John Hiatt, Slow Turning, 1988

Produzent/ Glyn Jones

Label/ A&M

Mit „Slow Turning“ hat John Hiatt sein vielleicht geschlossenstes Album abgeliefert. Angefangen vom Rocker „Drive South“ über die schönen Balladen „Trudy and Dave“, „Icy Blue Heart“, „Sometime Other Than Now“ und die Rocksongs „Ride Along“, „Slow Turning“ und „Paper Thin“ bis zum bluesigen Finale „Feels like Rain“ – alles wie aus einem Guss.

Die instrumentalische Komponente ist einfach spitze. Dies liegt nicht zuletzt an der Zusammenarbeit mit den Goners und ihrer Leitfigur Sonny Landreth, der mit seiner Gitarrenarbeit insbesondere den immer wieder eingestreuten Slides – den Liedern eine erfreuliche Dynamik verleiht. Einfach super Blues und Rock’n Roll mit etwas Country, anspruchsvolle Musik zum Geniessen. Das beste Lied für mich ist der Titelsong „Slow Turning“.

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Zappa/ Beefheart / Mothers, Bongo Fury, 1975

Produzent/ Frank Zappa

Label/ DiscReet Records

Zappa und Beefheart, zwei Schulfreunde und zwei legendäre Musiker, taten sich 1975 für eine zweimonatige USA-Tournee zusammen. „Bongo Fury“ beinhaltet einige am 20ten und 21ten Mai 1975 aufgenommene Live-Stücke. Drei Intros wurden bereits 1974 im Studio aufgezeichnet. Auch zwei Songs („Cucamonga“ und „200 Years Old“) scheinen dort entstanden zu sein.

Nach dem wegweisenden Album „Trout Mask Replica“, für das Zappa (als Produzent) und Beefheart verantwortlich zeichneten, zerstritten sich die beiden und gingen – bis zum vorliegenden Album – getrennte Wege. Der eine war ein allseits bekannter Perfektionist, der andere galt als extrem eigenwillig und unzuverlässig. Erneuter Streit war also vorprogrammiert, zumal Beefheart der nervende unsichere Faktor im perfekt einstudierten Liveprogramm von Zappa & The Mothers of Invention gewesen sein soll.

Beefheart sorgt auf diesem streckenweise bluesorientierten Album für einige unverwechselbar freakige Gesangseinsätze. Dieses vor allem in dem ausgezeichneten „Debra Kadabra“, das Blues mit zappaeskem Avantgarde-Theater verbindet. Beefheart spricht auf dieser Platte auch zwei seiner Gedichte: „Sam with the showing scalp flat top“ und „Man with the woman head“. An der musikalisch durchschnittlichen Countrynummer „Poofters Froth Wyoming Plans Ahead“ ist der von Beefheart vorgetragene Zappa-Text das einzig Interessante. Dieser Text zieht nämlich den damals anstehenden zweihundersten Geburtstag der USA durch den Kakao. Auch das bluesige „200 Years Old“ beschäftigt sich mit diesem Thema. Der Text von „Cucamonga“, einem verwinkelten Song mit comedyhaften Gospelgesängen ist nostalgisch geraten, Zappas Anfänge als Musiker betreffend.

Zappas Gitarrensolos gehören neben seinen unverwechelbaren Kompositionen, dem elfminütigen „Advance Romance“, „Dabra Cadabra“, „Carolina hard-core ecstasy“ und „Muffin man“ zu den herausragenden Momenten von „Bongo Fury“. Die meisten der obigen Stücke verwirklichen den Anspruch, gleichzeitig einprägsam, vertrackt und humorvoll zu sein.

The Clash, Give ‚Em Enough Rope, 1978

Produzent/ Sandy Pearlman

Label/ CBS Records

Mit ihrem zweiten, 1978 vom amerikanischen Produzenten Sandy Pearlman ( u.a. Blue Öyster Cult, Mahavishnu Orchestra) produzierten, Album lösten The Clash etliche Kontroversen innerhalb der damaligen Punk-Szene aus. Mainstream, Verrat schrien da einige ohne sich auch nur ansatzweise auf das Album einzulassen.

„Give ‚Em Enough Rope“ war die Einstimmung auf den Crossover-Klassiker „London Calling“ und braucht sich vor dem ebenfalls überragenden Debütalbum keinesfalls zu verstecken. Ich glaube auch nicht, daß sich Strummer, Jones und Kollegen dem amerikanischen Markt anbiedern wollten, denn dazu sind die Texte viel zu politisch. The Clash war das starre Korsett des Punk einfach zu eng und daher wandten sie sich anderen Sounds und Genres zu, um daraus ihre ureigene Musik zu entwickeln. Neben „klassischen“ Punk-Granaten à la „Tommy Gun“, „Safe European Home“, „English Civil War“ oder „Cheapskates“ finden sich Glam-Rock Anleihen, wie bei dem hymnischen „All The Young Punks“, Ska-Reggae „Julie’s Been Working For The Drug Squad“ oder gar straighter Hard-Rock „Guns On The Roof“, das von einem wüsten Abenteuer auf dem Dach eines Hotels handelt.

Ich höre dieses Album nach 40 Jahren immer noch gern. „Give ‚Em Enough Rope“ ist für mich ein weiterer Beweis für die überwältigenden Qualitäten dieser Londoner Band, auch wenn man das Album heute allzugerne in den riesigen Schatten ihrer beiden strahlenden Klassiker „The Clash (1977)“ und  „London Calling (1979)“ stellt.

Curtis Mayfield, Superfly, 1972

Produzent/ Curtis Mayfield

Label/ Curtom

Es ist umstritten, welches der erstes Blaxploitation-Film war – d.h. ein Film mit schwarzen Schauspielern für schwarze Zuschauer über das Leben von Schwarzen in den Städten und Ghettos. Sowohl „Sweet Sweetback’s Baadassss Song“ als auch „Shaft“ kamen 1971 in die Kinos, dicht gefolgt von „Superfly“, für den Curtis Mayfield die Musik schrieb.

Mayfield, politisch engagierter Soul- und R&B-Sänger und -Komponist, unterstützte die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung. Sein Soundtrack steht im Widerspruch zum Film: Der Film „Superfly“ erzählt die Geschichte eines Kokaindealers, der versucht aus dem Drogengeschäft auszusteigen und hat keine eindeutige Botschaft – Mayfields Soundtrack hingegen schon. Seine kompromisslosen Texte lassen kein gutes Haar an der ghettotypischen Drogenverherrlichung und greifen einige der Filmfiguren direkt an.

Der Titelsong selbst – in einem Wort geschrieben – ist eine Wonne, gesungen in Mayfields unverwechselbarem Falsett. Das Intro aus Bass und Schlagzeug wurde schon häufig gesampelt; federnder Funk, akzentuiert durch Bläser und Percussion, begleitet und umspielt den Gesang. Die Musik war kommerziell sofort erfolgreich; der Soundtrack stellt den Film weit in den Schatten und war eines der ersten Konzeptalben des Soul.

Art Blakey and the Jazz Messengers, Moanin‘, 1959

Produzent/ Alfred Lion

Label/ Blue Note Records

Es groovt, es hat Gospel-Schmelz und ist mit wenigen Tönen so einprägsam wie manche Hookline von den Beatles oder – beinahe – das Klopfmotiv von Beethovens Fünfter. „Moanin'“ heisst das Stück, eine Komposition von Pianist Bobby Timmons – die Titelnummer dieses Albums mit Blakeys gelb eingefärbtem Gesicht auf dem Cover.

Schlagzeuger Art Blakey war ein Meister kompakter und doch lässig durchlaufender Rhythmen, in denen er Akzente setzte durch Drum-Wirbel, die so wirkten, als hole die Musik tief Luft und richte sich auf. Der Gesamtklang der Band schien stolz und kraftvoll afroamerikanisches Selbstbewusstsein zu unterstreichen. Blakey hatte damals die wohl konturenschärfste Besetzung seiner Jazz Messengers: Trompeter Lee Morgan und Saxophonist Benny Golson, Pianist Bobby Timmons, Bassist Jymie Merritt. Ausser dem dem Titelstück stammen vier Nummern von Golson.

In nur ganz wenigen Aufnahmen des Jazz stimmen Inhalt und Atmosphäre so perfekt überein wie auf diesem Album. Der Sound, der in dem berühmten Rudy van Gelder Studio in Hackensack, New Jersey, aufgenommen wurde, hat eine nachtblaue Tiefe und zugleich eine Klarheit, die das Nonplusultra für diese Stücke sind. Alles wirkt organisch: die Themen, die Tempi – und viele hervorragende Soli der Bandmitglieder, vorallem das epochemachende von Lee Morgan im Titelstück.

Big Joe Turner & His Blues Kings, Shake, Rattle and Roll, 1954

Text/Musik/ Charles E. Calhoun

Produzenten/ Ahmet Ertegun, Jerry Wexler

Label/ Atlantic

Die bemerkenswerte Karriere von Big Joe Turner reichte von den 1930er Jahren bis in die 80er. Mitten im Boogie-Woogie-Fieber kam er als Blues-Shouter von Kansas City nach New York. Während eines katastrophalen Auftritts mit der Band von Count Basie brachten ihn boshafte Zwischenrufe aus dem Konzept. Der Boss von Atlantic Records, Ahmet Ertegun, wollte ihn trotzdem unter Vertrag nehmen und machte R&B-Aufnahmen mit ihm.

Zwischen 1951 und 1956 hatte Turner 14 Hits in den R&B-Ten. „Shake, Rattle and Roll“ führte nicht nur die R&B-Liste an, sondern erreichte auch Platz zwei der Pop-Charts. Jazz-Veteran Jesse Stone aus Kansas City schrieb den Song unter dem Pseudonym Charles E. Calhoun. Der treibende Rhythmus von „Shake, Rattle and Roll“ ermöglichte es Turner, die Rolle des Liebhabers voll auszukosten. Bill Haley und Elvis Presley coverten den Song, wenn auch textlich abgeschwächt, ohne sexuelle Anspielungen („Way you wear those dressses, the sun comes shinin‘ through/ I can’t believe my eyes, all that mess belongs to you“).

Turner war 43, als er mit „Shake, Rattle and Roll“ den grössten Hit seiner Karriere landete und überraschend vom Phänomen Rock‘ n‘ Roll profitierte. Nach 1958 blieben die Hits aus, aber Turner war bis zu seinem Tod im Alter von 74 Jahren hinter dem Mikrophon.

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Eurythmics, When Tomorrow Comes, 1986

Text/Musik/ Annie Lennox, Dave Stewart

Produzent/ Dave Stewart

Label/ RCA Records

1986 war für die Eurythmics das Jahr, in dem sie sich vom reinen Pop abwandten und rockigere Töne anschlugen. Das äusserte sich auf dem Album „Revenge“ und dessen Singles. Dabei war „When Tomorrow Comes“ die erste Single des Albums, und sie war weit weniger erfolgreich als das, was die Beiden vorher so machten. Annie Lennox erzählt hier die Geschichte der Big Mama, die ihren Guten beschützt. Eigentlich ist der Inhalt eine banale Nachtmusik, wäre da nicht der pop-rockige Hintergrund mit Saxophon, Gitarren, Schlagzeug und mehrstimmigem Satzgesang. Eine Kontroverse, die so ziemlich alle Bands, die aus dem New Wave kommen, mit sich herumgetragen haben.

Das Album „Revenge“, auf dem sich „When Tomorrow Comes“ befindet, wurde damals eher als Enttäuschung wahrgenommen,  denn es gab tatsächlich keine Spur mehr vom Wave-Pop, so wie noch auf den Vorgängeralben „Sexcrime“ oder „Love Is A Stranger“, ganz zu schweigen von „Sweet Dreams“. Anderseits war Wave-Pop 1986 schon vorbei und das wussten Dave und Annie und konzentrierten sich vorallem auf poporientierte Powersongs. Ich finde „When Tomorrow Comes“ auch heute noch richtig gut, weil es eben doch anders ist als frühere Sachen. Aber das muss ja nichts heissen, oder?

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Little Richard, Here’ Little Richard, 1957

Produzent/ Bumps Blackwell

Label/ Speciality

Im Sommer 1955 brach plötzlich überall der Rock’n’Roll aus. Innerhalb weniger Wochen kamen Fats Domino, Ray Charles, Chuck Berry und Bo Diddley mit ihren Songs in die Charts. Auch Art Rupe von Speciality Records wollte unbedingt auf dieser Welle surfen. Er befahl seinem besten Talentscout, Bumps Blackwell, einen zweiten Ray Charles zu finden. Bumps fuhr nach Süden und entdeckte im legendären Dew Drop Inn in New Orleans einen extravaganten (und offensichtlich schwulen) Jump Blues Sänger und Pianisten namens Little Richard Penniman. Im September war es soweit: Bumps nahm Little Richard mit in Cosimo Matassas Studio und dort schrieben sie auf einem einspurigen Tonband Musikgeschichte.

Es war reiner Wahnsinn: Richard, Bumps, Cosimo und einige der besten Studiomusiker von New Orleans machten Aufnahmen mit geballter, schamloser, irrer Energie. „Tutti Frutti“ begann den Aufstieg in die Charts im Oktober, während „Long Tall Sally“, „Slippin’ And Slidin’“, „Ready Teddy“ und „Jenny Jenny“ 1956 folgten. Alle diese Hits befanden sich auf „Here’s Little Richard“, gekrönt mit einem unvergesslichen Foto von Richard in Aktion.

Es wurde die erfolgreichste LP des Künstlers. Als Original wird sie sich kaum noch auftreiben lassen, doch die Tracks befinden sich auf vielen Sampler. „Here’s Little Richard“ gehört zu den Stammzellen des Rock’n’Roll – aus diesem Album, und einem halben Dutzend anderer, ist das ganze Genre entstanden.