Joy Division, Unknown Pleasures, 1979

Produzent/ Martin Hannett

Label/ Factory

Für mich bleibt „Unknown Pleasures“ stark mit der Zeit seines Erscheinens verknüpft, 1979: Punk hallte noch nach, Postpunk riss die Popmusik in alle Richtungen auf, und da tauchte diese Band aus Manchester auf, die Punksongs spielte, simpel und direkt, denen jedoch Wut, Lärm, Aufbegehren und Provokation abgingen. Joy Division das war gedrosselter, ja sedierter Punkrock; statt krachender Riffs tröpfelten dünne, einsam wirkende Klänge durch riesige verhallte Räume, die sich anfühlten wie verlassene Fabrikhallen im Winter. Und dann diese Stimme, deren Klang allein schon so viel von dem ausdrückte, was viele empfanden. Und alle diese Textfetzen, die sich festkrallten: „Guess the dream always end, they don’t rise up, just descend, but I don’t care anymore“ zum Beispiel, oder „Confusion on her eyes, that says it all – she’s lost control“. Keine Wut mehr, kein Aufbegehren, sondern Schwermut, Resignation, Perspektivlosigkeit und die existenziellen Ängste unsicherer Heranwachsenden.

Leider konnte Ian Curtis sich selbst nicht aus seinem inneren Gefängnis befreien, oder der traurige Suizid war sein Versuch der Befreiung. Nur wer sich vor Depressionen fürchtet oder sich noch nie mit den negativen Aspekten des Lebens auseinandersetzen musste, gar davor flüchtet, auf den wird diese Musik immer beängstigend wirken. Für mich ist es ein Album für die Zeit, das die Zeit überdauerte – eines der einflussreichsten Debüts überhaupt.

John Prine, The Tree Of Forgiveness, 2018

Produzent/ Dave Cobb

Label/ Oh Boy

John Prine war ein Storyteller mit literarischer Distanz, Ironie und unpathetischem Mitgefühl. Seine Lieder „Sam Stone“, „Angel From Montgomery“, „Paradise“ und „Hello In There“ sind alles Americana-Klassiker und Hits von Johnny Cash bis Bonnie Raitt. Aussergewöhnlich ist Prines Stoffwahl für seine Stücke. In „Paradise“ (1971) zum Beispiel, geht es um die Auswirkungen der Kohlenindustrie auf die Natur – jahrelang bevor Umweltschutz zum Thema wurde. Auffallend auch seine Emphatie. In „Angel From Montgomery“ singt er aus der Sicht der Frau, in „Hello In There“ über alte Menschen, die man laut grüssen soll, damit sie nicht vereinsamen. In dem Song „Lake Marie“ geht es um Mord, Liebe, einen Fischerausflug und italienischen Grillwürsten: „Man, they were sssizzeling!“

Tatsächlich geht es von Anfang an auch lustig zu bei Prine. Da ist dieser Mann, der von seiner Frau erwischt wird, wie er an ihrer Unterwäsche schnüffelt. Die Frau, die ihre Beine enthaart und laut dabei flucht. Das Personal in In Spite Of Ourselves“ (1998) könnte aus einem Jarmusch-Film sein. In „Jesus – The Missing Years“ erforscht er die in der Bibel nicht dokumentierte Zeit Christi. Dessen Leben verläuft so durchschnittlich, dass er im Refrain gar nicht mehr auftaucht.

John Prine kämpfte seit Ende der 90er Jahre mit Krebs. Eine Operation machte seine Stimme tiefer und rauher – und sein Songwriting erreichte neue Höhen. Sein letztes Album „The Tree Of Forgiveness“ offenbart nochmals seine Stärken: der einfühlsame Blick auf die Schwachen, der trockene Humor angesichts des Todes. Seit seiner Krebsdiagnose Nichtraucher, stellt sich Prine vor, wie es dereinst sein würde „When I Get To Heaven“: Er schüttelt Gott die Hand, bestellt einen Cocktail – „and I’m gonna smoke a cigarette that’s nine miles long“.

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Mark Knopfler, Sailing To Philadelphia, 2000

Produzent/ Mark Knopfler

Label/ Mercury Records

Bin gestern Abend nach langer Bahnfahrt endlich nach Hause gekommen, habe gut gegessen, mich ausgeruht und bin dann musikalisch nach Philadelphia gesegelt. Spätestens nach dem Hören dieses grandiosen Albums bin ich endgültig zu Hause angekommen.

Man könnte „Sailing To Philadelphia“ auch die Wiedergeburt aller Dire-Straits-Tugenden aus dem Geist eines Solisten nennen. Leichtfüssig demonstriert hier Mark Knopfler eine derartige stilistische Bandbreite, dass niemand mehr die Dire Straits vermisst. Sanft schwebende Jazzgitarrenlicks erinnern entfernt an Pat Metheny. James Taylor grundiert mit Knopfler den hymnischen Titelsong. Titel wie „Wanderlust“ oder „The Last Laugh“ mit Van Morrison sind atmosphärische Verdichtungen voll subtiler Klangverwandlungen. Das ganze Album hat eine seltene Abgeklärtheit und Souveränität. Das signalisiert überdeutlich auch schon das Eröffnungsstück „What It Is“ – ein raffinierter Ohrwurm, der die melodische Magie von „Sultans Of Swing“ besitzt. Allerdings ist für mich der absolute Höhepunkt „Silvertown Blues“. Allein für die perlenden Licks auf seiner „Fender“-Stratocaster, die Knopfler hier lässig aus dem Handgelenk schüttelt, muss man das Album lieben.

Jethro Tull, Aqualung, 1971

Produzenten/ Ian Anderson, Terry Ellis

Label/ Chrysalis Records

Nach ihrem relativ bluesigen Debütalbum „This Was“ änderten sich die Dinge bei Jethro Tull schnell. Co-Chef Mick Abrahams verlor den internen Machtkampf gegen Alpha-Anderson und suchte das Weite. Martin Barre hiess der Nachfolger und fortan sollten die von ihm an der Gitarre markant gesetzten Riffs zu einem charakteristischen Merkmal vieler Jethro-Tull-Songs werden – gut zu hören auf dem vierten Album „Aqualung“.

Das im März 1971 erschienene Meisterwerk dreht sich um Gott und die Welt, erzählt die Geschichten einiger seltsamer Gestalten und versammelt neben kleinen Akustikperlen die wichtigsten Stücke Ian Andersons. Und die sind nahezu alle von der Gitarre Martin Barres mitgeprägt. Das Titelstück eröffnet die A-Seite und kommt genau wie sein Pendant „My God“ auf der B-Seite etwas vertrackt daher, akustische Passagen und Hardrock-Elemente halten sich die Waage. Gleiches gilt für das finale „Wind Up“. Straighter fallen das schwer pumpende „Hymn 43“ und die Tull-Erkennungsmelodie „Locomotive Breath“ sowie das gerne mal im Schatten der anderen Knaller übersehene „Cross-Eyed Mary“ aus.

Und die Flöte? Ian Anderson spielt sie heute immer noch, allerdings ohne Jethro Tull und seinen Gitarristen Martin Barre. Der tingelt seit ein paar Jahren durch kleine Clubs auf der ganzen Welt und gibt ziemlich harte Shows.

Pink Floyd, More, 1969

Produzent/ Pink Floyd

Label/ EMI Columbia

Unter zeitgenössischen Geschmackswächtern hat sich die Ansicht durchgesetzt, Pink Floyd für ihre späteren Platten als Produzenten von psychedelischem Pomp abzutun. Manchmal findet sich ein Bescheidwisser, der dann die Finger hebt und einwirft: „Die waren gut, solange Syd Barrett noch dabei war!“ Beide Ansichten haben ihre perspektivische Berechtigung. Zusammen ergeben sie aber einen toten Winkel von 1968 bis 1970. In der Zeit zwischen Barrett und Pomp fallen allerlei Experimente und Auftragsarbeiten, von „A Saucerful Of Secrets“ bis „Ummagumma“.

Eine dieser vergessenen Platten ist „More“, der Soundtrack zum gleichnamigen Film von Barbet Schröder. „More“ war ein Projekt, bei dem Pink Floyd absolut freie Hand hatten. Beim ersten Hören – und verglichen mit der obsessiven Homogenität späterer Alben – klingt „More“ wie eine lockere Ansammlung zerstreuter Skizzen, die man auch hätte wegwerfen können. Beim zweiten Hören fällt auf, dass beinahe jede dieser Skizzen eine Suchbewegung ist. Avantgarde, von der damals aktuellen „musique concrète“ („Quicksilver“) über flirrenden Proto-Ambient („Main Theme“) und pulsierenden Krautrock („Up The Khyber“) bis zu pastoralem Proto-Freakfolk („Cirrus Minor“) und dem Proto-Metal von „The Nile Song“ und „Ibiza Bar“. Und spätestens beim dritten Hören merkt man, dass das Album richtig gut ist; man kann hier eine Seite von Pink Floyd kennenlernen, die man womöglich davor und danach niemals wieder so sehen konnte. Es ist allemal eine Erfahrung wert und aufgrund der sehr verschiedenen Stile, die die Band auf „More“ anreisst, wird das Album im Gegensatz zum Film keinesfalls langweilig. Nicht einmal auf Dauer.

R.E.M, In Time: The Best of R.E.M. 1988 – 2003

Produzent/ Scott Litt, Pat McCarthy

Label/ Warner Bros.

Nachdem die Compilation „The Best Of R.E.M.“ (1991) ihren ersten Karriereabschnitt beleuchtete, deckte „In Time“ den zweiten ab. Die Jahre ab 1988 und vor allem ihre Zeit als Megastars, nachdem „Losing My Religion“ die Band aus Athens, Georgia im Jahr 1991 in die Stadien dieser Welt hievte. „Our career can be divided into the two parts: pre-Losing My Religion and post-Losing My Religion“, reflektiert Peter Buck in den Liner Notes, die es ausführlich zu jedem einzelnen Song in dem Booklet gibt. Und wer je an einem R.E.M. Konzert Zeuge wurde von der andächtigen Augenschliess- und Mitsummen-Orgie des Publikums, ist sich bewusst, dass hinter diesem einen Song mehr steckt als eine zarte Mandoline. Und hinter R.E.M. alles andere als oberflächliche Songs. Magie heisst so etwas wohl. Erklären kann es keiner.

Man kann höchstens versuchen, es halbwegs greifbar zu machen, indem man ihre bedeutendsten Songs versammelt. Und jene Highlights wirken um so beeindruckender, wenn sie unter sich sind und nicht von schwer bekömmlicher oder teilweise auch schwächelnder Kost unterwandert wie beispielsweise auf „Monster“ oder „Up“. Auf „In Time“ hingegen verbirgt sich 18 Songs lang kein einziger Ausfall. Vom Romantischen wie „At My Most Beautiful“ über Sonnendurchflutetes wie „Imitation Of lLfe“, Deftiges wie „What’s The Frequency, Kenneth?“, „E-Bow The Letter“ mit Patti Smith bis hin zu Euphorischem wie „The Sidewinder Sleeps Tonite“ und Traurigem wie „Everybody Hurts“ oder „Nightswimming“ ist alles vertreten, was R.E.M. Rang und Namen verschaffte. Und mit dem nostalgischen „Bad Day“ sowie dem spacigen, aber etwas unspektakulären „Animal“ noch zwei neu eingespielte Songs.

Manche mögen vielleicht „Strange Currencies“, „Bang And Blame“, „Leave“ oder „Shiny Happy People“ vermissen: Geschenkt! Vor allem, wenn die Entschädigung so wunderbar ausfällt. Vorschlag: Einfach zurücklehnen, die Augen schliessen und die Musik geniessen.

Seasick Steve, Hubcap Music, 2013

Produzent/ Seasick Steve

Label/ Fiction Records Third Man Records

Mit „Hubcap Music“ hat Steve Wold alias Seasick Steve einen neuen Gipfel erklommen. Und ist sich dennoch treu geblieben. Seine Vorliebe fürs Landleben illustriert „Down On The Farm“, ein druckvoller Electric-Blues mit ZZ-Top-Riff. Ähnlich gestrickt sind „Self Sufficent Man“ und „Freedom Road“. Ein Grund, weshalb Seasick Steve ( geb. 19. März 1951 in Oakland, Kalifornien) hier nicht ausschliesslich monotonen Boogie spielt, ist sicher, dass ihm die Gastmusiker John Paul Jones (Mandoline, Bass), Luther Dickinson (Gitarre) und Jack White, Leadgitarrist auf dem von John Lee Hooker inspirierten „The Way I Do“, ihr Händchen gehalten haben.“Purple Shadows“, ein melancholisches Country-Duett präsentiert Steve von einer gänzlich neuen Seite, auf dem bittersüssen „Over You“ offenbart er als Sänger ungeahnte Nuancen, welche durch die Mandolinen-Glissandi von Jones noch unterstrichen werden.

Die Themen der Songs stammen aus Steves Biographie: Flucht vor dem gewalttätigen Stiefvater, Leben als Gelegenheitsarbeiter, der gescheiterte Versuch, eine Existenz in der sogenannten „Normalität“ aufzubauen, später Ruhm, gestärktes Ego. In Songs wie „Self Sufficent Man“ und „Keep On Keepin‘ On“ plädiert er dafür, an Träumen festzuhalten. Kluger Mann. Den Glauben daran brauchen wir alle.

Curtis Mayfield, Superfly, 1972

Produzent/ Curtis Mayfield

Label/ Curtom

Es ist umstritten, welches der erstes Blaxploitation-Film war – d.h. ein Film mit schwarzen Schauspielern für schwarze Zuschauer über das Leben von Schwarzen in den Städten und Ghettos. Sowohl „Sweet Sweetback’s Baadassss Song“ als auch „Shaft“ kamen 1971 in die Kinos, dicht gefolgt von „Superfly“, für den Curtis Mayfield die Musik schrieb.

Mayfield, politisch engagierter Soul- und R&B-Sänger und -Komponist, unterstützte die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung. Sein Soundtrack steht im Widerspruch zum Film: Der Film „Superfly“ erzählt die Geschichte eines Kokaindealers, der versucht aus dem Drogengeschäft auszusteigen und hat keine eindeutige Botschaft – Mayfields Soundtrack hingegen schon. Seine kompromisslosen Texte lassen kein gutes Haar an der ghettotypischen Drogenverherrlichung und greifen einige der Filmfiguren direkt an.

Der Titelsong selbst – in einem Wort geschrieben – ist eine Wonne, gesungen in Mayfields unverwechselbarem Falsett. Das Intro aus Bass und Schlagzeug wurde schon häufig gesampelt; federnder Funk, akzentuiert durch Bläser und Percussion, begleitet und umspielt den Gesang. Die Musik war kommerziell sofort erfolgreich; der Soundtrack stellt den Film weit in den Schatten und war eines der ersten Konzeptalben des Soul.

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Little Richard, Here’ Little Richard, 1957

Produzent/ Bumps Blackwell

Label/ Speciality

Im Sommer 1955 brach plötzlich überall der Rock’n’Roll aus. Innerhalb weniger Wochen kamen Fats Domino, Ray Charles, Chuck Berry und Bo Diddley mit ihren Songs in die Charts. Auch Art Rupe von Speciality Records wollte unbedingt auf dieser Welle surfen. Er befahl seinem besten Talentscout, Bumps Blackwell, einen zweiten Ray Charles zu finden. Bumps fuhr nach Süden und entdeckte im legendären Dew Drop Inn in New Orleans einen extravaganten (und offensichtlich schwulen) Jump Blues Sänger und Pianisten namens Little Richard Penniman. Im September war es soweit: Bumps nahm Little Richard mit in Cosimo Matassas Studio und dort schrieben sie auf einem einspurigen Tonband Musikgeschichte.

Es war reiner Wahnsinn: Richard, Bumps, Cosimo und einige der besten Studiomusiker von New Orleans machten Aufnahmen mit geballter, schamloser, irrer Energie. „Tutti Frutti“ begann den Aufstieg in die Charts im Oktober, während „Long Tall Sally“, „Slippin’ And Slidin’“, „Ready Teddy“ und „Jenny Jenny“ 1956 folgten. Alle diese Hits befanden sich auf „Here’s Little Richard“, gekrönt mit einem unvergesslichen Foto von Richard in Aktion.

Es wurde die erfolgreichste LP des Künstlers. Als Original wird sie sich kaum noch auftreiben lassen, doch die Tracks befinden sich auf vielen Sampler. „Here’s Little Richard“ gehört zu den Stammzellen des Rock’n’Roll – aus diesem Album, und einem halben Dutzend anderer, ist das ganze Genre entstanden.

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Mavis Staples, You Are Not Alone, 2010

Produzent/ Jeff Tweedy

Label/ ANTI-

Sie ist eine der grössten Sängerinnen des 20. Jahrhunderts und hat so gut wie alles erreicht. Mavis Staples, 1939 geboren als Tochter des legendären Pop Staples und Teil der Staples Singers. Etliche Jahre wirkte ihre Karriere, wie die meisten ihrer noch lebenden Zeitgenossen, richtungslos und uninspiriert, bevor sie das Glück hatte, mit Wilcos Jeff Tweedy, ein weiterer junger Musiker der sich als Rick Rubin versuchte, ein würdiges Album zu schaffen, das ihr den Beginn einer neuen Karriere bescherte.

„You Are Not Alone“ führt Mavis Staples zu ihren Roots zurück: Es ist ein Gospelalbum, auf dem sie etliche alte Kirchensongs anstimmt, die sie schon als Teenager in der Kirche sang. Die tut sie allerdings ohne das zwanghaft euphorische und missionarische Pathos des traditionellen Gospels.

„You Are Not Alone“ ist ein zurückhaltend produziertes, blueslastiges Soulalbum, der Sound klingt so warm und herzlich, als käme er direkt aus den alten Stax-Studios und schenkt der einzigartigen Stimme von Mavis Staples viel Raum – so dass sich die alte Dame nicht mit reiner Vokalkraft in den Vordergrund kreischen muss, sondern sich ganz auf ihr Gefühl verlassen und konzentrieren kann.