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The Jesus & Mary Chain, Darklands, 1987

Produzent/ William Reid, Bill Price, John Loder

Label/ Blanco y Negro

Es gibt eine Form des Pop-Songs, wie zum Beispiel „Marmor, Stein und Eisen bricht“ oder „Final Solution“ oder „Heroes“, die nur von dem Gegensatz zwischen einem Abwarten, Zurückhalten im A-Teil und dem Zuschlagen im Refrain lebt. Diese Form perfektionieren The Jesus & Mary Chain auf ihrer zweiten LP. Zu dieser Form, die für die erste grosse Sophistication der Pop-Musik in den mittleren Sechzigern steht, bevor Underground, Wut und Politik und Drogen zur Musik stiessen, verhalten sich The Jesus & Mary Chain etwa so wie sich die Ramones zur Beat/ Trashpop-Form der frühen 60er verhalten.

Wichtig ist, dass bei The Jesus & Mary Chain der Moment des Zuschlagens immer das Einsetzen eines ganz bestimmten, gebremst expressiven Gitarrengewitters ist. Gewitter ist hier ausnahmsweise mal nicht als Metapher gemeint. Das Thema von „Darklands“ ist der Regen („April Skies“, „Happy When It Rains“, „Nine Million Rainy Days“), das sich Senken, das Herabfallen („Fall“, „Down On Me“), die Verdunkelung, das gebremste, gleichmässige Herniedergehen von Gitarrenschrumschrumm, das vorher im A-Teil zurückgehalten wurde, und als Zurückbehaltenes wohl immer präsent war, also eine Entsprechung in den Stimmungen, von denen die Texte sprechen: Text und Musik haben also etwas miteinander zu tun. Jesus & Mary Chain beweisen, dass es das Höchste sein kann, genau zwei Dinge sinnvoll miteinander zu verknüpfen (Text und Musik, oder Melodie und Lärm, A-Teil und B-Teil). Und genau das gelingt ihnen, in ihren auf das Nötigste zusammengeschnurrten Songs, restlos.

Fats Domino, The Fats Domino Jukebox, 2002

Produzent/ Dave Bartholomew

Label/ Crescent City Soul

Der kleine, dicke Mann mit der Brikettfrisur und der sternförmigen, überdimensionalen Brillantenuhr, der am Ende seines Auftritts den Flügel mit seinem Schmerbauch über die Bühne geschoben hat, habe ich Mitte der siebziger Jahre einmal in Montreux live erlebt. Ob er nach dem Konzert im Casino verschwunden ist? Es heisst, er soll in den sechziger Jahren rund eine Million Dollar beim Glücksspiel verloren haben. Auf alle Fälle finde ich es nett, immer mal wieder was von Antoine „Fats“ Domino zu hören. Auch wenn es immer wieder dieselben alten Kamellen sind. Weiss der Geier, wie oft er diese Stücke auf wieviel verschiedenen Platten bei wieviel verschiedenen Plattenfirmen aufgenommen hat. Wenn er sich, wie hier, mit seiner ungeheuer trockenen Stimme durch Nummern wie „Blueberry Hill“, „Ain’t That A Shame“, ,“All By Myself“, „I’m Walkin“ usw. röhrt, dann denk‘ ich an jene Zeit, als meine Schuhe noch spitz, meine Haare noch lang und meine Jeans noch röhrenförmig waren. Als ich mit zuckenden Knien am Rand der Raupenbahn stand und schon mutig nach Mädchen Ausschau hielt. Hat da einer Nostalgie gesagt? Ach, ihr kennt das auch alle, und über Fats Domino braucht man sowieso nichts mehr zu erzählen? Nun gut, dann möchte ich hier nur noch kurz sagen, dass „The Fats Domino Jukebox“ ein Album mit zwanzig schönen Nummern des kleinen Dicken ist.

Frank Zappa And The Mothers Of Invention, Cruising With Ruben & The Jets, 1968

Produzent/ Frank Zappa

Label/ Verve Music Group

Lieder wie „Love Of My Life“. Lieder von der grossen Liebe, den Sternen im Himmel, die niemals lügen, pflegte Ruben Sano zu singen. 19 Jahre war er damals alt, und eines Tages verliess er die Band und sang nicht mehr. Bis er sich dann 10 Jahre später wieder daran erinnerte, die alten Rock-Titel ausgrub, dabei ein Foto wiederentdeckte und dieses Foto auf die Rückseite der Platte „Ruben & The Jets“ packte. Das Foto zeigt ihn als jungen Frank Zappa. Denn Zappa hat dieses merkwürdige Album mit seinen Mothers of Invention gemacht. Ruben Sano ist sozusagen das Alibi für die Erinnerung an die Rock-Schnulzen, von denen mancher Kritiker meinte, Zappa habe sie gemacht, um neues Geld zu scheffeln. Davon kann keine Rede sein; denn das Album verkaufte sich schlecht.

Das hat seinen Grund; denn die Mothers of Invention singen nicht nur von der grossen Liebe und dass sie jemanden zum Lieben brauchen, singen nicht nur banale Rock-Texte, sondern verfremden sie durch sehr einfache Ironisierung. Von den früheren komplizierten und aggressiven Collagen sind nur jene Einschübe geblieben, die das gerade Gehörte lächerlich machen. Die Stimme wird plötzlich zum Engelsstimmchen verzittert oder zum Opernvibrato gedehnt. In den monotonen Rhythmus spricht plötzlich eine Stimme, ein Laut hinein. „Crusing With Ruben & The Jets“ ist sehr wohl eine Hommage an die Musik von Zappas Jugend, doch nicht als nostalgische Rückkehr zur damaligen „Wirklichkeit“. In den Songs zeigt Zappa eine kritische Auseinandersetzung mit dem Doo-Wop-Genre, die sich sich mitunter auch als politische Agitprop versteht.

Leon Russell, 1970

Produzent/ Denny Cordell, Leon Russell

Label/ Shelter Records

Einen Künstler habe ich letztes Jahr für mich wiederentdeckt, der mich immer noch erstaunt und überrascht. Die Rede ist von Leon Russell, ein Multitalent, das nicht nur mit unfassbar vielen Grössen der Musikgeschichte zusammengearbeitet hat, darunter Frank Sinatra, den Stones, Elton John, Bob Dylan, George Harrison, Willie Nelson oder Joe Cocker, um bloss mal ein paar Namen nennen. Russell, der 2016 mit 74 Jahren starb, war Songwriter, Arrangeur, Produzent, Sänger, Pianist und eigentlich in sämtlichen Stilrichtungen der modernen amerikanischen Musikgeschichte zuhause. Country, Bluegrass, Rock’n’Roll, Soul, Folk, R’n’B bis Surf, es gibt eigentlich nichts, was er nicht beherrschte.

Wer in die verrückte Welt von Leon Russell eintauchen will, sollte Ausschau halten nach der Film-Documentary „A Poem is a Naked Person“ von Les Banks, die Aufnahmen aus den Jahren 1972 bis 1974 zeigt. Ebenfalls empfehlen kann ich die erste Solo-Produktion von Mr. Russell, die damals auf seinem eigenen Label Shelter-Records erschien. Was man hier zu hören bekommt, ist eine vollständige, perfekte und völlig unzeitgemässe Verschmelzung der obengenannten Stilrichtungen. Alle Tracks sind straight konzentriert, und dennoch sprüht eine ungeheure Spielfreude aus ihnen. Das gilt nicht nur für die Ur-Version von „Delta Lady“ (Joe Cocker). Zwei Songs sind noch besonders zu erwähnen: Der Opener „A Song For You“ und „Hummingbird“. Zudem ist auf der CD-Ausgabe auch eine Version von Dylans „Master Of War“ enthalten, das Russell damals unter erheblicher Verfremdung coverte.

Harry Dean Stanton, October 1993, 2021

Produzent/ Jamie James

Label/ Omnivore Records

Seine berühmteste Rolle war zugleich seine einzige echte Hauptrolle. In dem Film „Paris, Texas“ (1984) von Wim Wenders stolpert er sprachlos durch die Wüste. Ein Mann ohne Gedächtnis, der sich langsam seine Vergangenheit zurückerobert, nur um am Ende auf eine glückliche Zukunft zu verzichten.

Neben der Schauspielerei war der vor drei Jahren verstorbene Harry Dean Stanton auch als talentierter Sänger und Gitarrist aktiv. Er liebte Country, Pop, Jazz, Tex-Mariachi-Musik und Tex-Mex. Anders als auf „Partly Fiction“ (2014) hören wir ihn hier mit einer Band, deren Mitglieder früher mit The Kingbees, Stray Cats, Doobie Brothers oder Iggy Pop spielten. Mit Gusto servieren diese Cracks schmissige Versionen von Chuck Berrys „Promised Land“ oder Dylans „I’ll Be Your Baby Tonight“. Stanton singt, spielt akustische Gitarre und Mundharmonika. Eine feine Gesangsleistung liefert er in „Across the Borderline“ ab. Der Song (von Ry Cooder/Jim Dickinson/John Hiatt) passt zu Stantons Filmkarriere. „October 1993“ enthält eine Kombination aus Studio- und Livetracks. Letztere stammen aus Los Angeles berühmtem Troubadour-Club. Gerade hier manifestiert sich eine Vorliebe für zündenden Rock’n’Roll. Man höre sich bloss „Miss Froggie“ an, ein von heulender Bluesharp und schneidenden Gitarrenriffs dominierter Party-Kracher. Erst mit dem mexikanischen Folksong „Cancion Mixteca“ kehrt etwas Ruhe ein. Dank dem Omnivore-Label bekommen wir eine weitere Gelegenheit, an Harry Dean Stantons Leidenschaft für Musik und Gesang teilzuhaben.

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Tedeschi Trucks Band, Live From The Fox Oakland, 2017

Produzent/ Derek Trucks

Label/ Fantasy Records

„Ausserordentliche Lage“, Homeoffice, Herunterfahren des öffentlichen Lebens. Wir haben uns daran gewöhnt. Und womöglich sogar gelernt, etwas rücksichtsvoller zu handeln. Das wäre eigentlich eine bemerkenswerte Entwicklung. Doch nach dem Initial-Schock, einem verhältnismässig sorglosen Sommer und der zweiten Welle ist von dieser sorgfältigen Gestimmtheit nur noch wenig zu spüren. Wer ein Musik-Fan ist, der wird vorallem das Klangerlebnis Live vermissen. Aber es wird vermutlich noch einige Zeit des physischen Distanzierens verstreichen, bis Grossveranstaltungen wie Konzerte wieder stattfinden können. Wer hingegen online nach Ersatzmaterial für Live-Auftritte sucht, der wird hier fündig:

Nur wenige Acts bringen Blues, Rock, Soul, Funk, Psychedelia oder Jazz unter einen Hut und drücken allen ihren Stempel auf. Die Tedeschi Trucks Band schafft das locker. Wie die zwölfköpfige Band ihre Dynamik und Improvisationsfreude auf der Bühne auslebt, das ist schlicht packend. Die Aufnahmen stammen alle vom selben Konzert (9.9.2016) im kalifornischen Oakland. Das garantiert einen natürlichen Ablauf, eine Stimmung, als sei man selber dabei. Sechs Stücke des Sets sind aus ihrem letzten Studio-Album „Let Me Get By“. Beeindruckend, wie die beiden Schlagzeuger, die Bläser und Begleitstimmen im Mix zur Geltung kommen. Im Zentrum des Geschehens hören wir Derek Trucks‘ leidenschaftliche Slideläufe sowie Susan Tedeschis starker Gesang – mal markig, mal dezent, gestaltet sie auch eine von Sehnsucht erfüllte Ballade wie „Anyhow“ souverän. Immer wieder lässt Trucks‘ Gitarre die Temperatur in die Höhe schnellen, unwiderstehlich im elfminütigen Cover von „Keep On Growing“ (Derek And The Dominos). Packend auch „I Want More“ mit der Überleitung in Santanas „Soul Sacrifice“. Etwas sperrig klingt „Ali“ aus Miles Davis‘ „Bitches Brew“-Phase: eine Kombination aus Funk, Hendrix Gitarre und experimentellem Jazz.

Flamin‘ Groovies, Groovies‘ Greatest Grooves, 1989

Produzent/ Cyril Jordan, Dave Edmunds, Richard Robinson

Label/ Sire Records

Von gierigen Managern gelinkt, von laschen Plattenfirmen vernachlässigt und als „ewige Undergroundgruppe“ belächelt, führten die Flamin‘ Groovies einen aussichtslosen Kampf gegen konventionelle Rocktrends. Obwohl die meisten aktiven Bands aus San Francisco Ende der 60er Jahre mit Psychedelic, Westcoast-Sound oder Countryrock experimentierten, hielten sich die Flamin‘ Groovies an einen frischen, temperamentvollen Rhythm & Blues, den sie britischen Bands abgehört hatten. Sie huldigten Vorbildern wie den Beatles oder den Byrds, ohne sie zu kopieren. Ihre Repertoire bestand zu gleichen Teilen aus Cover-Versionen und Eigen-Kompositionen.

Da die Groovies bei sämtlichen Plattenfirmen abgeblitzt waren, beschlossen sie 1968, die Mini-LP „Sneakers“ in Eigenregie aufzunehmen. Die 2’000 Exemplare waren schnell vergriffen und öffneten der Band endlich die Türen arrivierter Labels. 1969 erschien bei Epic-Records das mit viel Geld überproduzierte LP-Debüt „Supersnazz“. 1970 begannen die Groovies in dem von Bill Graham aufgegebenen „Fillmore West“ Tanz- und Rockveranstaltungen zu organisieren und traten auch selbst als Hausband auf. Doch als ihr Geschäftsführer mit der Kasse durchbrannte, fand das Fillmore-Abenteuer ein abruptes Ende.

Ende 1970 trafen die Groovies in New York ein. Richard Robinson besorgte ihnen einen neuen Plattenvertrag und einen Vorschuss von 15’000 Dollar. Bei dem folgenden Album „Flamingo“ nahmen sie das mit dem „Get Back“ der Beatles wörtlich. Die Platte war eine Rückkehr zu Sun Records und frühem New Orleans-R & B, Eddie Cochran und Jerry Lee Lewis. Den Kult-Status erreichten die Flamin‘ Groovies dann mit dem Album „Teenage Head“ (1971). Wer sich einen guten Einstieg in die Welt der Gruppe verschaffen möchte, für den dürfen „Groovies‘ Greatest Grooves“ nicht fehlen.

Townes Van Zandt, In The Beginning, 2003

Produzent/ Jack Clement

Label/ Fat Possum Records

Townes Van Zandt kam nie auch nur in die Nähe des Startums, oder, um etwas genauer zu sein, die Verkaufszahlen seiner Platten waren (zumindest) zu seinen Lebzeiten himmelschreiend mies. Aber das steht nun gar nicht im Widerspruch zu der Tatsache, dass nicht wenige den texanischen Musiker für die eigentliche Herzkammer des Liedermachens halten. Und so hatten andere mit seinen Stücken, wie z.B. Emmylou Harris und Don Williams mit If I Needed You“ oder Willie Nelson und Merle Haggard mit „Pancho & Lefty“, grossen Erfolg. Ohne Zweifel war Van Zandt aber auch ein trauriger Mensch, der sich selbst im Weg stand, einer, der leidend und suchtgeplagt war. Depressionen, Alkohol und Drogen besiegten ihn, so dass er 1997 im Alter von 52 Jahren starb. Wer sich für die oft tragische Geschichte von Townes Van Zandt interessiert, sei der Dokumentarfilm Be Here To Love Me“von Margaret Brown empfohlen, in dem sein Leben informativ und kurzweilig dargestellt wird.

Die Songs von „In The Beginning“ stammen aus dem Jahr 1966, fast zwei Jahre vor der Veröffentlichung des ersten regulären Albums. Es sind simple, im Ohr hängen bleibende Melodien, meist sparsam arrangiert und die oft traurigen Texte sind punktgenau und poetisch; es sind Notsignale aus einem miesen amerikanischen Alltag, die den Staub der Strasse, die Gerüche von Hinterhöfen und den Dunst billiger Kneipen aufgesogen haben. Bei acht der zehn Songs ist Van Zandt solo mit seiner Gitarre zu hören. Der Blues eines Lightinin Hopkins ist genauso präsent wie Folk und Country. Zwei Songs „Hunger Blues“ und „Black Widow’s Blues“ sind mit Band-Back-up. Auch wenn Townes Van Zandt nie ein glücklicher Mensch war, scheint auf wunderbare Weise aber in seiner Musik etwas zu sein, was ihm selbst fehlte: ein Unterschlupf.

J. J. Cale, Troubadour, 1976

Produzent/ Audie Ashworth

Label/ Shelter Records

J. J. Cale’s Musik ist immer in erster Linie Sound gewesen. Wesentliche Charakteristika: ein unverkennbar dichtes Gewebe aus enorm relaxten, jedoch äusserst dichtem Rhythmus und undeutlich geflüstertem und textzerkauendem Gesang. Was Cale in seinen Texten erzählt ist zweitrangig – interessant bleibt das Wie: ultracool gebrachte Songs mit eindringlichen, auf zwei oder drei Akkordfolgen basierenden Melodien und dazu diesen typischen insistierenden Drive.

Auch auf seinem vierten Album „Troubadour“ bewegt sich Cale keinen Fussbreit aus seinem Metier heraus. Es geht los mit „Hey Baby“: sanft wiegend, im Background ein verhaltener, rhythmusbetonter Bläsersatz. In „Travelin’ Light“ wird das Tempo angezogen, in dem ein Vibraphon neben Rhythmus- und Leadgitarre die Akzente setzt, und verlangsamt sich wieder in einem pulsierenden Wiege-Beat auf „You Got Something“. Lässig wird das Intro zu „Ride Me High“ so lange aus Bass, Schlagzeug und Rhythmusgitarre aufgebaut, bis es auch den letzten Zauderer in den Füssen zuckt. „Hold On“ ist eine jazzige Night-Blues-Nummer, und dann startet ein kreischendes E-Gitarren-Riff den bekanntesten Disco-Rocker, den man von J. J. Cale gehört hat: „Cocaine“. Mit fast ebensoviel Power geht es mit „I’m A Gypsy Man“ weiter. Auch die restlichen Songs der Platte haben viel Rock, Swing und Blues. Niemand spielte so wie J. J. Cale, und ich finde seine Musik keine Sekunde langweilig.

Bruce Springsteen, Born To Run, 1975

Produzent/ Bruce Springsteen, Mike Appel, Jon Landau

Label/ Columbia Records

„Born To Run“ ist so etwas, wie „Astral Weeks“ für Van Morrison war; ein endgültiger und logischer Schritt aus einer musikalischen Vergangenheit in eine Zukunft ohne einengende Kategorien, wo die Musik aufhört, Vergleiche herauszufordern, wo er einfach jemand ist, der seine eigenen Lieder singt und die Musik einfach die Musik von diesem Typen… eh, wie heisst er noch… ach ja, Bruce Springsteen, ist.

Gleich das erste Stück „Thunderroad“ ist ein Stück bewältigte Vergangenheit: Wehmütig verlieren sich einige dylaneske Mundharmonikatakte, um Platz für Springsteens Stimme zu machen, die sich brüchig und unsicher in das Lied zu tasten scheint. Aber diese Unsicherheit dauert nicht lange. Es ist vorallem Springsteens Band, die seine Gitarre antreibt. Hervorragender Solist ist der Saxophonist Clarence Clemons, der es auf „Jungleland“ auch mit einem kompletten Streichersatz aufnimmt, der vielleicht nicht sein musste, und die Nummer davor bewahrt, der einzige Ausrutscher der Platte zu werden.

Bombastisch! Ja, das stimmt. Aber auch wenn einige Passagen dieser Platte objektiv überladen sind, wirken sie auf mich nicht so, weil diese Überfrachtung nicht mangelnde Ideen oder musikalische Schwächen mit technischen Mitteln zu übertönen versucht. Springsteen ist auf „Born To Run“ manchmal etwas übers Ziel hinausgeschossen, seine Energie ist vielleicht noch etwas zu unkontrolliert. Aber diese Energie, diese durchgehende Vibration ist es, was die Platte noch heute so lebendig und überzeugend macht.