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Taj Mahal, Maestro, 2008

Produzent/ Taj Mahal

Label/ Heads Up International

Weltmusik, der Begriff klingt so freundlich. Dabei trägt seine Verallgemeinerung eine Entwertung in sich. Denn der Begriff bezeichnet alles, was ausserhalb der USA gespielt wird, mit demselben Etikett. Weltmusik meint die Volksmusik der armen Länder und Kontinente, von den europäischen Zigeunerweisen über die afrikanischen Polyrhythmen zu den karibischen und lateinamerikanischen Tänzen. Auch deshalb wird der Begriff von denen am meisten kritisiert, deren Musik damit belegt wird: Sie empfinden die Gleichmacherei als Anmassung.

Umso erstaunlicher, dass ein Pionier dieser sogenannten Weltmusik den Begriff dermassen unbekümmert verwendet: Henry Saint Clair Frederick, der sich Taj Mahal nennt, seit über fünfzig Jahren als Musiker die Welt bereist und sich von allem beeinflussen lässt, was ihm auf seinen Reisen begegnet.

„Maestro“ nennt der gebürtige New Yorker sein 2008 erschienenes Album selbstbewusst, das die Einflüsse seiner Karriere vorzeigt und wie eine inoffizielle Anthologie funktioniert. Von Gästen wie Los Lobos, Ziggy Marley oder Ben Harper unterstützt, singt sich der Bandleader durch Reggae-, Soul- und Bluesnummern, covert Fats Domino und Bo Diddley und bezieht sich mehrmals und also demonstrativ auf die synkopierten Second-Line-Rhythmen von New Orleans.

Auch mit seiner eigenen Band macht Taj Mahal vor, dass der Blues für ihn bestenfalls eine Grundierung ist, die es mit anderen Einflüssen anzureichern gilt. Mahals Stimme klingt noch immer kehlig und voll, und seine Musik hat nichts von ihrer Vielfalt und Vitalität verloren. Viele amerikanische Musiker bedienen sich fremder Stile, wenn ihnen die Ideen ausgehen und ihnen die Folklorisierung Echtheitszertifikate garantiert. Für Taj Mahal aber gehört die stilistische Vielfalt zum Ausdruck seiner Musik und Kultur.

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Tedeschi Trucks Band, Revelator, 2011

Produzent/ Jim Scott, Derek Trucks

Label/ Sony Music

Die Tedeschi Trucks Band macht, was in diesen Zeiten nottut: tröstliche Musik mit einer scharfen Note, Roots-Rock mit sozialem Bewusstsein. Susan Tedeschis Stimme hat das Beruhigende von Bonnie Raitt und die wütende Euphorie von Janis Joplin. Die Bandmitglieder sind weisse und schwarze Musiker mit Wurzeln in Irland, Italien oder Syrien und doch ist diese Band „all-american“: Blues, Rock, Funk und Soul

Die Geschichte der Protagonisten ist eng mit jener der Allman Brothers Band verknüpft. Gitarrenvirtuose Derek Trucks war bereits als Teenager häufig Gast in der Südstaaten-Rockband. 1999, als er zum festen Mitglied wurde, spielte Susan Tedeschi im Vorprogramm der Allmans. Sie und der neun Jahre jüngere Slide-Gitarrist wurden ein Paar. In den kommenden Jahren teilten sie ihr Privatleben, gingen musikalisch aber zunächst Solo­wege. Bis sie 2010 schliesslich ihre gemeinsame Band gründeten.

Ihr Erstlingswerk „Revelator“ hat es gehörig in sich. Durch die grosse Band entsteht ein polyrhythmischer Groove, der jedem Song seinen eigenen Charakter verleiht. Die Songs sind alle aufeinander abgestimmt. Man höre sich nur einmal  „Midnight In Harlem“ an. Ebenso schön kommt „Until You Remember“. Rockiger, aber nicht minder intensiv, klingt „Learn How To Love“. Traumhaft schön auch das Zusammenspiel von Orgel und Bass auf „Love Has Something Else To Say“, gefolgt von einem kurzen und bewundernswert perfekten Wah-Solo der Gitarre.

All dies sind Momente der Freude, eine Feier der menschlichen Erfindung namens Musik. Wenn die Musiker der Tedeschi Trucks Band ihre Virtuosität zeigen, wirkt das nicht wie eine Zurschaustellung, sondern wie ein Geschenk. Oder, anders gesagt, „Revelator“ ist ein Album, für das man sich Zeit nehmen sollte, um alle Feinheiten zu spüren.

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The Who, Meaty Beaty Big And Bouncy, 1971

Produzent/ Kit Lambert, Shel Talmy

Label/ Polydor

Mehr noch als viele ihrer Zeitgenossen wie die Beatles oder die Stones, die gerne mal eine Single veröffentlichten, die nicht auf einem Album unterkam, waren die Who in den 60er Jahren primär eine Singles-Band. Und als solche fanden sich ihre grössten Hits eben nicht auf den Studioalben. Tatsächlich gab Townshend zu Protokoll, dass er erst mit „Tommy“ die Kunst des Albums entdeckt habe. Aus diesem Grund ist diese 1971 erschienene Compilation mitsamt ihrem grossartig melancholischen Cover ein Rückblick auf das Frühwerk der Band. Und zu diesem gehören ja schliesslich einige der besten Songs der 60er Jahre.

Diese LP konnte ich mir zur Zeit ihrer Veröffentlichung nicht leisten, daher existierte von „Meaty Beaty Big And Bouncy“ jahrelang nur eine Cassetten-Kopie, deren Qualität von vorneherein nicht die Beste war und im Laufe der Zeit immer schlechter wurde. Später habe ich mir dann das Album zugelegt und es auch nicht bereut: besonders reizvoll an den Who ist hier ihre Fähigkeit einen Gesamtsound hinzulegen – reiche Arrangements und üppige Harmonien von musikalischen Könnern.

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The Allman Brothers Band, Eat A Peach, 1971

Produzent/ Tom Dowd

Label/ Capricorn Records

Ihr Album „Live At Fillmore East“ stand noch hoch im Kurs und markierte den endgültigen Durchbruch für die Allman Brothers Band, als sie sich an die Aufnahmen zu ihrem dritten Studioalbum machten.  Doch die Arbeiten gestalteten sich alles andere als einfach. Kurz vor den Sessions hatten sich einige Band- und Crewmitglieder, unter ihnen Duane Allman, in eine Klinik begeben, um ihre Heroin-Sucht zu bekämpfen. Doch ihre guten Absichten führten nicht zu dem gewünschten Ergebnis.

Wegen des Erfolges, aber auch, weil sie noch viel gutes Material von den Fillmore-Konzerten 1971 in petto hatten, waren auf der Doppel-LP schliesslich auch drei Livesongs, wobei der 33minütige Jamrock-Klassiker „Mountain Jam“ auf zwei LP-Seiten verteilt werden musste. „Eat A Peach“ wurde zum Vermächtnis von Duane Allman: Der Gitarrist starb am 29. Oktober 1971 bei einem Motorradunfall. Drei weitere weitere Songs sind nach seinem Tod aufgenommen worden, unter anderem das balladeske „Melissa“.

„Eat A Peach“ war das erste Album, das das komplette Stil-Spektrum der Allman Brothers Band wirklich widerspiegelte. Während die ersten beiden Alben noch tief im Bluesrock verwurzelt gewesen waren, bestach „Eat A Peach“, egal ob es sich noch um Songs mit Duane oder um nach seinem Tod eingespielte Tracks handelte, durch die Verknüpfung von Jazz- und Country-Einflüssen mit den bluesrockigen Elementen. Und das auf eine recht beschwingte Art. Das war umso erstaunlicher, als gerade die Songs, die nach dem Motorrad-Crash entstanden, als Tribut für den toten Freund und Bruder gedacht waren.

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The Rolling Stones, Sticky Fingers, 1971

Produzent/ Jimmy Miller

Label/ Rolling Stones Records

Nun ja, da war, 1971, schon mal diese Plattenhülle von „Sticky Fingers“ – den schmutzigen oder zumindest klebrigen Fingern: Eine Männerhüfte in engen Jeans, auf der Rückseite das Gesäss, vorn der Reissverschluss – die Wucht des Mannes. Die erste Stones-LP unter ihrem neuen Label. Die Band hatte sich von ihrer bisherigen Produzentenfirma getrennt und startete mit ihrer eigenen. Oben links die rausgestreckte, rote Zunge.

Abgründige Texte, Rausch, Heroin, Tod, Verderben und Sehnsucht – in dieser und jeder anderen Reihenfolge. „Brown Sugar“, „Wild Horses“, „Bitch“, „Sister Morphine“ und „Dead Flowers“. Verwegene Fantasien, die dreckige, verhöhnende Jagger-Stimme, der dumpfe Bass, die rhythmischen Riffs und die melodiösen Soli. Der Leckt-mich-am-Arsch-Groove für abgelöschte Stunden und Guck-her-wer-ich-bin-Prozac, wenn die coole Scharfe an der Party auftaucht. „Sticky Fingers“- eigentlich schon zum x-ten Mal rauf und runter gespielt, aber die Songs fahren immer noch ein.

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Jimi Hendrix, Belly Button Window, 1971

Text/Musik/ Jimi Hendrix

Produzent/ Jimi Hendrix

Label/ Reprise

In „Belly Button Window“ betreibt Jimi Hendrix eine Art Nabelschau. Durch sein „Bauchnabelfenster“ guckt er aus dem schwangeren Bauch seiner Mutter nach draussen, sieht dort nur sorgenvolle Gesichter und fragt sich, ob seine Gesellschaft da draussen möglicherweise unerwünscht sein könnte. Er versichert seiner Mutter, dass er, falls sie ihn jetzt im Moment nicht brauchen könne, kein Problem damit hätte, schnurstracks wieder ins Reich der reinen, körperlosen Geistigkeit zurückzukehren.

Und als er der Mutter ins innere Ohr flüstert, dass es heutzutage für alles eine Pille gäbe, für Krankheiten, für ein aufregenderes Leben und eben auch für Abtreibungen, fällt ihm ein, dass sie dafür wahrscheinlich schon etwas zu spät dran ist. Also findet er sich damit ab, doch auf die Welt zu kommen, und zwar, wie er seinem Vater versichert, ungeachtet einer Welt, die von Liebe und Hass geprägt ist. Und der lieben Mutter prophezeit er: „Im gonna eat up all your chocolates“.

Er wird also all ihre Schokolade aufessen. Das ist die Rache des kleinen Mannes dafür, dass man ihn in Welt gesetzt hat.

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Creedence Clearwater Revival, Pendulum, 1970

Produzent/ John Fogerty

Label/ Fantasy Records

Ende 1970 galten Creedence Clearwater Revival als die neuen Beatles, oder doch wenigstens als Amerikas Antwort auf die Fab Four. Fogerty & Co lächelten von Millionen Postern, verkauften mehr Platten als der Rest und okkupierten die Airwaves rund um die Uhr. Ihre Band aber war da bereits kaputt.

„Pendulum“, aufgenommen im November 1970 in Wally Heiders Studio in San Francisco und veröffentlicht am 7. Dezember mit einer rauschenden Presse-Party im CCR-Hauptquartier „Factory“, war das letzte Album des Quartetts. Zumindest musikalisch ist hier noch alles in Ordnung. Das Album warf mit der Ballade „Have You Ever Seen The Rain“ und dem Gassenhauer „Hey Tonight“ nochmals zwei Riesen-Hits ab. Da gibt es mit „Hideaway“ und „It’s Just A Thought“ zwei gute Balladen. Bei „Pagan Baby“ und „Born To Move“ geben sie so richtig schön Gas, wobei letzteres auch durch einen längeren Instrumentalpart glänzt. Wunderschön auch „Chameleon“, das durch Saxophonklänge aufgepeppt wird. Auffallend am Gesamtsound des Albums ist John Fogertys Bemühen um eine Erweiterung des Klangspektrums: zwar hatte er auch vorher schon mal etwas Saxophon gespielt ; aber auf „Pendulum“ gibt es kaum einen Song, der nicht von seinem geschmackvollen Orgelspiel oder seinen von ihm selbst eingespielten Bläsersätzen profitiert.

Zwei Monaten nach der Veröffentlichung von „Pendulum“ verliess Tom Fogerty Creedence Clearwater Revival. Er hatte die Nase voll von Johns totaler Dominanz und es im Grunde nie verwunden, dass der Erfolg just in dem Moment einsetzte, als er die Führung der Band an seinen jüngeren Bruder abgegeben hatte.

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Frank Zappa, Joe’s Garage Act I, II & III, 1979

Produzent/ Frank Zappa

Label/ Barking Pumpkin Records

„Joes Garage“ erzählte die Geschichte des Gitarristen Joe, der in einer nicht allzufernen Zukunft in einer Gesellschaft, in der totales Musikverbot herrscht, gegen den allmächtigen Zensor und Big Brother, der bei Zappa „The Central Scrutinizer“ heisst, ankämpfte.

Das wunderbar paranoide Werk enthielt auch einige Titel, die den Zensor der Gegenwart am Schwanz packten. Keineswegs eingeschüchtert von den Protesten einer jüdischen Kulturorganisation gegen den Song von der „Jewish Princess“ auf „Sheik Yerbouti“ waren diesmal im ökumenischen Rundschlag die „Catholic Girls“ an der Reihe. Neben den Katholiken traf es auch die Scientologen, die Zappa in der Figur des L. Ron Hoover verspottete, der seine „Appliantology“ propagierte. Publikumslieblinge wurden freilich „Wet-T-Shirt-Night“ und „Why Does It Hurt When I Pee?“

Freunde und Mitmusiker wollen in diesen Jahren bemerkt haben, dass Zappas Witz gemeiner, verbiesteter geworden war. Schärfer und zielgenauer stimmt eher. Zappa war ohnehin nie unpolitisch gewesen. Er verachtete Politiker jeder Art und drückte sich lieber mit musikalischen Mitteln aus, war aber immer bereit, in gesellschaftlichen Fragen Stellung zu beziehen. „Joe’s Garage“ war alles andere als optimistisch und nahm in jeder Hinsicht totalitäre Tendenzen der aufziehenden Reagan-Ära vorweg.