Julie Driscoll, Brian Auger & The Trinity, Season Of The Witch, 1967

Text/Musik/ Donovan, Shawn Phillips

Produzent/ Giorgio Gomelsky

Label/ Polydor

Julie Driscoll ist eine der aussergewöhnlichsten und ausdrucksstärksten Sängerinnen der Rockgeschichte. Eine unglaublich kämpferische und leider heute schon fast vergessene Sängerin. Mit Brian Auger & The Trinity hat sie einige Klassiker der Rockmusik Ende der 60er Jahre veröffentlicht. Ihre Version von „Season Of The Witch“ ist aus meiner Sicht immer noch die beste Interpretation dieses Songs. Julie Driscolls Stimme ist voller Intensität, Melancholie und Schönheit: „When I look at my window/ Many sides to see/ And when I look in my window/ So many different people to see/ That is strange, it sure is strange“ reflektiert sie, und dann „You’ve got to pick up every stitch“ fährt Julie fort, wiederholt, die Intensität ihres Gesangs steigernd “You’ve got to pick up every stitch” und abermals halb anklagend, halb inbrünstig, fordert Julie „You’ve got to pick up every stitch“ und dann zischen Orgel-Schlangen aus einem unsichtbaren Raum, den nun Brian Auger betreten hat und Julie Driscoll tanzt in den Raum, singt den Refrain, dreimal die Zeile „Must be the season of the witch“ wiederholend. Dann begibt sich der Song auf eine zweieinhalb-minütige instrumentale angejazzte Reise, auf der Brian Auger mit seiner Orgel über das Grundthema des Songs improvisiert. „You’ve got to pick up every stitch“ wiederholte Julie Driscoll dreimal in aller Dringlichkeit, um ganz aus sich heraus „Must be the season of the witch“ ebenso dreimal in furioser Manier zu wiederholen, besser: zu variieren, um so den Song in sein Finale zu überführen, immer begleitet vom magisch-swingenden Groove der Rhythmusgruppe und Brian Augers Orgelspiel.

Jimi Hendrix Experience, Wild Thing (Live), 1967

Text/Musik/ Chip Taylor

Produzent/ John Phillips, Lou Adler

Label/ Polydor

Es ist, wieder mal, Geschichte was am Festival im kalifornischen Monterey geschah. Angekündigt von Brian Jones legte Jimi tierisch vor, klingelte mit „Killing Floor“ jeden Freak mit tausend Phones aus den Haschischträumen. Von Track zu Track erklang ein Sound aus immer neuen Räumen. Die Leute lauschten bass erstaunt, sahen die Federboa fliegen, die blutigroten Beine sich wie die orange Brust verbiegen. Jimi spielte meisterlich! Dem Zauber eines Magiers gleich gebot er allen Tönen, die Bühne ward zum Himmelsreich, erfüllt vom Klang des Schönen. Er wandte sich ans Publikum, gestand mit leiser Stimme, er brächte jetzt sein Liebstes um, kein Opfer wäre schlimmer. Er liess die Gitarre heulen, begann in „Wild Thing“ von den Troggs die Verstärker zu zerbeulen, stiess die Fender in die Box, klemmte sie in seine Schenkel, nahm den Vibratorarm als Henkel, legte die Gitarre flach, küsste ihren Körper, bespritzte sie noch mannigfach und setzte sie in Flammen.

AC/DC, Let There Be Rock, 1977

Text/Musik/ Angus Young, Malcolm Young, Bon Scott

Produzent/ Harry Vanda, George Young

Label/ ATCO

Yeah, let there be rock! Solchen wie diesen hier! Immer und überall! Auch mit dem Titelstück von ihrem dritten Album zeigen AC/DC wo der australische Bartli den Most holt. Angus Young spielt sich den Arsch auf, Bon Scott krächzt seine Macho-Sprüchlein wie ein strangulierter Kolkrabe, die übrigen Drei halten sich mit Caracho auf Trab. Und subtil ist das Ganze wie eine Catch-Weltmeisterschaft im Halbschwergewicht.

Ach was, pfeif auf die Hausordnung, dreh die Lautstärke voll auf, spiel das Stück und ich kann mir die ganzen blöden Sprüche sparen…

Pete Townshend, Face The Face, 1985

Text/Musik/ Pete Townshend

Produzent/ Chris Thomas

Label/ ATCO Records

Ich muss zugeben, dass ich das Album „White City: A Novel“ von Pete Townshend wohl von vorherein gar nicht hätte schlecht finden können. Schliesslich gehörten The Who für mich jahrelang zu den Grössten. Überflüssig zu sagen, dass „Face The Face“ natürlich ein gigantischer Song ist. Es scheint als hätte Townshend hier sein Krise überwunden: „ It’s time to live… we got to fight the fight, we must race the race, so we can face the face…“

Dementsprechend ist auch die Musik kräftig/rockig, die Selbstmitleid-Balladen von „All The Best Cowboys Have Chinese Eyes“ sind vergessen. Stattdessen Up-Tempo-Soul (die erste Who-Single hiess übrigens „I’m The Face“). Aus heutiger Sicht beeindruckt vorallem die treibende Energie von „Face The Face“ und dieser ausgefeilte Klang, der einen sehr eigenen Retro-Charme ausstrahlt. Wer The Who kennt, wird verstehen, warum ich „Face The Face“ für den besten Solo-Titel von Pete Townshend halte.

Joni Mitchell, Amelia, 1976

Text/Musik/ Joni Mitchell

Produzent/ Joni Mitchell

Label/ Asylum Records

Amelia Mary Earheart, geboren in Atchison in Kansas, Jahrgang 1898, Lehrerin, Krankenschwester während des 1. Weltkriegs, 1918 als Zwanzigjährige gegen den Willen ihrer Familie zur Pilotin brevetiert, überquert am 20. Mai 1932 als erste Frau alleine den Atlantik. Unternimmt weitere Alleinflüge über die USA und den Pazifik. Arbeitet in den dreissiger Jahren als Linienpilotin zwischen New York und Washington. Im März 1937 setzt sie zur Weltumquerung an. Ein erster Versuch scheitert wegen Flugzeugbrandes in Hawaii. Der zweite beginnt am 20. Mai in Miami und führt über Brasilien, Westafrika, Kalkutta und Rangoon nach Neuguinea. Am 2. Juli 1937 startet die zweimotorige Lookhead mit vollen Tanks zur gefährlichsten Etappe, einem Nonstop-Flug nach der kleinen Insel Howland nördlich von Samoa. Zwanzig Stunden später fangen britische und amerikanische Schiffe SOS-Signale auf, in denen von Treibstoffmangel die Rede ist. Kurz danach verschwindet das Flugzeug über dem Südpazifik. Trotz wochenlanger Grossfahndung mit 64 Flugzeugen und 8 Kriegsschiffen in den Gewässern des Stillen Ozeans bleiben Flugzeug und Besatzung verschwunden. Amelia Earheart ist 39 Jahre alt geworden.

Im November 1976 erscheint „Hejira“, Joni Mitchells neuntes Album, und bis heute eines ihrer besten. Kernstück der Platte, die selbst das Reisen zum Thema hat und mythisch überhöht, ist der Song „Amelia“, der den Flug der Pilotin mit einer Autofahrt der Sängerin durch die Wüste Nevadas gleichschaltet. Über der Wüste sieht Joni Mitchell Düsenflugzeuge am Himmel, sie hinterlassen sechs Kondensstreifen, lang und schmal wie die Saiten einer Gitarre. Sie denkt an Amelia, ihren Traum vom Fliegen und überlegt, was das mit ihr zu tun hat.

Mitchells Gitarrenspiel rankt sich um die gedehnten Bassläufe von Jaco Pastorius. Statt eines Schlagzeugs spielt Victor Feldman sein verhülltes Vibraphon, Larry Carlton dekoriert das Stück mit seinen Gitarrenfiguren. Auch die Stimme klingt entrückt. Von der ersten Strophe an hängt das Stück zwischen Himmel und Erde, in der zweiten wird das Dröhnen der Flugzeuge von den Arpeggien der Gitarre kommentiert. Die Musik hat etwas Flächiges und Mobiles zugleich. Die Sängerin im Himmel über der Wüste, die Fliegerin zwischen Himmel und Meer, vom Horizont verschluckt, spurlos und verschwunden.

Laurie Anderson, O Superman, 1981

Text/ Musik/ Laurie Anderson

Produzent/ Laurie Anderson

Label/ Warner Bros.

Laurie Andersons Stücke haben oft etwas mit Kartographie, Geographie zu tun: Ihr Blick „From The Air“ erinnert an die Amerika-Beschreibung einer Getrude Stein. Sie betrachtet die Linien, Wege, Striche zwischen Städte, Menschen und Telegraphenmasten, zwischen Wörtern und Sätzen, Landkarten, Muster, Texturen, Texte, Grammatik. Ihr berühmter Satz aus „O Superman“ „Cause when the money is gone/ There’s always justice/ and when justice is gone/ there’s always force/ and when force is gone/ there’s always mom/ Hi Mom!“ ist nicht nur die Superauflösung gordisch-amerikanischer Psycho-Knoten, sondern auch das Superbeispiel für Laurie Andersons Gedankentechnik. Der Song war eine Antwort auf die Iran-Contra-Affäre und den politischen Einfluss der USA, nimmt aber textlich auch Bezug auf Kommunikation und Technologie, zum Beispiel in Form von Anrufbeantwortern, sowie mütterliche Liebe oder auch Nicht-Liebe. Stilistisch collagiert Laurie Anderson in dem Song Jules Massenets Arie „O Souverain, o juge, o père“ aus dem Jahr 1885 mit Saxophonklängen, Stimmloops und Vogelgezwitscher.

„O Superman“ dauert achteinhalb Minuten. Und man kann mir glauben, dass dies ein Pop-Song ist. Laurie Anderson hat nämlich ziemlich früh, vielleicht früher als Brian Eno oder die Talking Heads, erkannt, dass die Hitparade das beste Vehikel für einen neuen Blick auf die wimmelnde Welt ist.

Lucio Dalla, Come è Profondo il Mare, 1977

Text/Musik/ Lucio Dalla

Produzent/ Alessandro Colombini

Label/ RCA

Es war kalt, als wir vor zehn Jahren Ende Februar in Bern den Zug bestiegen. Ein paar Stunden später, nach der Fahrt über die Poebene, vorbei nach Mailand, ans Meer bei Genua und weiter südlich, lag der Frühling in der Luft. Sie war mild, das Abendlicht betörend. Am nächsten Morgen wanderten wir der Küste entlang. Ich liebte die Frau, die mich auf dieser Wanderung begleitete, und die Gegend. Wir schauten über die ligurische Küste, sahen das Meer, die Weite, die Farben. In Corniglia übernachteten wir in einem Turmzimmer. Dort gab es ein kleines Radio, in dem wir hörten, dass der italienische Cantautori Lucio Dalla gestorben war. Sie spielten den ganzen Abend die Lieder von ihm. Wir sassen auf der Dachterrasse und tranken Wein in die Nacht. Am nächsten Morgen wanderten wir leicht zerknautscht, aber happy der sonnigen Küste entlang. Alles war weit offen, alles zog so schnell vorbei. Seither ist Lucio Dallas „Come è Profondo il Mare“ für mich ein Sehnsuchts-Song. Und nächste Woche fahre ich wieder, mit der Frau, die ich noch immer liebe, an die ligurische Küste und deshalb hier dieses Lied.

Martha & The Vandellas, Dancing In The Street, 1964

Text/Musik/ Marvin Gaye, William Stevenson, Ivy Jo Hunter

Produzent/ William Stevenson

Label/Gordy

Wann ich zum letzten Mal auf der Strasse getanzt habe? Um ehrlich zu sein, bezweifle ich, es je getan zu haben. Vielleicht etwas mit den Hüften gewackelt, wenn an einem Strassenfest in den 80ern eine Band aufspielte. Und doch ist „Dancing in the Street“ von Martha & The Vandellas für mich ein Song, der mich aus der winterlichen Klause holt und euphorische Gefühle von grenzenloser Freiheit und der verbindenden Kraft der Musik auslöst, auch 57 Jahre nach seiner Veröffentlichung. Vorspiel gibt es keins, und nach dem Drum Roll zum Anfang setzen fanfarenhafte Bläser ein. Der Frühling wird von diesem Fast-Forward-Groove überrollt, und schon ist es sommerlich heiss. Natürlich ziehe ich das rauere Original aus der Motown-Hitfabrik der gestylten Coverversion der Herren Jagger/Bowie in den Eighties vor.

Martha Reeves war die kraftvollste Sängerin aus der Girlgroup-Riege der Motor City, und ihre Vandellas liessen nichts anbrennen. Einige Jahre später, als es in den USA zu den „Race Riots“ kam, wurde „Dancing in the Street“ die Hymne des Aufstands und der Unterdrückten. Doch dieser Song lässt sich nicht vereinnahmen. Auch heute noch gibt er das Signal zum Aufbruch und will nicht mehr sein als „just an invitation across the nation a chance for folks to meet“. Ein schon fast unverschämter Aufruf in diesen isolierten Zeiten. Doch er wird gehört werden. Are you ready for a brand new beat?

The Beatles, Here Comes The Sun, 1969

Text/Musik/ George Harrison

Produzent/ George Martin

Label/ Apple Records

1969 knarzt es schon ordentlich im Beatles-Gebälk. Es gibt immer wieder Streit, und die Musik wird immer häufiger zur Nebensache. George Harrison erinnert sich später: „‚Here Comes The Sun“ entstand zu einer Zeit, als sich das Beatles-Label Apple wie eine Businessschule anfühlte, vor der es kein Entrinnen gab“. Und auch privat läuft nicht immer alles glatt. George Harrison müssen die Mandeln entfernt werden, dann wird er wegen des Besitzes von Marihuana verhaftet. Kurzerhand nimmt er sich eine Auszeit und fährt zu seinem Freund und Musikerkollegen Eric Clapton raus aufs Land. Die beiden setzen sich in den Garten. „Es war ein sonniger Tag und zum ersten Mal seit Wochen hatte ich wieder die Ruhe, eine Gitarre in die Hand zu nehmen. Und das erste, was mir einfiel, war dieses Lied. Ich habe es dann später im Urlaub auf Sardinien fertig komponiert“, erinnert sich George Harrison.

Das trotz Moog-Synthesizer akustisch anmutende Stück wirkt nicht nur wie der erste ersehnte warme Sonnenstrahl nach anhaltender Kälte, sondern vor allem auch wie ein Versprechen für eine bessere Zukunft. Und das vielleicht Schönste am Lied – zu finden auf „Abbey Road“ – ist jedoch, dass es dem 2001 verstorbenen Harrison mit diesem gelungen ist, das Frühlingsgefühl perfekt einzufangen: Und wer wie ich glücklicher Besitzer einer kurbelbetriebenen Mini-Drehorgel ist, die „Here Comes the Sun“ spielt, hat längst erkannt: Ein paar Drehungen genügen, und sogleich bessert sich die Laune – im Wissen, dass der Lenz naht.

Little Richard, The Very Best Of, 2008

Producer/ Chris Clough

Label/ Specialty Records

Keiner konnte schreien wie Little Richard, keiner trat greller auf, keiner war auf der Bühne so wild, so flamboyant, so exaltiert wie er. Er hämmerte auf sein Klavier ein, wiegte sich, rannte, tanzte, versetzte das Publikum in Aufregung und legte mit jedem Stück, jedem Tanzschritt, jedem Hecheln, Jauchzen, Keuchen, Rufen, jeder Anfeuerungsparole und jedem Schrei noch einen drauf. „Ich mag es schnell“, sagte er anzüglich „rauf und runter, rein und raus.“ Ein Orgiastiker ohne Vorspiel. Sein grösster Stolz sei, sagte er einmal, dass er im schwarzen Süden schwarze und weisse Kids zusammengebracht habe.

Als Little Richard 1955 im J&M Aufnahme-Studio von New Orleans „Tutti Frutti“ vorspielte mit dem unvergesslichen Refrain „a-wop-boba-loo-bop-a-wop-bam-bom“, hörte der Produzent hinter dem Mischpult einen Hit heraus. Das Problem bestand darin, dass der Song von schwulem, analem Sex handelte. Auch „Long Tall Sally“, sein nächster Hit handelte von schwarzen Dragqueens, ihren Künstlernamen, der Länge ihres Glieds und ihren bevorzugten Sexpraktiken. Der Sänger musste also seine Texte kastrieren oder codieren, damit keines der seligen weissen Kids im Publikum wusste, was „duck back in the alley“ wirklich meinte.

Little Richard war Camp, bevor das Wort erfunden war: Er trug die Haare hochtoupiert, hatte die Augen stark geschminkt, zog sich grell an, in allen Farben, war behängt mit Schmuck.  „If Elvis was the king of Rock’n’Roll“, sagte er einmal, „then I was the queen.“ God save the Queen.