterwäsche schnüffelt. Die Frau, die ihre Beine enthaart und laut dabei flucht. Das Personal in „In Spite Of Ourselves“ (1998) könnte aus einem Jarmusch-Film sein. In „Jesus – The Missing Years“ erforscht er die in der Bibel nicht dokumentierte Zeit Christi. Dessen Leben verläuft so durchschnittlich, dass er im Refrain gar nicht mehr auftaucht.
John Prine kämpfte seit Ende der 90er Jahre mit Krebs. Eine Operation machte seine Stimme tiefer und rauher – und sein Songwriting erreichte neue Höhen. Sein letztes Album „The Tree Of Forgiveness“ offenbart nochmals seine Stärken: der einfühlsame Blick auf die Schwachen, der trockene Humor angesichts des Todes. Seit seiner Krebsdiagnose Nichtraucher, stellt sich Prine vor, wie es dereinst sein würde „When I Get To Heaven“: Er schüttelt Gott die Hand, bestellt einen Cocktail – „and I’m gonna smoke a cigarette that’s nine miles long“.
Mark Knopfler, Sailing To Philadelphia, 2000
Produzent/ Mark Knopfler
Label/ Mercury Records
Bin gestern Abend nach langer Bahnfahrt endlich nach Hause gekommen, habe gut gegessen, mich ausgeruht und bin dann musikalisch nach Philadelphia gesegelt. Spätestens nach dem Hören dieses grandiosen Albums bin ich endgültig zu Hause angekommen.
Man könnte „Sailing To Philadelphia“ auch die Wiedergeburt aller Dire-Straits-Tugenden aus dem Geist eines Solisten nennen. Leichtfüssig demonstriert hier Mark Knopfler eine derartige stilistische Bandbreite, dass niemand mehr die Dire Straits vermisst. Sanft schwebende Jazzgitarrenlicks erinnern entfernt an Pat Metheny. James Taylor grundiert mit Knopfler den hymnischen Titelsong. Titel wie „Wanderlust“ oder „The Last Laugh“ mit Van Morrison sind atmosphärische Verdichtungen voll subtiler Klangverwandlungen. Das ganze Album hat eine seltene Abgeklärtheit und Souveränität. Das signalisiert überdeutlich auch schon das Eröffnungsstück „What It Is“ – ein raffinierter Ohrwurm, der die melodische Magie von „Sultans Of Swing“ besitzt. Allerdings ist für mich der absolute Höhepunkt „Silvertown Blues“. Allein für die perlenden Licks auf seiner „Fender“-Stratocaster, die Knopfler hier lässig aus dem Handgelenk schüttelt, muss man das Album lieben.
Jethro Tull, Aqualung, 1971
Produzenten/ Ian Anderson, Terry Ellis
Label/ Chrysalis Records
Nach ihrem relativ bluesigen Debütalbum „This Was“ änderten sich die Dinge bei Jethro Tull schnell. Co-Chef Mick Abrahams verlor den internen Machtkampf gegen Alpha-Anderson und suchte das Weite. Martin Barre hiess der Nachfolger und fortan sollten die von ihm an der Gitarre markant gesetzten Riffs zu einem charakteristischen Merkmal vieler Jethro-Tull-Songs werden – gut zu hören auf dem vierten Album „Aqualung“.
Das im März 1971 erschienene Meisterwerk dreht sich um Gott und die Welt, erzählt die Geschichten einiger seltsamer Gestalten und versammelt neben kleinen Akustikperlen die wichtigsten Stücke Ian Andersons. Und die sind nahezu alle von der Gitarre Martin Barres mitgeprägt. Das Titelstück eröffnet die A-Seite und kommt genau wie sein Pendant „My God“ auf der B-Seite etwas vertrackt daher, akustische Passagen und Hardrock-Elemente halten sich die Waage. Gleiches gilt für das finale „Wind Up“. Straighter fallen das schwer pumpende „Hymn 43“ und die Tull-Erkennungsmelodie „Locomotive Breath“ sowie das gerne mal im Schatten der anderen Knaller übersehene „Cross-Eyed Mary“ aus.
Und die Flöte? Ian Anderson spielt sie heute immer noch, allerdings ohne Jethro Tull und seinen Gitarristen Martin Barre. Der tingelt seit ein paar Jahren durch kleine Clubs auf der ganzen Welt und gibt ziemlich harte Shows.
Julie Driscoll, 1967
John Lennon, Working Class Hero, 1970
Text/Musik/ John Lennon
Produzenten/ John Lennon, Phil Spector
Label/ Apple
Das auffällig dylaneske „Working Class Hero“ ist voller Verachtung, Sarkasmus und Bitterheit; der schonungslose, spöttische Text wird zur folkig-rauh gespielten Gitarre halb gesprochen, halb gesungen. Als wäre der Song nicht schon heftig genug, unterstreicht Lennon seine Entfremdung von den biederen Publikumsanteilen mit zweimaliger Verwendung des Wortes „fucking“ ( so entlarvt er z. B. uns Hörer als „fucking peasants“, „verdammte Bauern“).
Viele Kritiker nahmen es John Lennon übel, dass er sich als ein Teil der Arbeiterklasse bezeichnete, schliesslich war er in einem guten Mittelstand Haushalt bei seiner Tante gross geworden. Daraufhin rechtfertigte sich Lennon, dass der Song sardonisch sein sollte und es habe nichts mit Sozialismus zu tun. Er erzählte, dass er selbst als er berühmt war Zeiten erlebte, in denen er sehr glücklich und Zeiten, in denen er sehr unglücklich war. Und genau darum geht es.
Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich mit 13 zum ersten Mal die Beatles gehört habe – danach war ich ein anderer Mensch. In den 1960er und 1970er Jahren habe ich viel britische und amerikanische Musik gehört: Rolling Stones, Jimi Hendrix, Led Zeppelin, Neil Young oder Bob Dylan, den ich auch als Lyriker sehr schätze.
Dieser Blog ist eine grosse Verbeugung vor der Musik, die mich in meiner Jugend begleitet hat. Ich hätte vielleicht meine Lehre abgebrochen ohne die Musik von Frank Zappa und Captain Beefheart. Es gab Musiker, die mir das Leben gerettet haben, buchstäblich. Wenn ich am Abend nach Hause kam, war es immer für mich das Erste in mein Zimmer zu gehen, Tür zu und dann die Musik zu hören, die sich nicht um Hörgewohnheiten schert, sich nicht anpasst, und mit Texten, die auch nicht danach fragen, worüber man sich lustig machen darf und worüber nicht – das war sehr wichtig für mich.
Die Formulierungen in den Reviews, die ich hier reingestellt habe, sind nicht immer komplett meine eigenen. Es gibt viel Erlesenes, jahrelang Angesammeltes, Allgemeingültiges und Angesagtes, Abnormes und Abstruses. Das Konzept hinter den Posts ist für mich, dass Musik immer in einem Kontext zu der Zeit steht, in der sie geschaffen wurde. Die Beiträge hier sind also zum Nachlesen und Einhören, zum Nachschlagen und zur Anregung für eigene Expeditionen ins Reich der Popmusik.
Ich bin 1953 in Bern geboren und war 40 Jahre lang selbstständig tätig. Mit 64 Jahren habe ich mich pensionieren lassen. Es macht mich heute glücklich, dass ich im Alter von 40 noch angefangen habe, akustische Gitarre spielen zu lernen, und mich damit jetzt vollends auf dem Terrain vom alten Country-Blues bewege, nämlich dem „Fingerpicking-Stil“ mit herrlichen traditionellen Songs wie „Step It Up And Go“, „Coffee House Blues“, „That’ll Never Happen No More“, „Freight Train“ und anderen wunderbar akustischen Liedguts der 30er und 40er Jahre.
Pink Floyd, More, 1969
Produzent/ Pink Floyd
Label/ EMI Columbia
Unter zeitgenössischen Geschmackswächtern hat sich die Ansicht durchgesetzt, Pink Floyd für ihre späteren Platten als Produzenten von psychedelischem Pomp abzutun. Manchmal findet sich ein Bescheidwisser, der dann die Finger hebt und einwirft: „Die waren gut, solange Syd Barrett noch dabei war!“ Beide Ansichten haben ihre perspektivische Berechtigung. Zusammen ergeben sie aber einen toten Winkel von 1968 bis 1970. In der Zeit zwischen Barrett und Pomp fallen allerlei Experimente und Auftragsarbeiten, von „A Saucerful Of Secrets“ bis „Ummagumma“.
Eine dieser vergessenen Platten ist „More“, der Soundtrack zum gleichnamigen Film von Barbet Schröder. „More“ war ein Projekt, bei dem Pink Floyd absolut freie Hand hatten. Beim ersten Hören – und verglichen mit der obsessiven Homogenität späterer Alben – klingt „More“ wie eine lockere Ansammlung zerstreuter Skizzen, die man auch hätte wegwerfen können. Beim zweiten Hören fällt auf, dass beinahe jede dieser Skizzen eine Suchbewegung ist. Avantgarde, von der damals aktuellen „musique concrète“ („Quicksilver“) über flirrenden Proto-Ambient („Main Theme“) und pulsierenden Krautrock („Up The Khyber“) bis zu pastoralem Proto-Freakfolk („Cirrus Minor“) und dem Proto-Metal von „The Nile Song“ und „Ibiza Bar“. Und spätestens beim dritten Hören merkt man, dass das Album richtig gut ist; man kann hier eine Seite von Pink Floyd kennenlernen, die man womöglich davor und danach niemals wieder so sehen konnte. Es ist allemal eine Erfahrung wert und aufgrund der sehr verschiedenen Stile, die die Band auf „More“ anreisst, wird das Album im Gegensatz zum Film keinesfalls langweilig. Nicht einmal auf Dauer.