Bildschirmfoto 2020-05-11 um 10.19.44.png

Eurythmics, When Tomorrow Comes, 1986

Text/Musik/ Annie Lennox, Dave Stewart

Produzent/ Dave Stewart

Label/ RCA Records

1986 war für die Eurythmics das Jahr, in dem sie sich vom reinen Pop abwandten und rockigere Töne anschlugen. Das äusserte sich auf dem Album „Revenge“ und dessen Singles. Dabei war „When Tomorrow Comes“ die erste Single des Albums, und sie war weit weniger erfolgreich als das, was die Beiden vorher so machten. Annie Lennox erzählt hier die Geschichte der Big Mama, die ihren Guten beschützt. Eigentlich ist der Inhalt eine banale Nachtmusik, wäre da nicht der pop-rockige Hintergrund mit Saxophon, Gitarren, Schlagzeug und mehrstimmigem Satzgesang. Eine Kontroverse, die so ziemlich alle Bands, die aus dem New Wave kommen, mit sich herumgetragen haben.

Das Album „Revenge“, auf dem sich „When Tomorrow Comes“ befindet, wurde damals eher als Enttäuschung wahrgenommen,  denn es gab tatsächlich keine Spur mehr vom Wave-Pop, so wie noch auf den Vorgängeralben „Sexcrime“ oder „Love Is A Stranger“, ganz zu schweigen von „Sweet Dreams“. Anderseits war Wave-Pop 1986 schon vorbei und das wussten Dave und Annie und konzentrierten sich vorallem auf poporientierte Powersongs. Ich finde „When Tomorrow Comes“ auch heute noch richtig gut, weil es eben doch anders ist als frühere Sachen. Aber das muss ja nichts heissen, oder?

Bildschirmfoto 2020-05-10 um 09.53.27.png

Little Richard, Here’ Little Richard, 1957

Produzent/ Bumps Blackwell

Label/ Speciality

Im Sommer 1955 brach plötzlich überall der Rock’n’Roll aus. Innerhalb weniger Wochen kamen Fats Domino, Ray Charles, Chuck Berry und Bo Diddley mit ihren Songs in die Charts. Auch Art Rupe von Speciality Records wollte unbedingt auf dieser Welle surfen. Er befahl seinem besten Talentscout, Bumps Blackwell, einen zweiten Ray Charles zu finden. Bumps fuhr nach Süden und entdeckte im legendären Dew Drop Inn in New Orleans einen extravaganten (und offensichtlich schwulen) Jump Blues Sänger und Pianisten namens Little Richard Penniman. Im September war es soweit: Bumps nahm Little Richard mit in Cosimo Matassas Studio und dort schrieben sie auf einem einspurigen Tonband Musikgeschichte.

Es war reiner Wahnsinn: Richard, Bumps, Cosimo und einige der besten Studiomusiker von New Orleans machten Aufnahmen mit geballter, schamloser, irrer Energie. „Tutti Frutti“ begann den Aufstieg in die Charts im Oktober, während „Long Tall Sally“, „Slippin’ And Slidin’“, „Ready Teddy“ und „Jenny Jenny“ 1956 folgten. Alle diese Hits befanden sich auf „Here’s Little Richard“, gekrönt mit einem unvergesslichen Foto von Richard in Aktion.

Es wurde die erfolgreichste LP des Künstlers. Als Original wird sie sich kaum noch auftreiben lassen, doch die Tracks befinden sich auf vielen Sampler. „Here’s Little Richard“ gehört zu den Stammzellen des Rock’n’Roll – aus diesem Album, und einem halben Dutzend anderer, ist das ganze Genre entstanden.

Bildschirmfoto 2020-04-16 um 10.03.59.png

The Rolling Stones, Paint It Black, 1966

Text/Musik/ Mick Jagger, Keith Richards

Produzent/ Andrew Loog Oldham

Label/ Decca

Die zehnte Single der Stones – Nr.1 auf beiden Seiten des Atlantiks – warf einen bemerkenswerten Schatten auf den sonnigen Optimismus der Popmusik des Jahres 1966. „Paint It Black“ ist Blues, aber nihilistischer als alles, was die Band zuvor hervorgebracht hatte. Mick Jaggers Text  „I have to turn my head until my darkness goes“ bezieht sich auf James Joyces Roman „Ulysses“ und nimmt den Tod eines lieben Menschen als Katalysator für eine verzweifelte, hoffnungslose Weltsicht. „Es ist wie das Anfangsstadium miserabler Psychedelica“, sage Jagger später. „Da haben die Rolling Stones etwas in Gang gesetzt.“

Die stärkste musikalische Ausstrahlung hat hier die Sitar von Brian Jones. Sie hat etwas Verwirrendes, leicht Bedrohliches an sich, und durch sie ist der Song ein viel erfolgreicherer Ausflug ins Psychedelische als die Platte „Their Satanic Majesties Request“ aus dem Jahr 1967. Die Aufnahmesession hätte nirgendwohin geführt, hätte Jones nicht sich nicht exotische Instrument geschnappt und angefangen, ihm Töne zu entlocken. „Wir haben’s mit funky Rhythmen probiert, und es hat funktioniert“, so Richards später; „er hat angefangen Sitar zu spielen und alle sind eingestiegen.“ Jones zauberte gekonnt einen hypnotischen Drone, und am Ende doppelte Bill Wyman seinen Bass mit den Basspedalen der Orgel.

Scheppernder Garagenpunk – Charlie Watts Drums pochen unerbittlich wie Migräne – gepaart mit abgrundtiefer Trauer. „Paint It Black“ ein mitreissendes Requiem des Pop.

R-2316677-1282336926.jpeg.jpg

Jethro Tull, Locomotive Breath, 1971

Text/Musik/ Ian Anderson

Produzent/ Ian Anderson

Label/ Island

„Locomotive Breath“ ist für mich einer der brillantesten Titel Jethro Tulls aus dem Album „Aqualung“. Ian Anderson, Kopf, Sänger und Flötist von Jethro Tull erklärte, „Locomotive Breath“ sei ein nicht unbedingt todernstes Lied darüber, wie ein Mensch unaufhaltsam und führerlos durchs Leben und schliesslich in den Tod rast.

„He feels the piston scraping, steam breaking on his brow, Old Charlie stole the handle, and the train it won’t stop going – no way to slow down.“ Der unglückliche Mann in seinem führerlos dahinstampfenden Lebenszug muss zusehen, wie seine Kinder an verschiedenen Bahnhöfen eines nach dem anderen vom Zug herunterspringen, und er weiss, dass irgendwo seine Frau sich mit seinem besten Freund im Bett vergnügt. Was seine Stimmung sicherlich auch nicht gerade hebt. Er kriecht auf Knien und Händen durch dier Gänge des Zuges, hört das Heulen der Stille und fängt fallende Engel auf, und der ewige Gewinner (damit ist wahrscheinlich Gott gemeint) hat ihn fest am Sack.

Der Mann greift zu Gideons Bibel, die auf Seite 1 aufgeschlagen ist (dort steht in der Schöpfungsgeschichte der Gegenentwurf zu Charles Darwins Evolutionstheorie)  und sagt sich „Gottlob hat er (Old Charlie) den Griff geklaut“. „The train it won’t stop going, no way to slow down.“

Bildschirmfoto 2020-04-09 um 08.48.49.png

Mavis Staples, You Are Not Alone, 2010

Produzent/ Jeff Tweedy

Label/ ANTI-

Sie ist eine der grössten Sängerinnen des 20. Jahrhunderts und hat so gut wie alles erreicht. Mavis Staples, 1939 geboren als Tochter des legendären Pop Staples und Teil der Staples Singers. Etliche Jahre wirkte ihre Karriere, wie die meisten ihrer noch lebenden Zeitgenossen, richtungslos und uninspiriert, bevor sie das Glück hatte, mit Wilcos Jeff Tweedy, ein weiterer junger Musiker der sich als Rick Rubin versuchte, ein würdiges Album zu schaffen, das ihr den Beginn einer neuen Karriere bescherte.

„You Are Not Alone“ führt Mavis Staples zu ihren Roots zurück: Es ist ein Gospelalbum, auf dem sie etliche alte Kirchensongs anstimmt, die sie schon als Teenager in der Kirche sang. Die tut sie allerdings ohne das zwanghaft euphorische und missionarische Pathos des traditionellen Gospels.

„You Are Not Alone“ ist ein zurückhaltend produziertes, blueslastiges Soulalbum, der Sound klingt so warm und herzlich, als käme er direkt aus den alten Stax-Studios und schenkt der einzigartigen Stimme von Mavis Staples viel Raum – so dass sich die alte Dame nicht mit reiner Vokalkraft in den Vordergrund kreischen muss, sondern sich ganz auf ihr Gefühl verlassen und konzentrieren kann.

Bildschirmfoto 2020-03-22 um 17.06.33.png

Buffalo Springfield, For What It’s Worth, 1967

Text/Musik/ Stephen Stills

Produzent/ Charles Greene

Label/ Atco

„For What It’s Worth“ war während der Jugendunruhen Mitte und Ende der 60er Jahre eine Anti-Establishment-Hymne. Zur West-Coast Gruppe Buffalo Springfield gehörten zwei Songwriter, die an der Entwicklung der US-Rockmusik noch wesentlichen Anteil haben sollten: Neil Young und Stephen Stills. Stills zeitgemässer Protestsong – der einzige grosse Hit der Band – fing den aufkommenden Geist jugendlicher Selbstbestimmung ein.

Der Song beschreibt die Konfrontation zwischen Polizei und Jugendlichen 1966 am Sunset Boulevard in West Hollywood. Hunderte von jungen Leuten trafen sich auf dem Gehweg vor den beliebten Clubs „Pandora’s Box“ und „The Whisky A Go-Go“, was aufgeregte örtliche Geschäftsleute dazu bewog, die Polizei zu rufen. Stephen Stills war Zeuge der daraus hervorgehenden Unruhen, Schlägereien und Festnahmen. Höchst beunruhigt schrieb er einen Song darüber, dass nur wenige Häuserblocks von seinem Zuhause entfernt solche Schlachten ausgetragen wurden.

Die Zeile „There is something happening here. What it is ain’t exactly clear“ bezeichnet sehr schön den Zustand, wenn einem die Worte fehlen. Es ist die Erfahrung einer Sprachlosigkeit, wie wir sie auf einmal überall in beunruhigenden Phänomene konstatieren: Geschäfte schliessen, bestimmte Güter werden knapp, Ausgangssperren werden verhängt, Grenzen dicht gemacht, die häusliche Gewalt steigt, Amerikaner kaufen vermehrt Waffen – ein Muster von Symptomen von etwas, aber von was? Bekommen wir es nun tatsächlich mit der Wucht und Komplexität einer planetarischen Krise zu tun, gegenüber der wir sprachlos sind?