
Grace Slick and Janis Joplin, San Francisco, CA 1967

Grace Slick and Janis Joplin, San Francisco, CA 1967

The Rolling Stones, 1966

The Rolling Stones, Paint It Black, 1966
Text/Musik/ Mick Jagger, Keith Richards
Produzent/ Andrew Loog Oldham
Label/ Decca
Die zehnte Single der Stones – Nr.1 auf beiden Seiten des Atlantiks – warf einen bemerkenswerten Schatten auf den sonnigen Optimismus der Popmusik des Jahres 1966. „Paint It Black“ ist Blues, aber nihilistischer als alles, was die Band zuvor hervorgebracht hatte. Mick Jaggers Text „I have to turn my head until my darkness goes“ bezieht sich auf James Joyces Roman „Ulysses“ und nimmt den Tod eines lieben Menschen als Katalysator für eine verzweifelte, hoffnungslose Weltsicht. „Es ist wie das Anfangsstadium miserabler Psychedelica“, sage Jagger später. „Da haben die Rolling Stones etwas in Gang gesetzt.“
Die stärkste musikalische Ausstrahlung hat hier die Sitar von Brian Jones. Sie hat etwas Verwirrendes, leicht Bedrohliches an sich, und durch sie ist der Song ein viel erfolgreicherer Ausflug ins Psychedelische als die Platte „Their Satanic Majesties Request“ aus dem Jahr 1967. Die Aufnahmesession hätte nirgendwohin geführt, hätte Jones nicht sich nicht exotische Instrument geschnappt und angefangen, ihm Töne zu entlocken. „Wir haben’s mit funky Rhythmen probiert, und es hat funktioniert“, so Richards später; „er hat angefangen Sitar zu spielen und alle sind eingestiegen.“ Jones zauberte gekonnt einen hypnotischen Drone, und am Ende doppelte Bill Wyman seinen Bass mit den Basspedalen der Orgel.
Scheppernder Garagenpunk – Charlie Watts Drums pochen unerbittlich wie Migräne – gepaart mit abgrundtiefer Trauer. „Paint It Black“ ein mitreissendes Requiem des Pop.

Jethro Tull, Locomotive Breath, 1971
Text/Musik/ Ian Anderson
Produzent/ Ian Anderson
Label/ Island
„Locomotive Breath“ ist für mich einer der brillantesten Titel Jethro Tulls aus dem Album „Aqualung“. Ian Anderson, Kopf, Sänger und Flötist von Jethro Tull erklärte, „Locomotive Breath“ sei ein nicht unbedingt todernstes Lied darüber, wie ein Mensch unaufhaltsam und führerlos durchs Leben und schliesslich in den Tod rast.
„He feels the piston scraping, steam breaking on his brow, Old Charlie stole the handle, and the train it won’t stop going – no way to slow down.“ Der unglückliche Mann in seinem führerlos dahinstampfenden Lebenszug muss zusehen, wie seine Kinder an verschiedenen Bahnhöfen eines nach dem anderen vom Zug herunterspringen, und er weiss, dass irgendwo seine Frau sich mit seinem besten Freund im Bett vergnügt. Was seine Stimmung sicherlich auch nicht gerade hebt. Er kriecht auf Knien und Händen durch dier Gänge des Zuges, hört das Heulen der Stille und fängt fallende Engel auf, und der ewige Gewinner (damit ist wahrscheinlich Gott gemeint) hat ihn fest am Sack.
Der Mann greift zu Gideons Bibel, die auf Seite 1 aufgeschlagen ist (dort steht in der Schöpfungsgeschichte der Gegenentwurf zu Charles Darwins Evolutionstheorie) und sagt sich „Gottlob hat er (Old Charlie) den Griff geklaut“. „The train it won’t stop going, no way to slow down.“

Mavis Staples, You Are Not Alone, 2010
Produzent/ Jeff Tweedy
Label/ ANTI-
Sie ist eine der grössten Sängerinnen des 20. Jahrhunderts und hat so gut wie alles erreicht. Mavis Staples, 1939 geboren als Tochter des legendären Pop Staples und Teil der Staples Singers. Etliche Jahre wirkte ihre Karriere, wie die meisten ihrer noch lebenden Zeitgenossen, richtungslos und uninspiriert, bevor sie das Glück hatte, mit Wilcos Jeff Tweedy, ein weiterer junger Musiker der sich als Rick Rubin versuchte, ein würdiges Album zu schaffen, das ihr den Beginn einer neuen Karriere bescherte.
„You Are Not Alone“ führt Mavis Staples zu ihren Roots zurück: Es ist ein Gospelalbum, auf dem sie etliche alte Kirchensongs anstimmt, die sie schon als Teenager in der Kirche sang. Die tut sie allerdings ohne das zwanghaft euphorische und missionarische Pathos des traditionellen Gospels.
„You Are Not Alone“ ist ein zurückhaltend produziertes, blueslastiges Soulalbum, der Sound klingt so warm und herzlich, als käme er direkt aus den alten Stax-Studios und schenkt der einzigartigen Stimme von Mavis Staples viel Raum – so dass sich die alte Dame nicht mit reiner Vokalkraft in den Vordergrund kreischen muss, sondern sich ganz auf ihr Gefühl verlassen und konzentrieren kann.

Buffalo Springfield, For What It’s Worth, 1967
Text/Musik/ Stephen Stills
Produzent/ Charles Greene
Label/ Atco
„For What It’s Worth“ war während der Jugendunruhen Mitte und Ende der 60er Jahre eine Anti-Establishment-Hymne. Zur West-Coast Gruppe Buffalo Springfield gehörten zwei Songwriter, die an der Entwicklung der US-Rockmusik noch wesentlichen Anteil haben sollten: Neil Young und Stephen Stills. Stills zeitgemässer Protestsong – der einzige grosse Hit der Band – fing den aufkommenden Geist jugendlicher Selbstbestimmung ein.
Der Song beschreibt die Konfrontation zwischen Polizei und Jugendlichen 1966 am Sunset Boulevard in West Hollywood. Hunderte von jungen Leuten trafen sich auf dem Gehweg vor den beliebten Clubs „Pandora’s Box“ und „The Whisky A Go-Go“, was aufgeregte örtliche Geschäftsleute dazu bewog, die Polizei zu rufen. Stephen Stills war Zeuge der daraus hervorgehenden Unruhen, Schlägereien und Festnahmen. Höchst beunruhigt schrieb er einen Song darüber, dass nur wenige Häuserblocks von seinem Zuhause entfernt solche Schlachten ausgetragen wurden.
Die Zeile „There is something happening here. What it is ain’t exactly clear“ bezeichnet sehr schön den Zustand, wenn einem die Worte fehlen. Es ist die Erfahrung einer Sprachlosigkeit, wie wir sie auf einmal überall in beunruhigenden Phänomene konstatieren: Geschäfte schliessen, bestimmte Güter werden knapp, Ausgangssperren werden verhängt, Grenzen dicht gemacht, die häusliche Gewalt steigt, Amerikaner kaufen vermehrt Waffen – ein Muster von Symptomen von etwas, aber von was? Bekommen wir es nun tatsächlich mit der Wucht und Komplexität einer planetarischen Krise zu tun, gegenüber der wir sprachlos sind?

Taj Mahal, Maestro, 2008
Produzent/ Taj Mahal
Label/ Heads Up International
Weltmusik, der Begriff klingt so freundlich. Dabei trägt seine Verallgemeinerung eine Entwertung in sich. Denn der Begriff bezeichnet alles, was ausserhalb der USA gespielt wird, mit demselben Etikett. Weltmusik meint die Volksmusik der armen Länder und Kontinente, von den europäischen Zigeunerweisen über die afrikanischen Polyrhythmen zu den karibischen und lateinamerikanischen Tänzen. Auch deshalb wird der Begriff von denen am meisten kritisiert, deren Musik damit belegt wird: Sie empfinden die Gleichmacherei als Anmassung.
Umso erstaunlicher, dass ein Pionier dieser sogenannten Weltmusik den Begriff dermassen unbekümmert verwendet: Henry Saint Clair Frederick, der sich Taj Mahal nennt, seit über fünfzig Jahren als Musiker die Welt bereist und sich von allem beeinflussen lässt, was ihm auf seinen Reisen begegnet.
„Maestro“ nennt der gebürtige New Yorker sein 2008 erschienenes Album selbstbewusst, das die Einflüsse seiner Karriere vorzeigt und wie eine inoffizielle Anthologie funktioniert. Von Gästen wie Los Lobos, Ziggy Marley oder Ben Harper unterstützt, singt sich der Bandleader durch Reggae-, Soul- und Bluesnummern, covert Fats Domino und Bo Diddley und bezieht sich mehrmals und also demonstrativ auf die synkopierten Second-Line-Rhythmen von New Orleans.
Auch mit seiner eigenen Band macht Taj Mahal vor, dass der Blues für ihn bestenfalls eine Grundierung ist, die es mit anderen Einflüssen anzureichern gilt. Mahals Stimme klingt noch immer kehlig und voll, und seine Musik hat nichts von ihrer Vielfalt und Vitalität verloren. Viele amerikanische Musiker bedienen sich fremder Stile, wenn ihnen die Ideen ausgehen und ihnen die Folklorisierung Echtheitszertifikate garantiert. Für Taj Mahal aber gehört die stilistische Vielfalt zum Ausdruck seiner Musik und Kultur.

Tedeschi Trucks Band, Revelator, 2011
Produzent/ Jim Scott, Derek Trucks
Label/ Sony Music
Die Tedeschi Trucks Band macht, was in diesen Zeiten nottut: tröstliche Musik mit einer scharfen Note, Roots-Rock mit sozialem Bewusstsein. Susan Tedeschis Stimme hat das Beruhigende von Bonnie Raitt und die wütende Euphorie von Janis Joplin. Die Bandmitglieder sind weisse und schwarze Musiker mit Wurzeln in Irland, Italien oder Syrien und doch ist diese Band „all-american“: Blues, Rock, Funk und Soul
Die Geschichte der Protagonisten ist eng mit jener der Allman Brothers Band verknüpft. Gitarrenvirtuose Derek Trucks war bereits als Teenager häufig Gast in der Südstaaten-Rockband. 1999, als er zum festen Mitglied wurde, spielte Susan Tedeschi im Vorprogramm der Allmans. Sie und der neun Jahre jüngere Slide-Gitarrist wurden ein Paar. In den kommenden Jahren teilten sie ihr Privatleben, gingen musikalisch aber zunächst Solowege. Bis sie 2010 schliesslich ihre gemeinsame Band gründeten.
Ihr Erstlingswerk „Revelator“ hat es gehörig in sich. Durch die grosse Band entsteht ein polyrhythmischer Groove, der jedem Song seinen eigenen Charakter verleiht. Die Songs sind alle aufeinander abgestimmt. Man höre sich nur einmal „Midnight In Harlem“ an. Ebenso schön kommt „Until You Remember“. Rockiger, aber nicht minder intensiv, klingt „Learn How To Love“. Traumhaft schön auch das Zusammenspiel von Orgel und Bass auf „Love Has Something Else To Say“, gefolgt von einem kurzen und bewundernswert perfekten Wah-Solo der Gitarre.
All dies sind Momente der Freude, eine Feier der menschlichen Erfindung namens Musik. Wenn die Musiker der Tedeschi Trucks Band ihre Virtuosität zeigen, wirkt das nicht wie eine Zurschaustellung, sondern wie ein Geschenk. Oder, anders gesagt, „Revelator“ ist ein Album, für das man sich Zeit nehmen sollte, um alle Feinheiten zu spüren.

The Who, Meaty Beaty Big And Bouncy, 1971
Produzent/ Kit Lambert, Shel Talmy
Label/ Polydor
Mehr noch als viele ihrer Zeitgenossen wie die Beatles oder die Stones, die gerne mal eine Single veröffentlichten, die nicht auf einem Album unterkam, waren die Who in den 60er Jahren primär eine Singles-Band. Und als solche fanden sich ihre grössten Hits eben nicht auf den Studioalben. Tatsächlich gab Townshend zu Protokoll, dass er erst mit „Tommy“ die Kunst des Albums entdeckt habe. Aus diesem Grund ist diese 1971 erschienene Compilation mitsamt ihrem grossartig melancholischen Cover ein Rückblick auf das Frühwerk der Band. Und zu diesem gehören ja schliesslich einige der besten Songs der 60er Jahre.
Diese LP konnte ich mir zur Zeit ihrer Veröffentlichung nicht leisten, daher existierte von „Meaty Beaty Big And Bouncy“ jahrelang nur eine Cassetten-Kopie, deren Qualität von vorneherein nicht die Beste war und im Laufe der Zeit immer schlechter wurde. Später habe ich mir dann das Album zugelegt und es auch nicht bereut: besonders reizvoll an den Who ist hier ihre Fähigkeit einen Gesamtsound hinzulegen – reiche Arrangements und üppige Harmonien von musikalischen Könnern.

The Allman Brothers Band, Eat A Peach, 1971
Produzent/ Tom Dowd
Label/ Capricorn Records
Ihr Album „Live At Fillmore East“ stand noch hoch im Kurs und markierte den endgültigen Durchbruch für die Allman Brothers Band, als sie sich an die Aufnahmen zu ihrem dritten Studioalbum machten. Doch die Arbeiten gestalteten sich alles andere als einfach. Kurz vor den Sessions hatten sich einige Band- und Crewmitglieder, unter ihnen Duane Allman, in eine Klinik begeben, um ihre Heroin-Sucht zu bekämpfen. Doch ihre guten Absichten führten nicht zu dem gewünschten Ergebnis.
Wegen des Erfolges, aber auch, weil sie noch viel gutes Material von den Fillmore-Konzerten 1971 in petto hatten, waren auf der Doppel-LP schliesslich auch drei Livesongs, wobei der 33minütige Jamrock-Klassiker „Mountain Jam“ auf zwei LP-Seiten verteilt werden musste. „Eat A Peach“ wurde zum Vermächtnis von Duane Allman: Der Gitarrist starb am 29. Oktober 1971 bei einem Motorradunfall. Drei weitere weitere Songs sind nach seinem Tod aufgenommen worden, unter anderem das balladeske „Melissa“.
„Eat A Peach“ war das erste Album, das das komplette Stil-Spektrum der Allman Brothers Band wirklich widerspiegelte. Während die ersten beiden Alben noch tief im Bluesrock verwurzelt gewesen waren, bestach „Eat A Peach“, egal ob es sich noch um Songs mit Duane oder um nach seinem Tod eingespielte Tracks handelte, durch die Verknüpfung von Jazz- und Country-Einflüssen mit den bluesrockigen Elementen. Und das auf eine recht beschwingte Art. Das war umso erstaunlicher, als gerade die Songs, die nach dem Motorrad-Crash entstanden, als Tribut für den toten Freund und Bruder gedacht waren.