John Prine, The Tree Of Forgiveness, 2018

Produzent/ Dave Cobb

Label/ Oh Boy

John Prine war ein Storyteller mit literarischer Distanz, Ironie und unpathetischem Mitgefühl. Seine Lieder „Sam Stone“, „Angel From Montgomery“, „Paradise“ und „Hello In There“ sind alles Americana-Klassiker und Hits von Johnny Cash bis Bonnie Raitt. Aussergewöhnlich ist Prines Stoffwahl für seine Stücke. In „Paradise“ (1971) zum Beispiel, geht es um die Auswirkungen der Kohlenindustrie auf die Natur – jahrelang bevor Umweltschutz zum Thema wurde. Auffallend auch seine Emphatie. In „Angel From Montgomery“ singt er aus der Sicht der Frau, in „Hello In There“ über alte Menschen, die man laut grüssen soll, damit sie nicht vereinsamen. In dem Song „Lake Marie“ geht es um Mord, Liebe, einen Fischerausflug und italienischen Grillwürsten: „Man, they were sssizzeling!“

Tatsächlich geht es von Anfang an auch lustig zu bei Prine. Da ist dieser Mann, der von seiner Frau erwischt wird, wie er an ihrer Unterwäsche schnüffelt. Die Frau, die ihre Beine enthaart und laut dabei flucht. Das Personal in In Spite Of Ourselves“ (1998) könnte aus einem Jarmusch-Film sein. In „Jesus – The Missing Years“ erforscht er die in der Bibel nicht dokumentierte Zeit Christi. Dessen Leben verläuft so durchschnittlich, dass er im Refrain gar nicht mehr auftaucht.

John Prine kämpfte seit Ende der 90er Jahre mit Krebs. Eine Operation machte seine Stimme tiefer und rauher – und sein Songwriting erreichte neue Höhen. Sein letztes Album „The Tree Of Forgiveness“ offenbart nochmals seine Stärken: der einfühlsame Blick auf die Schwachen, der trockene Humor angesichts des Todes. Seit seiner Krebsdiagnose Nichtraucher, stellt sich Prine vor, wie es dereinst sein würde „When I Get To Heaven“: Er schüttelt Gott die Hand, bestellt einen Cocktail – „and I’m gonna smoke a cigarette that’s nine miles long“.

The Pretty Things, Get the Picture?, 1965

Produzent/ Bobby Graham, Glyn Johns

Label/ Fontana

In den frühen Sixties waren The Pretty Things die wildeste aller britischen Rhythm & Blues-Bands – laut, rüde, wild. Als die von dem Sänger Phil May angeführte Horde enthusiastischer R&B-Freaks 1964 ihre erste Hit-Single „Rosalyn“ veröffentlichten, schien ihr Weg zum Starruhm vorgezeichnet. Doch die grosse Kohle machten schliesslich andere aus derselben Londoner Szene von Kunststudenten – The Who oder die Rolling Stones.

Neben dem Gitarristen Dick Taylor war der mit seiner Mischung aus Aggression und androgyner Zügellosigkeit und für damalige Verhältnisse extrem langhaarige May der perfekte Frontmann für den R&B, den die Pretty Things zelebrierten. Dass es bei den Liveauftritten regelmässig zu Tumulten kam, festigte ihren Ruf als Bad Boys. Nach dem sehr traditionellen, wenn auch umwerfenden Debütalbum, machten die Pretty Things, auf ihrem zweiten Album „Get The Picture?“ gleich mal ein ganz anderes Fass auf. Zum einen stürzten sie sich in kraftvolle Eigenkompositionen, die trotz Beat und Blues wirklich schon garagenrockmässig daherkamen und zugleich psychedelische Elemente mit ins Repertoire brachten. Was man auch an manchem Titel sofort erkennt („L.S.D.“).

Dieses Statement dürfte auch ein wesentlicher Bestandteil des aufkeimenden Swinging London gewesen sein. Hier ist der Beginn einer kulturellen Revolution mitverankert, die dann hemmungslos stilistische Zutaten verschmolzen hat und zu einem eigenen Ausdruck fand. Und diese Aufbruchstimmung hört man deutlich heraus. Sicherlich wurde dies später noch verfeinert, aber „Get The Picture?“ ist und bleibt ein wichtiges Album in der Entwicklung der Rockmusik in den 60ern.

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Mark Knopfler, Sailing To Philadelphia, 2000

Produzent/ Mark Knopfler

Label/ Mercury Records

Bin gestern Abend nach langer Bahnfahrt endlich nach Hause gekommen, habe gut gegessen, mich ausgeruht und bin dann musikalisch nach Philadelphia gesegelt. Spätestens nach dem Hören dieses grandiosen Albums bin ich endgültig zu Hause angekommen.

Man könnte „Sailing To Philadelphia“ auch die Wiedergeburt aller Dire-Straits-Tugenden aus dem Geist eines Solisten nennen. Leichtfüssig demonstriert hier Mark Knopfler eine derartige stilistische Bandbreite, dass niemand mehr die Dire Straits vermisst. Sanft schwebende Jazzgitarrenlicks erinnern entfernt an Pat Metheny. James Taylor grundiert mit Knopfler den hymnischen Titelsong. Titel wie „Wanderlust“ oder „The Last Laugh“ mit Van Morrison sind atmosphärische Verdichtungen voll subtiler Klangverwandlungen. Das ganze Album hat eine seltene Abgeklärtheit und Souveränität. Das signalisiert überdeutlich auch schon das Eröffnungsstück „What It Is“ – ein raffinierter Ohrwurm, der die melodische Magie von „Sultans Of Swing“ besitzt. Allerdings ist für mich der absolute Höhepunkt „Silvertown Blues“. Allein für die perlenden Licks auf seiner „Fender“-Stratocaster, die Knopfler hier lässig aus dem Handgelenk schüttelt, muss man das Album lieben.

John Mayall, Blues From Laurel Canyon, 1968

Produzent/ Mike Vernon, John Mayall

Label/ Decca Records

Auf diesem Album verarbeitete der damals 35 jährige John Mayall seinen mehrmonatigen Aufenthalt in den Staaten, genauer gesagt in der Gegend oberhalb von LA, den Laurel Canyon’s. Die Platte funktioniert wie ein musikalisches Tagebuch. Es beginnt mit „Vacation“. Der Düsen-Flieger hebt ab und Mayall landet kurz vor Sonnenuntergang in L.A. „Walkig On Sunset“. Dann geht es zu seinem kurzfristigen „Laurel Canyon Home“. Nach „Ready To Ride“ trifft er den „Medicine Man“. Damals war die Gegend dort bei Hippies beliebt und im Klapp-Cover der LP sieht man Mayall dort im Lendenschurz rumlaufen. Ein kleiner Streit mit seiner Partnerin erinnert ihn daran das sich einer von ihnen wie ein Kind benimmt. So ist ein kleiner Ausflug fällig…

Interessant wird es wieder mit “The Bear“. Damit ist der kurz darauf verstorbene Sänger und Mundharmonika-Spieler Bob Hite von Canned Heat gemeint. Die Musik fliesst, swingt und klingt wie locker aus dem Handgelenk geschüttelt. John Mayall’s etwas dünne Stimme passt gut mit den filigranen Lead-Fills von Mick Taylor zusammen, der durch diese Platte erste grössere Beachtung fand.

Im nächsten Track trifft Mayall auf „Miss James“. Die beiden kommen sich näher : „There was nothing like that first time, I was alone with you..“ Zur zeitlupenartigen sparsamen Lead Guitar erzählt Mayall von dieser erotischen Nacht , die ersten Berührungen. Adäquat vertont er die prickelnde Atmosphäre, den Zauber dieser Begegnung. „Long Gone Midnight“ erzählt vom weiteren Verlauf dieser Nacht. Ergreifend und erotisch. Langsam nimmt die gesamte Band wieder Fahrt auf. Und bald darauf ist es Zeit Goodbye zu sagen. „Fly Tomorrow“ mit seinem geschickt verschlepptem Rhythmus und Percussions ist der würdige Abschluss dieses Albums und mit 9 Minuten keine Sekunde zu lang.

Jethro Tull, Aqualung, 1971

Produzenten/ Ian Anderson, Terry Ellis

Label/ Chrysalis Records

Nach ihrem relativ bluesigen Debütalbum „This Was“ änderten sich die Dinge bei Jethro Tull schnell. Co-Chef Mick Abrahams verlor den internen Machtkampf gegen Alpha-Anderson und suchte das Weite. Martin Barre hiess der Nachfolger und fortan sollten die von ihm an der Gitarre markant gesetzten Riffs zu einem charakteristischen Merkmal vieler Jethro-Tull-Songs werden – gut zu hören auf dem vierten Album „Aqualung“.

Das im März 1971 erschienene Meisterwerk dreht sich um Gott und die Welt, erzählt die Geschichten einiger seltsamer Gestalten und versammelt neben kleinen Akustikperlen die wichtigsten Stücke Ian Andersons. Und die sind nahezu alle von der Gitarre Martin Barres mitgeprägt. Das Titelstück eröffnet die A-Seite und kommt genau wie sein Pendant „My God“ auf der B-Seite etwas vertrackt daher, akustische Passagen und Hardrock-Elemente halten sich die Waage. Gleiches gilt für das finale „Wind Up“. Straighter fallen das schwer pumpende „Hymn 43“ und die Tull-Erkennungsmelodie „Locomotive Breath“ sowie das gerne mal im Schatten der anderen Knaller übersehene „Cross-Eyed Mary“ aus.

Und die Flöte? Ian Anderson spielt sie heute immer noch, allerdings ohne Jethro Tull und seinen Gitarristen Martin Barre. Der tingelt seit ein paar Jahren durch kleine Clubs auf der ganzen Welt und gibt ziemlich harte Shows.

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John Lennon, Working Class Hero, 1970

Text/Musik/ John Lennon

Produzenten/ John Lennon, Phil Spector

Label/ Apple

Das auffällig dylaneske „Working Class Hero“ ist voller Verachtung, Sarkasmus und Bitterheit; der schonungslose, spöttische Text wird zur folkig-rauh gespielten Gitarre halb gesprochen, halb gesungen. Als wäre der Song nicht schon heftig genug, unterstreicht Lennon seine Entfremdung von den biederen Publikumsanteilen mit zweimaliger Verwendung des Wortes „fucking“ ( so entlarvt er z. B. uns Hörer als „fucking peasants“, „verdammte Bauern“).

Viele Kritiker nahmen es John Lennon übel, dass er sich als ein Teil der Arbeiterklasse bezeichnete, schliesslich war er in einem guten Mittelstand Haushalt bei seiner Tante gross geworden. Daraufhin rechtfertigte sich Lennon, dass der Song sardonisch sein sollte und es habe nichts mit Sozialismus zu tun. Er erzählte, dass er selbst als er berühmt war Zeiten erlebte, in denen er sehr glücklich und Zeiten, in denen er sehr unglücklich war. Und genau darum geht es.

 

Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich mit 13 zum ersten Mal die Beatles gehört habe – danach war ich ein anderer Mensch. In den 1960er und 1970er Jahren habe ich viel britische und amerikanische Musik gehört: Rolling Stones, Jimi Hendrix, Led Zeppelin, Neil Young oder Bob Dylan, den ich auch als Lyriker sehr schätze.

Dieser Blog ist eine grosse Verbeugung vor der Musik, die mich in meiner Jugend begleitet hat. Ich hätte vielleicht meine Lehre abgebrochen ohne die Musik von Frank Zappa und Captain Beefheart. Es gab Musiker, die mir das Leben gerettet haben, buchstäblich. Wenn ich am Abend nach Hause kam, war es immer für mich das Erste in mein Zimmer zu gehen, Tür zu und dann die Musik zu hören, die sich nicht um Hörgewohnheiten schert, sich nicht anpasst, und mit Texten, die auch nicht danach fragen, worüber man sich lustig machen darf und worüber nicht – das war sehr wichtig für mich.

Die Formulierungen in den Reviews, die ich hier reingestellt habe, sind nicht immer komplett meine eigenen. Es gibt viel Erlesenes, jahrelang Angesammeltes, Allgemeingültiges und Angesagtes, Abnormes und Abstruses. Das Konzept hinter den Posts ist für mich, dass Musik immer in einem Kontext zu der Zeit steht, in der sie geschaffen wurde. Die Beiträge hier sind also zum Nachlesen und Einhören, zum Nachschlagen und zur Anregung für eigene Expeditionen ins Reich der Popmusik.

Ich bin 1953 in Bern geboren und war 40 Jahre lang selbstständig tätig. Mit 64 Jahren habe ich mich pensionieren lassen. Es macht mich heute glücklich, dass ich im Alter von 40 noch angefangen habe, akustische Gitarre spielen zu lernen, und mich damit jetzt vollends auf dem Terrain vom alten Country-Blues bewege, nämlich dem „Fingerpicking-Stil“ mit herrlichen traditionellen Songs wie „Step It Up And Go“, „Coffee House Blues“, „That’ll Never Happen No More“, „Freight Train“ und anderen wunderbar akustischen Liedguts der 30er und 40er Jahre.

Pink Floyd, More, 1969

Produzent/ Pink Floyd

Label/ EMI Columbia

Unter zeitgenössischen Geschmackswächtern hat sich die Ansicht durchgesetzt, Pink Floyd für ihre späteren Platten als Produzenten von psychedelischem Pomp abzutun. Manchmal findet sich ein Bescheidwisser, der dann die Finger hebt und einwirft: „Die waren gut, solange Syd Barrett noch dabei war!“ Beide Ansichten haben ihre perspektivische Berechtigung. Zusammen ergeben sie aber einen toten Winkel von 1968 bis 1970. In der Zeit zwischen Barrett und Pomp fallen allerlei Experimente und Auftragsarbeiten, von „A Saucerful Of Secrets“ bis „Ummagumma“.

Eine dieser vergessenen Platten ist „More“, der Soundtrack zum gleichnamigen Film von Barbet Schröder. „More“ war ein Projekt, bei dem Pink Floyd absolut freie Hand hatten. Beim ersten Hören – und verglichen mit der obsessiven Homogenität späterer Alben – klingt „More“ wie eine lockere Ansammlung zerstreuter Skizzen, die man auch hätte wegwerfen können. Beim zweiten Hören fällt auf, dass beinahe jede dieser Skizzen eine Suchbewegung ist. Avantgarde, von der damals aktuellen „musique concrète“ („Quicksilver“) über flirrenden Proto-Ambient („Main Theme“) und pulsierenden Krautrock („Up The Khyber“) bis zu pastoralem Proto-Freakfolk („Cirrus Minor“) und dem Proto-Metal von „The Nile Song“ und „Ibiza Bar“. Und spätestens beim dritten Hören merkt man, dass das Album richtig gut ist; man kann hier eine Seite von Pink Floyd kennenlernen, die man womöglich davor und danach niemals wieder so sehen konnte. Es ist allemal eine Erfahrung wert und aufgrund der sehr verschiedenen Stile, die die Band auf „More“ anreisst, wird das Album im Gegensatz zum Film keinesfalls langweilig. Nicht einmal auf Dauer.

Dave & Phil Alvin, Common Ground: Dave & Phil Alvin Play And Sing The Songs Of Big Bill Broonzy, 2014

Produzent/ Dave Alvin

Label/ Yep Roc

Einst gründeten die Brüder The Blasters aber musikalische Meinungsverschiedenheiten führten 1986 dazu das man sich trennte. Aber eines verband sie immer, die Liebe zum Blues. So kam es dann, das sie 2014 zum ersten Mal wieder zusammen ein Album aufnahmen.

Gemeinsam hauchen sie auf „Common Ground: Dave Alvin & Phil Alvin Play And Sing The Songs Of Big Bill Broonzy“ zwölf Songs aus dem umfangreichen Repertoire des 1958 verstorbenen Blues-Klassikers Big Bill Broonzy neues Leben ein. Ihre Würdigung Broonzys vereint das Beste aus beiden Welten – die so unterschiedlich nicht sind. Schliesslich besteht sogar die angeheuerte Band aus Mitgliedern der Blasters und aus Dave Alvins Liveband. Das Resultat ist kein gut gemeintes Bluesalbum weisser Buben im fortgeschrittenen Alter, sondern schiebt im Geist des zusammen generierten Roots-Rock an, dass es Phils Gesicht wieder ordentlich in Falten legt, wie damals, 1981. Ein paar Songs wie „Stuff They Call Money“ singen die beiden im Duett, den Rest teilt man sich paritätisch. Dave ist der düstere Typ, Phil hat das sonnigere Gemüt.

In der Mischung ergibt das ein grossartiges Blues- und Rock’n’Roll-Album, ohne in die Nähe eines öden Bluesrock zu kommen. Gene Taylor klimpert sein bestes Juke-Joint-Piano, Phil drückt aufs Gas, Dave geht mit oder steht auf der Bremse. Das resultiert in einer Dynamik, die alle zwölf Titel belebt. Die Musik ist dreckig, luftig, sie besitzt jenes Gefühl, das so vielen ähnlichen Alben vollkommen abgeht.

„The blues had a baby and they named it rock and roll“: Yes, and then two more: The brothers Dave and Phil Alvin. Right, CB?