Deep Purple, Made In Japan, 1972

Produzent/ Deep Purple

Label/ Purple Records

Auf Deep Purple war ich im Frühling 1969 bei der Abschlussfeier in der Sekundarschule gestossen. Während ich still eine Cola trank, übten sich ein paar coole Mitschüler im Ausdruckstanz. Dazu lief ein Song mit einem prägnanten „Na Na Na“ im Refrain. Ein paar Tage später kaufte ich mir bei Musik Hug das Purple-Album „The Book Of Taliesyn“. Zu Hause war ich etwas enttäuscht, irgendwie klang das alles nicht schlecht, aber doch völlig anders als das, was ich bei der Abschlussfeier gehört hatte. Beim nächsten Album hatte ich mehr Glück. „Deep Purple In Rock“ war ein wegweisendes Album. Wahrscheinlich kann sich meine Mutter noch daran erinnern, wie ich die Platte immer wieder aufgelegt habe, vorallem „Child In Time“ war hier das absolute Masterpiece. Und ziemlich genau am Ende meiner Lehrzeit kaufte ich mir das goldene Doppelalbum „Made In Japan“ mit den Live-Aufnahmen aus Osaka und Tokio. Gegenüber den Studioeinspielungen legen Deep Purple hier noch einen Zacken zu. Sie befinden sich sozusagen auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Besonders „Smoke On The Water“ beeindruckt, das in der Live-Version von Blackmore variiert wird. Auch den Übersong „Child In Time“ kann die Band in „Made In Japan“ mit Leichtigkeit bewältigen.

Creedence Clearwater Revival, Bayou Country, 1969

Produzent/ John Fogerty

Label/ Fantasy

Creedence Clearwater Revival waren eine phantastische Band, die mit vier Mann Besetzung so hart klingt wie eine Band mit grösserer Besetzung. Drei von CCR John Fogerty (Gesang, Lead-Gitarre), Stu Cook (Bass) und Doug Clifford (Drums) waren gerade mal 23 Jahre jung, als ihr erstes Album erschien und spielten schon seit 1958 zusammen. 1965 kam John’s älterer Bruder Tom Fogerty (Gesang, Rhythmusgitarre) hinzu, und ab 1967 nannten sie sich Creedence Clearwater Revival. Ihre Single „Proud Mary“ war damals auch hierzulande in den Hitparaden vertreten, doch man musste schon die beiden ersten LP’s hören, um die Band richtig kennenzulernen.

Die Musik von CCR ist mit den Jahren in mir gewachsen: es eine sehr einfache, unkomplizierte Musik, die einem zunächst einmal aufspringen und tanzen lässt. Doch beim öfteren Hören gewinnen die unglaublich präzisen und gekonnt ausgetüftelten Rhythmusänderungen, Background-Riffs und schliesslich John Fogerty’s Art, einen Song wie beispielsweise „Born On The Bayou“, „Graveyyard Train“, ,Proud Mary“ oder ,,Keep On Chooglin“ frenetisch hinauszusingen, immer mehr an Bedeutung. Die vier San Francisco-Musiker verstanden es wie kaum eine andere Band in den späten 60er und in den frühen 70er Jahren, mit einfachen, aber interessanten musikalischen Mitteln dem Zuhörer puren Spass zu bereiten.

The Ramones, Leave Home, 1977

Produzent/ Tony Bongiovi

Label/ Sire Records

Manchmal verfolgt einen tage- oder sogar wochenlang eine Melodie, womöglich noch ein Schlager, den man eigentlich gar nicht ausstehen kann. So habe ich letzthin im Radio „Glad To See You Go Go Go“ von den Ramones gehört und seither nudelt dieses Lied vor meinem inneren Ohr. Auch von der Platte „Leave Home“, auf der sich der Song befindet, kann ich zur Zeit nicht genug bekommen, ich kann zur Tages- und Nachtzeit einen Song vertragen.

„Leave Home“ ist das zweite Album der Ramones. Geändert hat sich seit ihrem Debüt-Album nicht viel, nur dass „Leave Home“ vielseitiger produziert ist. Der Sound kommt für damalige Verhältnisse sehr „fett“ rüber. Die nächste Neuerung findet sich in den Backing Vocals, die auf dem Debüt noch eher rar gesät waren. Hier gibt es in so gut wie jedem Song eine zweite Stimme oder an die Beach Boys erinnernde Background-Chöre, die den rauen Gitarrenklängen entgegenwirkend einen Hauch Surf-Pop geben. Auch das Songwriting geht in eine etwas freundlichere Ecke, als die Lieder des ersten Albums. „I Remember You“ oder „Oh Oh I Love Her So“ sind da programmatisch. Aber für „Carbona Not Glue“ gab es wirklich Ärger, weil eine Reinigungsfirma ein Trademark auf diese Chemikalie angemeldet hatte. Der Song wurde von allen Nachpressungen des Albums genommen und durch „Sheena Is A Punk Rocker“ ersetzt.

The Gil Evans Orchestra Plays The Music Of Jimi Hendrix, 1974

Produzent/ Mike Lipskin

Label/ RCA Victor, Bluebird

Miles Davis liebte nicht nur die Musik von Jimi Hendrix, sondern auch seine bunten („weissen“) Klamotten; die er ähnlich bald selbst anzog. Selbst als Miles Davis Frau Betty in die Girlande der Hendrix-Frauen abwanderte und sich von Miles scheiden liess, behielt dieser die Freundschaft zu Hendrix bei. Sie hatten Pläne für eine gemeinsame Musik. Ebenso Pläne mit Gil Evans, dem Pianisten und Bandleader, der mit Miles Davis den Big Band Sound des Cool Jazz erfunden und mit ihm die „Sketches Of Spain“ aufgenommen hatte; sich aber dann immer stärker dem Free-Spiel , inspiriert von Sun Ra, zuwandte. Er bestückte seine Band mit einer E-Gitarre und produzierte eine ganze LP mit Hendrix Stücken ohne Vocals; immer wieder gespielt von Gil-Evans-Formationen in den Jahrzehnten nach Hendrix’ Tod, am schönsten in einem Konzert in Hamburg im Oktober 1986.

Der Trompeter, der die rasanten Soli bläst in Gil Evans’ Hendrix-Bearbeitungen, heisst Miles – Miles Evans hatte Gil Evans seinen Sohn getauft, als Hommage an seine epochalen Collaborations mit Miles Davis. Und der Sohn hat es ausgehalten. Er ist ein phantastischer Trompeten-Spieler geworden. Vielleicht hätte sich Jimi Hendrix sowas auch gewünscht mit seinem Vater Al. Der konnte aber nur gut tanzen, nicht spielen.

Joe Walsh, So What, 1974

Produzent/ Joe Walsh, John Stronach, Bill Szymczyk

Label/ ABC-Dunhill

Joe Walsh ist keiner dieser „Hoppla, jetzt komm ich“-Gitarristen, die sich als grosse Gitarren-Kings feiern lassen, kaum dass sie drei Griffe kennen, aber nach all den schönen Platten, die er mit der James Gang und den Eagles gemacht hat und nach mehreren ebenso schönen Solo-Alben hat sein Name wohl auch ohne grösseren Hype die Runde gemacht. Oder?

Auf „So What“ ist Walsh ein abgeklärter Rocker, der zwar noch ab und zu die Krallen zeigt und ein paar harte Riffs aus seiner Gitarre schlägt, der sich aber eigentlich in subtileren, verträumten Gefilden viel wohler fühlt. Ganz behutsam baut er seine Musik auf, lässt sich viel Zeit, schwimmt auf einem langsamen, fliessenden Tempo, baut die Spannung in grossen Bögen auf und ab. Über Allem liegt ein tranceartiger Schleier, der ohne gewisse psychedelische Sächelchen sicher da nicht hängen würde. Und hat sich die Musik einmal in einem dieser psychedelischen Seitentäler zu weit verloren, dann bringt er die Sache wieder ganz, ganz langsam ins Rollen, kurbelt vorsichtig an, bringt die Lokomotive auf Touren, schiebt ein paar Riffs nach. Und so geht das auf und ab, rauf und runter, eine angetörnte Berg- und Talfahrt, die auf die Dauer einen ganz schön hypnotischen Effekt hat. Um den aber wirklich mitzubekommen, muss man das gesamte Album schon durchgehend hören. Denn erst dann merkt man auch, wieviel Arbeit hinter der Platte steckt, wie überlegt und gelassen diese Musik aufgebaut ist.

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The Jesus & Mary Chain, Darklands, 1987

Produzent/ William Reid, Bill Price, John Loder

Label/ Blanco y Negro

Es gibt eine Form des Pop-Songs, wie zum Beispiel „Marmor, Stein und Eisen bricht“ oder „Final Solution“ oder „Heroes“, die nur von dem Gegensatz zwischen einem Abwarten, Zurückhalten im A-Teil und dem Zuschlagen im Refrain lebt. Diese Form perfektionieren The Jesus & Mary Chain auf ihrer zweiten LP. Zu dieser Form, die für die erste grosse Sophistication der Pop-Musik in den mittleren Sechzigern steht, bevor Underground, Wut und Politik und Drogen zur Musik stiessen, verhalten sich The Jesus & Mary Chain etwa so wie sich die Ramones zur Beat/ Trashpop-Form der frühen 60er verhalten.

Wichtig ist, dass bei The Jesus & Mary Chain der Moment des Zuschlagens immer das Einsetzen eines ganz bestimmten, gebremst expressiven Gitarrengewitters ist. Gewitter ist hier ausnahmsweise mal nicht als Metapher gemeint. Das Thema von „Darklands“ ist der Regen („April Skies“, „Happy When It Rains“, „Nine Million Rainy Days“), das sich Senken, das Herabfallen („Fall“, „Down On Me“), die Verdunkelung, das gebremste, gleichmässige Herniedergehen von Gitarrenschrumschrumm, das vorher im A-Teil zurückgehalten wurde, und als Zurückbehaltenes wohl immer präsent war, also eine Entsprechung in den Stimmungen, von denen die Texte sprechen: Text und Musik haben also etwas miteinander zu tun. Jesus & Mary Chain beweisen, dass es das Höchste sein kann, genau zwei Dinge sinnvoll miteinander zu verknüpfen (Text und Musik, oder Melodie und Lärm, A-Teil und B-Teil). Und genau das gelingt ihnen, in ihren auf das Nötigste zusammengeschnurrten Songs, restlos.

Fats Domino, The Fats Domino Jukebox, 2002

Produzent/ Dave Bartholomew

Label/ Crescent City Soul

Der kleine, dicke Mann mit der Brikettfrisur und der sternförmigen, überdimensionalen Brillantenuhr, der am Ende seines Auftritts den Flügel mit seinem Schmerbauch über die Bühne geschoben hat, habe ich Mitte der siebziger Jahre einmal in Montreux live erlebt. Ob er nach dem Konzert im Casino verschwunden ist? Es heisst, er soll in den sechziger Jahren rund eine Million Dollar beim Glücksspiel verloren haben. Auf alle Fälle finde ich es nett, immer mal wieder was von Antoine „Fats“ Domino zu hören. Auch wenn es immer wieder dieselben alten Kamellen sind. Weiss der Geier, wie oft er diese Stücke auf wieviel verschiedenen Platten bei wieviel verschiedenen Plattenfirmen aufgenommen hat. Wenn er sich, wie hier, mit seiner ungeheuer trockenen Stimme durch Nummern wie „Blueberry Hill“, „Ain’t That A Shame“, ,“All By Myself“, „I’m Walkin“ usw. röhrt, dann denk‘ ich an jene Zeit, als meine Schuhe noch spitz, meine Haare noch lang und meine Jeans noch röhrenförmig waren. Als ich mit zuckenden Knien am Rand der Raupenbahn stand und schon mutig nach Mädchen Ausschau hielt. Hat da einer Nostalgie gesagt? Ach, ihr kennt das auch alle, und über Fats Domino braucht man sowieso nichts mehr zu erzählen? Nun gut, dann möchte ich hier nur noch kurz sagen, dass „The Fats Domino Jukebox“ ein Album mit zwanzig schönen Nummern des kleinen Dicken ist.

Frank Zappa And The Mothers Of Invention, Cruising With Ruben & The Jets, 1968

Produzent/ Frank Zappa

Label/ Verve Music Group

Lieder wie „Love Of My Life“. Lieder von der grossen Liebe, den Sternen im Himmel, die niemals lügen, pflegte Ruben Sano zu singen. 19 Jahre war er damals alt, und eines Tages verliess er die Band und sang nicht mehr. Bis er sich dann 10 Jahre später wieder daran erinnerte, die alten Rock-Titel ausgrub, dabei ein Foto wiederentdeckte und dieses Foto auf die Rückseite der Platte „Ruben & The Jets“ packte. Das Foto zeigt ihn als jungen Frank Zappa. Denn Zappa hat dieses merkwürdige Album mit seinen Mothers of Invention gemacht. Ruben Sano ist sozusagen das Alibi für die Erinnerung an die Rock-Schnulzen, von denen mancher Kritiker meinte, Zappa habe sie gemacht, um neues Geld zu scheffeln. Davon kann keine Rede sein; denn das Album verkaufte sich schlecht.

Das hat seinen Grund; denn die Mothers of Invention singen nicht nur von der grossen Liebe und dass sie jemanden zum Lieben brauchen, singen nicht nur banale Rock-Texte, sondern verfremden sie durch sehr einfache Ironisierung. Von den früheren komplizierten und aggressiven Collagen sind nur jene Einschübe geblieben, die das gerade Gehörte lächerlich machen. Die Stimme wird plötzlich zum Engelsstimmchen verzittert oder zum Opernvibrato gedehnt. In den monotonen Rhythmus spricht plötzlich eine Stimme, ein Laut hinein. „Crusing With Ruben & The Jets“ ist sehr wohl eine Hommage an die Musik von Zappas Jugend, doch nicht als nostalgische Rückkehr zur damaligen „Wirklichkeit“. In den Songs zeigt Zappa eine kritische Auseinandersetzung mit dem Doo-Wop-Genre, die sich sich mitunter auch als politische Agitprop versteht.

The Who, Boris The Spider, 1966

Text/ Musik/ John Entwistle

Produzent/ Kit Lambert

Label/ Polydor

Die finanzielle Situation von The Who war ziemlich desolat, als 1966 ihr zweites Album fällig war. Mit der Plattenfirma hatten sie einen Vorschuss von fünfhundert Pfund ausgehandelt, der jedoch erst ausgezahlt werden sollte, wenn jedes Bandmitglied zwei Songs abgeliefert hatte. Nachdem sie John Entwistles „Whisky Man“ geübt hatten, erkundete sich Pete Townshend bei seinem Bassisten, ob er seinen zweiten Song schon fertig habe. Um nicht als faul zu erscheinen, nickte Entwistle zustimmend, der allerdings lieber mit Bill Wyman und Charlie Watts um die Häuser gezogen war, statt im stillen Kämmerlein zu komponieren. Townshend wollte Näheres wissen: „Wovon handelt er?“ Von einer Spinne. „Wie heisst er?“ Entwistle wand sich schuldbewusst und druckste rum. Als er mit Bill und Charlie zechen war, hatten sie, schon ziemlich angeheitert, spasseshalber blöde Tiernamen erfunden und so stammelte er schliesslich: „Oh, äh, ‚Boris The Spider‘.“

Als dann Townshend auch noch wissen wollte, wie der Song geht, kam Entwistle in Panik. Er eilte nach Hause und schrieb das Ding in einem Rutsch. „Es war der schnellste Song, den ich je in meinem Leben geschrieben habe.“

Leon Russell, 1970

Produzent/ Denny Cordell, Leon Russell

Label/ Shelter Records

Einen Künstler habe ich letztes Jahr für mich wiederentdeckt, der mich immer noch erstaunt und überrascht. Die Rede ist von Leon Russell, ein Multitalent, das nicht nur mit unfassbar vielen Grössen der Musikgeschichte zusammengearbeitet hat, darunter Frank Sinatra, den Stones, Elton John, Bob Dylan, George Harrison, Willie Nelson oder Joe Cocker, um bloss mal ein paar Namen nennen. Russell, der 2016 mit 74 Jahren starb, war Songwriter, Arrangeur, Produzent, Sänger, Pianist und eigentlich in sämtlichen Stilrichtungen der modernen amerikanischen Musikgeschichte zuhause. Country, Bluegrass, Rock’n’Roll, Soul, Folk, R’n’B bis Surf, es gibt eigentlich nichts, was er nicht beherrschte.

Wer in die verrückte Welt von Leon Russell eintauchen will, sollte Ausschau halten nach der Film-Documentary „A Poem is a Naked Person“ von Les Banks, die Aufnahmen aus den Jahren 1972 bis 1974 zeigt. Ebenfalls empfehlen kann ich die erste Solo-Produktion von Mr. Russell, die damals auf seinem eigenen Label Shelter-Records erschien. Was man hier zu hören bekommt, ist eine vollständige, perfekte und völlig unzeitgemässe Verschmelzung der obengenannten Stilrichtungen. Alle Tracks sind straight konzentriert, und dennoch sprüht eine ungeheure Spielfreude aus ihnen. Das gilt nicht nur für die Ur-Version von „Delta Lady“ (Joe Cocker). Zwei Songs sind noch besonders zu erwähnen: Der Opener „A Song For You“ und „Hummingbird“. Zudem ist auf der CD-Ausgabe auch eine Version von Dylans „Master Of War“ enthalten, das Russell damals unter erheblicher Verfremdung coverte.