Art Blakey and the Jazz Messengers, Moanin‘, 1959

Produzent/ Alfred Lion

Label/ Blue Note Records

Es groovt, es hat Gospel-Schmelz und ist mit wenigen Tönen so einprägsam wie manche Hookline von den Beatles oder – beinahe – das Klopfmotiv von Beethovens Fünfter. „Moanin'“ heisst das Stück, eine Komposition von Pianist Bobby Timmons – die Titelnummer dieses Albums mit Blakeys gelb eingefärbtem Gesicht auf dem Cover.

Schlagzeuger Art Blakey war ein Meister kompakter und doch lässig durchlaufender Rhythmen, in denen er Akzente setzte durch Drum-Wirbel, die so wirkten, als hole die Musik tief Luft und richte sich auf. Der Gesamtklang der Band schien stolz und kraftvoll afroamerikanisches Selbstbewusstsein zu unterstreichen. Blakey hatte damals die wohl konturenschärfste Besetzung seiner Jazz Messengers: Trompeter Lee Morgan und Saxophonist Benny Golson, Pianist Bobby Timmons, Bassist Jymie Merritt. Ausser dem dem Titelstück stammen vier Nummern von Golson.

In nur ganz wenigen Aufnahmen des Jazz stimmen Inhalt und Atmosphäre so perfekt überein wie auf diesem Album. Der Sound, der in dem berühmten Rudy van Gelder Studio in Hackensack, New Jersey, aufgenommen wurde, hat eine nachtblaue Tiefe und zugleich eine Klarheit, die das Nonplusultra für diese Stücke sind. Alles wirkt organisch: die Themen, die Tempi – und viele hervorragende Soli der Bandmitglieder, vorallem das epochemachende von Lee Morgan im Titelstück.

Big Joe Turner & His Blues Kings, Shake, Rattle and Roll, 1954

Text/Musik/ Charles E. Calhoun

Produzenten/ Ahmet Ertegun, Jerry Wexler

Label/ Atlantic

Die bemerkenswerte Karriere von Big Joe Turner reichte von den 1930er Jahren bis in die 80er. Mitten im Boogie-Woogie-Fieber kam er als Blues-Shouter von Kansas City nach New York. Während eines katastrophalen Auftritts mit der Band von Count Basie brachten ihn boshafte Zwischenrufe aus dem Konzept. Der Boss von Atlantic Records, Ahmet Ertegun, wollte ihn trotzdem unter Vertrag nehmen und machte R&B-Aufnahmen mit ihm.

Zwischen 1951 und 1956 hatte Turner 14 Hits in den R&B-Ten. „Shake, Rattle and Roll“ führte nicht nur die R&B-Liste an, sondern erreichte auch Platz zwei der Pop-Charts. Jazz-Veteran Jesse Stone aus Kansas City schrieb den Song unter dem Pseudonym Charles E. Calhoun. Der treibende Rhythmus von „Shake, Rattle and Roll“ ermöglichte es Turner, die Rolle des Liebhabers voll auszukosten. Bill Haley und Elvis Presley coverten den Song, wenn auch textlich abgeschwächt, ohne sexuelle Anspielungen („Way you wear those dressses, the sun comes shinin‘ through/ I can’t believe my eyes, all that mess belongs to you“).

Turner war 43, als er mit „Shake, Rattle and Roll“ den grössten Hit seiner Karriere landete und überraschend vom Phänomen Rock‘ n‘ Roll profitierte. Nach 1958 blieben die Hits aus, aber Turner war bis zu seinem Tod im Alter von 74 Jahren hinter dem Mikrophon.

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Eurythmics, When Tomorrow Comes, 1986

Text/Musik/ Annie Lennox, Dave Stewart

Produzent/ Dave Stewart

Label/ RCA Records

1986 war für die Eurythmics das Jahr, in dem sie sich vom reinen Pop abwandten und rockigere Töne anschlugen. Das äusserte sich auf dem Album „Revenge“ und dessen Singles. Dabei war „When Tomorrow Comes“ die erste Single des Albums, und sie war weit weniger erfolgreich als das, was die Beiden vorher so machten. Annie Lennox erzählt hier die Geschichte der Big Mama, die ihren Guten beschützt. Eigentlich ist der Inhalt eine banale Nachtmusik, wäre da nicht der pop-rockige Hintergrund mit Saxophon, Gitarren, Schlagzeug und mehrstimmigem Satzgesang. Eine Kontroverse, die so ziemlich alle Bands, die aus dem New Wave kommen, mit sich herumgetragen haben.

Das Album „Revenge“, auf dem sich „When Tomorrow Comes“ befindet, wurde damals eher als Enttäuschung wahrgenommen,  denn es gab tatsächlich keine Spur mehr vom Wave-Pop, so wie noch auf den Vorgängeralben „Sexcrime“ oder „Love Is A Stranger“, ganz zu schweigen von „Sweet Dreams“. Anderseits war Wave-Pop 1986 schon vorbei und das wussten Dave und Annie und konzentrierten sich vorallem auf poporientierte Powersongs. Ich finde „When Tomorrow Comes“ auch heute noch richtig gut, weil es eben doch anders ist als frühere Sachen. Aber das muss ja nichts heissen, oder?

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Little Richard, Here’ Little Richard, 1957

Produzent/ Bumps Blackwell

Label/ Speciality

Im Sommer 1955 brach plötzlich überall der Rock’n’Roll aus. Innerhalb weniger Wochen kamen Fats Domino, Ray Charles, Chuck Berry und Bo Diddley mit ihren Songs in die Charts. Auch Art Rupe von Speciality Records wollte unbedingt auf dieser Welle surfen. Er befahl seinem besten Talentscout, Bumps Blackwell, einen zweiten Ray Charles zu finden. Bumps fuhr nach Süden und entdeckte im legendären Dew Drop Inn in New Orleans einen extravaganten (und offensichtlich schwulen) Jump Blues Sänger und Pianisten namens Little Richard Penniman. Im September war es soweit: Bumps nahm Little Richard mit in Cosimo Matassas Studio und dort schrieben sie auf einem einspurigen Tonband Musikgeschichte.

Es war reiner Wahnsinn: Richard, Bumps, Cosimo und einige der besten Studiomusiker von New Orleans machten Aufnahmen mit geballter, schamloser, irrer Energie. „Tutti Frutti“ begann den Aufstieg in die Charts im Oktober, während „Long Tall Sally“, „Slippin’ And Slidin’“, „Ready Teddy“ und „Jenny Jenny“ 1956 folgten. Alle diese Hits befanden sich auf „Here’s Little Richard“, gekrönt mit einem unvergesslichen Foto von Richard in Aktion.

Es wurde die erfolgreichste LP des Künstlers. Als Original wird sie sich kaum noch auftreiben lassen, doch die Tracks befinden sich auf vielen Sampler. „Here’s Little Richard“ gehört zu den Stammzellen des Rock’n’Roll – aus diesem Album, und einem halben Dutzend anderer, ist das ganze Genre entstanden.

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The Rolling Stones, Paint It Black, 1966

Text/Musik/ Mick Jagger, Keith Richards

Produzent/ Andrew Loog Oldham

Label/ Decca

Die zehnte Single der Stones – Nr.1 auf beiden Seiten des Atlantiks – warf einen bemerkenswerten Schatten auf den sonnigen Optimismus der Popmusik des Jahres 1966. „Paint It Black“ ist Blues, aber nihilistischer als alles, was die Band zuvor hervorgebracht hatte. Mick Jaggers Text  „I have to turn my head until my darkness goes“ bezieht sich auf James Joyces Roman „Ulysses“ und nimmt den Tod eines lieben Menschen als Katalysator für eine verzweifelte, hoffnungslose Weltsicht. „Es ist wie das Anfangsstadium miserabler Psychedelica“, sage Jagger später. „Da haben die Rolling Stones etwas in Gang gesetzt.“

Die stärkste musikalische Ausstrahlung hat hier die Sitar von Brian Jones. Sie hat etwas Verwirrendes, leicht Bedrohliches an sich, und durch sie ist der Song ein viel erfolgreicherer Ausflug ins Psychedelische als die Platte „Their Satanic Majesties Request“ aus dem Jahr 1967. Die Aufnahmesession hätte nirgendwohin geführt, hätte Jones nicht sich nicht exotische Instrument geschnappt und angefangen, ihm Töne zu entlocken. „Wir haben’s mit funky Rhythmen probiert, und es hat funktioniert“, so Richards später; „er hat angefangen Sitar zu spielen und alle sind eingestiegen.“ Jones zauberte gekonnt einen hypnotischen Drone, und am Ende doppelte Bill Wyman seinen Bass mit den Basspedalen der Orgel.

Scheppernder Garagenpunk – Charlie Watts Drums pochen unerbittlich wie Migräne – gepaart mit abgrundtiefer Trauer. „Paint It Black“ ein mitreissendes Requiem des Pop.

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Jethro Tull, Locomotive Breath, 1971

Text/Musik/ Ian Anderson

Produzent/ Ian Anderson

Label/ Island

„Locomotive Breath“ ist für mich einer der brillantesten Titel Jethro Tulls aus dem Album „Aqualung“. Ian Anderson, Kopf, Sänger und Flötist von Jethro Tull erklärte, „Locomotive Breath“ sei ein nicht unbedingt todernstes Lied darüber, wie ein Mensch unaufhaltsam und führerlos durchs Leben und schliesslich in den Tod rast.

„He feels the piston scraping, steam breaking on his brow, Old Charlie stole the handle, and the train it won’t stop going – no way to slow down.“ Der unglückliche Mann in seinem führerlos dahinstampfenden Lebenszug muss zusehen, wie seine Kinder an verschiedenen Bahnhöfen eines nach dem anderen vom Zug herunterspringen, und er weiss, dass irgendwo seine Frau sich mit seinem besten Freund im Bett vergnügt. Was seine Stimmung sicherlich auch nicht gerade hebt. Er kriecht auf Knien und Händen durch dier Gänge des Zuges, hört das Heulen der Stille und fängt fallende Engel auf, und der ewige Gewinner (damit ist wahrscheinlich Gott gemeint) hat ihn fest am Sack.

Der Mann greift zu Gideons Bibel, die auf Seite 1 aufgeschlagen ist (dort steht in der Schöpfungsgeschichte der Gegenentwurf zu Charles Darwins Evolutionstheorie)  und sagt sich „Gottlob hat er (Old Charlie) den Griff geklaut“. „The train it won’t stop going, no way to slow down.“